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Kalorien, Hormone und der Krebs

Es ist bekannt, dass die Ernährung einen wichtigen Stellenwert in der Pathogenese vieler neoplasmatischer Erkrankungen einnimmt. Für die Entstehung tumoröser Prozesse lässt sich jedoch nicht nur die Zusammensetzung der Nahrung, sondern auch die Gesamtkalorienmenge verantwortlich machen. "Durch eine reduzierte Kalorienaufnahme lassen sich Tumorvorstufen in ihrem Wachstum bremsen", erklärt Prof. Dr. Bettina Grasl-Kraupp vom Krebsforschungsinstitut Wien am Wiener Menopausekongress 2002. 

Grundlage dieser Aussage ist unter anderem ein Experiment, das jüngst vom Krebsforschungsinstitut Wien durchgeführt wurde: Ratten erhielten drei Monate lang eine kalorienreduzierte Diät, die Vergleichsgruppe wurde ad libitum gefüttert. 
"Nach drei Monaten zeigte sich, dass die Leber durch apoptotische Prozesse bei der Diätgruppe verkleinert war. Präneoplasien in der Leber wurden durch die verminderte Kalorienzufuhr verringert. Viele der präneoplastischen Zellklone sind nach dem Untersuchungszeitraum geschrumpft oder ganz verschwunden", berichtet Grasl. Durch die reduzierte Kalorienaufnahme wird das Gleichgewicht zwischen Zellerneuerung und Zelltod aufgrund der niedrigeren Energiezufuhr zum Zelluntergang hin verschoben. 
Besonders die präneoplastischen Zellen reagieren sensibel mit Apoptose auf das geringere Nahrungsangebot. Vor allem die Gesamtkalorienmenge ist hierbei ausschlaggebend.
"Generell ist es eine uralte Beobachtung, dass bei reduzierter Nahrungsaufnahme - in physiologischem Ausmaß - die Lebenszeit bei unterschiedlichen Spezies verlängert, das Auftreten lebensbedrohlicher Erkrankungen verzögert wird", so die Krebsforscherin. 
Dies scheint eine phylogenetisch unabhängige Tatsache zu sein: Spinnentiere, Insekten, Fische und Säugetiere reagieren ähnlich auf das reduzierte Kalorienangebot. "Insofern ist es anzunehmen, dass die Erkenntnisse auf den Menschen zu übertragen sind."

Körpergewicht und Malignome

Bislang sind derartige Ergebnisse lediglich bei Tieren beobachtet worden. Pathogenetische Zusammenhänge zwischen Körpergewicht und Malignomen von Gebärmutter oder Dickdarm sind allerdings auch beim Menschen bekannt. 
Grasl: "Die Problematik der Umsetzung der Ergebnisse auf den Menschen liegt darin, dass drei Monate beim Nagetier etwa sieben Menschenjahren entsprechen, bevor eine Wirkung beobachtet werden kann. Die meisten Versuchsprobanden sind jedoch bereits nach drei Wochen nicht mehr weiter zu motivieren. Die gängigen Diäten sind von viel zu kurzer Dauer."
Dass sich eine Verringerung der Kalorienaufnahme auch auf den Hormonspiegel auswirkt, ist bekannt. So kommt es etwa im Rahmen einer Anorexia nervosa zu einer sekundären Infertilität. Diese Reaktion des menschlichen Organismus ist durchaus physiologisch: Im gesamten Tierreich wird bei Nahrungsknappheit die Reproduktionsfähigkeit verringert, um nicht durch zu viel Nachwuchs den Gesamtbestand zu gefährden. Um das Überleben der Population auch in mageren Jahren zu sichern, müssen allerdings das Überleben des Individuums gewährleistet und lebensverkürzende Krankheiten verringert werden. 
So sei auch anzunehmen, folgert Grasl, dass die Entwicklung hormonabhängiger Tumore, wie Brust- oder Gebärmutterkrebs, durch eine langfristige Kalorienreduktion und den resultierenden Abfall der endogenen Hormonspiegel verzögert werden kann. 
Völlig falsch sei es jedoch, einen bereits bestehenden Krebs auszuhungern! "Gutartige Tumorvorstufen sind den Wachstumsregulationsmechanismen unterworfen, die Krebszelle agiert hingegen bereits autonom." Es wäre daher eine langfristige Kalorienreduktion lediglich als präventive Maßnahme denkbar. 

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