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Ärzte wissen zu wenig über Genitalverstümmelung

Dortmund. Deutsche Ärzte müssen stärker für das Thema Genitalverstümmelungen bei Frauen sensibilisiert werden, ist die Generalsekretärin des Weltärztinnenbundes, Dr. Waltraud Diekhaus, überzeugt. Die Dortmunder Ärztin vermutet, dass in Deutschland lebende Eltern aus den entsprechenden Ländern mit ihren Töchtern viel seltener zum Arzt gehen als mit den Söhnen, nicht zuletzt um die Folgen der - in Deutschland verbotenen - Verstümmelung zu verbergen. "Leider gibt es zu diesem Thema keine Daten, hier besteht noch großer Forschungsbedarf", so Waltraud Diekhaus. Sie will sich besonders für die Fortbildung von Kinderärzten einsetzen, um über die Problematik zu informieren.

Bei Dr. Sigurd Milde rennt sie mit ihrem Anliegen offene Türen ein. Er plant eine solche Fortbildungsveranstaltung für Kollegen. "Ärzte müssen lernen, auf dieses Thema zu achten", sagte Milde zur deutschen "Ärzte Zeitung". Gerade um mit den Eltern darüber sprechen zu können, bräuchten die Ärzte Informationen über die Genitalverstümmelung und die kulturellen Hintergründe. Zu den Eingriffen an den Mädchen gehören die Abtrennung von Klitorisvorhaut, -spitze oder gesamter Klitoris und die Infibulation, bei der nach der kompletten Entfernung der äußeren Geschlechtsteile die Wundränder bis auf eine kleine Öffnung zugenäht werden. "Mir ist aufgefallen, dass ich zwar immer wieder Jungen aus diesen Kulturkreisen in meiner Praxis sehe, aber nie Mädchen", bestätigt Milde Diekhaus?Vermutungen. Der Sprecher der Dortmunder Pädiater arbeitet mit dem Arbeitskreis "Wir brechen ein Tabu" in Dortmund zusammen, der sich die Aufklärung über Genitalverstümmelungen auf die Fahnen geschrieben hat. Unverständlich ist für ihn, dass offensichtlich auch deutsche Ärzte die Eingriffe vornehmen.

Gerade die Einbeziehung von Berufsgruppen wie Ärzten, Lehrern und Juristen ist für die Aufklärungsarbeit wichtig, berichtet Ulla Barreto von Terre des Femmes (TDF) in Dortmund. Barreto, die selbst einige Jahre in Kenia gelebt hat, ist Mitbegründerin von "Wir brechen ein Tabu". "Ich bin froh, dass sich die Ärzte endlich einbringen", sagte sie. Aus Erfahrungsberichten weiß sie, dass etwa Gynäkologen, die die betroffenen Frauen bei einer Geburt betreuen, die Symptome oft gar nicht einordnen können. Nach Angaben von Barreto leben in Deutschland etwa 38.000 betroffene Frauen und 6.000 betroffene oder gefährdete Mädchen.

TDF hat eine Infobroschüre in sechs Sprachen zur weiblichen Genitalverstümmelung herausgegeben. Die Broschüre kann bei Terre des Femmes, Bundesgeschäftsstelle, Postfach 25 65, 72015 Tübingen, bestellt werden.

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