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Gemeinsam gegen Beautytrends

„Die Frauen müssen selbstbewusster mit ihrem Körper und kritischer mit den Versuchungen der Schönheitschirurgie umgehen“, fordert Prof. Dr. Hildegunde Piza, Medizinische Universität Innsbruck.

Die Expertin der Innsbrucker Univ.-Klinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie hielt am 35. Kongress für Allgemeinmedizin in Graz den Festvortrag zum Thema „Plastische Chirurgie im Spannungsfeld zwischen Rekonstruktiver und Ästhetischer Chirurgie“.
Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE meinte Piza: „Es ist an den Frauen, nachzudenken, warum sie da mitmachen. Wenn man Frauen, nachdem sie sich um Jahrzehnte verjüngen ließen, beobachtet, entbehrt das Ergebnis oft nicht einer gewissen Peinlichkeit. Wir Frauen müssen überlegen, ob wir das alles mitmachen wollen und uns auch gegen diesen allgemeinen Druck solidarisieren. Wer lässt sich unter Druck setzen und wer setzt wen unter Druck? Warum werden die Mädchen von den Müttern noch immer anders erzogen als die Buben? ‚Du musst schön sein, richte Dich her’, das hört man ja schon im Kindergartenalter. Die kleinen Mädchen werden oft total aufgeputzt.“
Piza bekennt sich zur plastischen wiederherstellenden Chirurgie, sieht aber auch hier Grenzen. „Muss man wirklich allen Frauen nach einer Mammatumor-Operation zu einer primären Brustrekonstruktion raten, wo man doch weiß, dass es hier auch zu Komplikationen kommen kann und die Patientin noch nicht einmal Zeit hatte, mit dem Problem Brustkrebs umzugehen“, gibt Piza zu bedenken und stellt fest: „Hier sollten mehr individuelle Entscheidungen mit den Patientinnen getroffen werden.“

Wieso steigt die Nachfrage nach ästhetischer Chirurgie so rasant an?
Piza: In den vergangenen 30 Jahren hat sich diesbezüglich in Österreich die Ausbildung an plastisch-chirurgischen Abteilungen, an Krankenhäusern, die auch plastische oder Schönheitschirurgie anbieten, rasant weiterentwickelt. Daher gibt es zum einen viel Angebot, und zum anderen bringen viele Medien laufend Beiträge zu diesem Thema und heizen den Schönheitsboom an.

Mit welchen Anliegen wenden sich die Menschen an Sie?
Piza: Die meisten Menschen kommen mit einem verzerrten Weltbild, welches zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt ist. Ich frage ja immer: ‚Was wollen Sie?’ Die wenigsten fragen zurück: ‚Was glauben Sie, kann ich bei mir verändern?’ Die (meist) Frauen wollen irgendjemandem ähneln und wünschen sich die Nase von dem einen Ideal, den Busen von einem bestimmten Modell zu bekommen. Die meisten Menschen kennen sich selbst nicht beziehungsweise akzeptieren nicht, wie sie nun einmal aussehen. Sie gehen nicht richtig mit ihrem Körper um. Viele Frauen kommen mit einem Bild und sagen: ‚So eine Nase stelle ich mir vor.’ Aber sie haben sich nicht überlegt, ob diese Nase überhaupt zu ihrem Gesicht passt. Oder sie wollen eine Brust aufgefüllt mit einem Implantat von 350 ml. Wenn ich frage, wie sie denn auf diese Zahl kommen, sagen sie: ‚ Pamela Anderson hat das auch.’ Vielleicht träumen die Frauen, dass sie dann auch so berühmt werden.

Wie grenzen Sie sich gegen diese Begehrlichkeiten ab?
Piza: Ich grenze mich ab, indem ich relativ lange Gespräche führe und bei bestimmten Dingen aus Überzeugung nein sage. Zum Beispiel sauge ich kein Fett ab, weil mir das widerstrebt. Bin ich jedoch überzeugt davon, dass durch Fettabsaugung einer Patientin geholfen werden kann, schicke ich sie zu jemandem, von dem ich weiß, dass er die Patientin gut behandeln wird. Der Boom des Fettabsaugens ist in letzter Zeit deutlich zurückgegangen. Auch bei Laser wollte ich erst fünf oder zehn Jahre abwarten und beobachten, wie die Spätfolgen nach Lasertherapie die Gesichter verändern. Und Sie haben sicher die Silikondebatte in den 90er Jahren mitverfolgt. Neben der Verunsicherung der Patienten führte diese dazu, dass Firmen, die silikongelgefüllte Implantate erzeugten, umgebracht wurden, und andere zogen sofort neue Produkte aus ihrer Tasche. So wurden ölgefüllte Implantate als die Sache schlechthin angeboten. Heute müssen alle Ölimplantate wieder entfernt werden. Jetzt gibt es einen Riesenboom auf titanbeschichtete Implantate, sie wurden in den letzten Monaten sehr intensiv beworben, dürfen jedoch laut Gesundheitsministerium nicht mehr verwendet werden. So muss bei so manchen Produkten zur Vorsicht gemahnt werden. Wenn ich sehe, dass eine Frau wirklich unter ihren Halsfalten leidet, helfe ich ihr selbstverständlich, aber auch nicht so, dass gleich die Nase und die Stirn mitbehandelt werden. Man sollte nie eine Operation aufdrängen.

Wie stehen Sie zur plastischen wiederherstellenden Chirurgie?
Piza: Ich stehe klar dazu, wobei es auch hier Grenzen gibt. Muss man denn wirklich allen Frauen nach einer Mammatumor-Operation zu einer primären Brustrekonstruktion raten, wo man doch weiß, dass es hier auch zu Komplikationen kommen kann und die Patientin noch nicht einmal Zeit hatte, mit dem Problem Brustkrebs umzugehen? Hier sollten mehr individuelle Entscheidungen mit den Patientinnen getroffen werden. Oder ich denke an die Dupuytren-Kontraktur (eine Erkrankung, die gutartig ist und im fortgeschrittenen Stadium das Ausstrecken von Fingern verhindert). Bei dieser häufig auftretenden Krankheit ist bekannt, dass eine frühe Operation (wenn nur ein Knötchen in der Hohlhand vorhanden ist) nicht indiziert ist. Bis zum Fortschreiten der Erkrankung, sodass letztendlich ein Finger gekrümmt wird, kann es Jahre dauern. Unnötige Operationen belasten auch unser Gesundheitssystem.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Behandlung der Fettsucht, beispielsweise mit dem Gastric Banding?
Piza: Österreich liegt bezüglich Fettleibigkeit weltweit bereits an sechster Stelle. Seit zehn Jahren wird die Methode des Gastric Banding, also das Anbringen eines Magenbandes, angeboten. Wenn diese Patienten abnehmen, übernehmen die Krankenkassen die Kosten für alle Folgeoperationen, wie Bauchdeckenplastik oder Ptoseoperation der Brüste. Bei diesen Patienten, die wohl 60 oder mehr Kilogramm abgenommen haben, hat sich allerdings im Kopf nichts geändert. Wenn das Magenband entfernt ist, nehmen diese Patienten höchst wahrscheinlich wieder Gewicht zu. Eine unserer Dissertantinnen hat im Gegensatz dazu eine Vergleichsgruppe von 40 Frauen zusammengestellt, die ebenfalls, allerdings durch Lebensstiländerung, 40 bis 50 Kilo in einem Jahr abgenommen haben. Diese Frauen sehen im Vergleich zu jenen mit Gastric Banding nach Gewichtsabnahme völlig anders aus. Sie sind auftrainiert, haben mehr Muskeln, sodass letztendlich nur mehr die überschüssige Haut wegzunehmen ist.

Was ist Ihr Fazit aus der gegenwärtigen Situation?
Piza: Wir sollten meiner Meinung nach gründlich darüber nachdenken, wie wir mit der steigenden Begehrlichkeit und dem rasant wachsenden Angebot an plastischer beziehungsweise ästhetischer Chirurgie in Zukunft vernünftig umgehen können.

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 42/2004

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