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Psychotherapie allein ist oft nicht ausreichend

Frauen sind von der Menarche bis zur Postmenopause starken hormonellen Schwankungen unterworfen. Besonders in den hormonellen Umstellungsphasen vor der Menstruation, während und nach einer Schwangerschaft oder im Rahmen der Menopause treten depressive Zustände vermehrt auf. "Hinzu kommen spezielle Lebenssituationen, unter anderen die Mehrfachbelastung der Frauen, die beispielsweise im Tourismusland Tirol keine Seltenheit darstellt", berichtet Dr. Karin Reinstadler, Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck.

Das Prämenstruelle Syndrom

Das Prämenstruelle Syndrom (PMS) umfasst bis zu 100 verschiedene Symptome, die in der Lutealphase etwa eine Woche vor bis wenige Tage nach der Monatsblutung einsetzen. 75 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter sind davon betroffen. "Das unter anderem durch generelles Unwohlsein, eine affektive Labilität und leichte depressive Verstimmung charakterisierte Syndrom bedarf jedoch noch keiner medikamentösen Therapie", so Reinstadler. In jedem Fall behandlungsbedürftig sei die "prämenstruell dysphorische Störung" mit einer Prävalenz von 3 bis 8 Prozent. Typisch dafür sind unter anderem eine starke depressive Verstimmung, Angst oder Spannungszustände, affektive Labilität und Reizbarkeit in hohem Ausmaß in der Lutealphase, so dass es zu negativen Auswirkungen in privatem und beruflichem Bereich kommt. Hier sind laut Reinstadler Psychopharmaka indiziert, z.B. hat sich Fluoxetin 20 mg täglich bei nur geringer Nebenwirkungsrate als hilfreich erwiesen. Auch andere Serotinin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), wie Sertralin, können zum Einsatz kommen. Eine starke Angstkomponente lässt sich mit Anxiolytika therapieren.

Postpartale Depressionen

Eine postpartale Depression tritt meist innerhalb der ersten 30 Tage nach der Geburt auf und klingt zwischen dem dritten und sechsten Monat wieder ab. In schweren Fällen kann sie jedoch auch bis zu zwei Jahre andauern. Die Prävalenz liegt über 10 Prozent. Reinstadler: "Problematisch bei der Therapie ist, dass alle Psychopharmaka in die Muttermilch übergehen. Daher ist bei stillenden Frauen eine Substanz mit kurzer Halbwertszeit zu wählen, die Milch sollte kurz nach der Einnahme abgepumpt und verworfen werden." Auch eine Kontrolle der Pharmakakonzentration in der Muttermilch wäre angezeigt. "Wir raten in solchen Fällen generell eher zum Abstillen", so Reinstadler.

Depression in der Schwangerschaft

Bei einer medikamentösen Therapie in der Schwangerschaft sei zu bedenken, dass alle Psychopharmaka plazentagängig sind. Deshalb ist eine intensive Nutzen-Risiko-Abwägung vonnöten, auf die Gabe im ersten Trimenon sollte verzichtet werden. Reinstadler: "Wir greifen in solchen Fällen auf bewährte Substanzen zurück. Aus ethischen Gründen gibt es keine Studien über Antidepressiva in der Schwangerschaft, einzelne Fallberichte können als Orientierungshilfe diesen." Aufgrund der Erfahrungswerte gelten trizyklische Antidepressiva weitgehend als sicher, auch SSRI können verabreicht werden. "Kontraindiziert sind MAO-Hemmer, auch Phasenprophylaxemittel sind problematisch", so Reinstadler. Auch bei Antipsychotika sollte eher auf bekannte Substanzen wie Haloperidol zurückgegriffen werden.

Depression in der Menopause

Die starke hormonelle Umstellung in der Menopause, vor allem das Absinken zirkulierender Östrogene, hat aufgrund der generellen körperlichen Auswirkungen des Hormonmangels auch Einfluss auf die Stimmungslage. Die Prävalenz kann mit etwa 15 bis 35 Prozent angegeben werden. Eine Verbesserung der Wirksamkeit von SSRI lässt sich nachweislich durch zusätzliche Östrogengabe erzielen. "Generell genügt die alleinige Hormonbehandlung lediglich bei leichten Formen einer Depression", betont Reinstadler. "Eine Stimmungshebung bei Östrogentherapie ist eher durch die Verbesserung der körperlichen Symptomatik zu erklären." Auf Nebenwirkungen einer antidepressiven Therapie müssten Patienten, so Reinstadler, unbedingt vor Therapiebeginn hingewiesen werden. Aufklärung und eine engmaschige Kontrolle seien für die Compliance äußerst wichtig. Besonders in den ersten zwei bis drei Wochen, bis die Wirkung des Antidepressivums gänzlich einsetzt, könnten akute Probleme mit Tranquilizern überbrückt werden. "Generell bedürfen zumindest mittelschwere und schwere Formen einer Depression auf jeden Fall einer Psychopharmakatherapie", fasst Reinstadler zusammen. Selbstverständlich mit einer begleitenden Psychotherapie, die allein aber sicher nicht ausreichend sei.

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