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Hormone ja - "nachschütten" nein!

Die US-amerikanische WHI (Women? Health Initiative)-Studie hat auch hierzulande kräftig die etablierte Hormonersatztherapie ins Wanken gebracht. Der Menopausekongress 2002 widmete sich zu einem guten Teil diesem Umstand. Wie Österreichs GynäkologInnen mit den gewonnenen Erkenntnissen umgehen und welche Trends in der Menopauseforschung zu erkennen sind, konnte die ÄRZTE WOCHE im Gespräch mit dem Präsidenten der österreichischen Menopausegesellschaft und Anti-Aging-Society, Prof. Dr. Markus Metka, eruieren.

Die Hormontherapie ist durch die Ergebnisse der WHI ins Wanken geraten...

Metka: Die WHI hat das Selbstverständnis der Hormonsituation bei Ärzten und Betroffenen sehr erschüttert. Vergangene Pro- und Kontrastudien zur Gabe von Hormonen haben die Patientinnen letztlich nicht berührt. Jetzt sehen wir in den Ordinationen und Ambulanzen, dass viele Frauen verunsichert sind und die HRT in Frage stellen. Vor allem wenn diese bereits über einen längeren Zeitpunkt verabreicht wurde. Ein wichtiges Themengebiet am Menopausekongress 2002 war es, diese Studie zu analysieren. Wir sehen es auch als Aufgabe unserer Gesellschaft, dazu ausreichend Stellung zu beziehen: Bei der WHI wurde sicherlich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet! Sie lässt sich nicht auf österreichische Verhältnisse übertragen. Tatsächlich haben die amerikanischen Kollegen stets eine nicht differenzierte, nicht maßgeschneiderte HRT durchgeführt. Auch bei dieser Studie wurde alles über einen - schlechten - Leisten gezogen. Die "Wiener Schule" hat hingegen in den vergangenen Jahren immer auf die Notwendigkeit der Individualisierung der HRT einen großen Wert gelegt. 

Allerdings sehen auch österreichische Spezialisten aufgrund der Studie einen Handlungsbedarf...

Metka: Vor allem die Senologen üben wegen des erhöhten Mammakarzinomrisikos Kritik an der HRT. So verständlich dies auch ist, muss deutlich gesagt werden, dass die Frau nicht nur aus der Brust besteht. Man sollte auch erkennen, welche positiven Effekte durch die Hormongabe auf Auge, Knochen, Gelenke oder die Psyche erzielt werden können. Viele Frauen erhalten im Klimakterium unnötigerweise Psychopharmaka, obwohl die Befindlichkeit mit einer HRT entscheidend gebessert werden kann. Auch im Bereich der Inkontinenztherapie sind Hormone eine große Bereicherung. 
Die Vorteile überwiegen generell sicherlich die ungünstigen Wirkungen einer Hormonersatztherapie. Voraussetzung ist jedoch die richtige Durchführung: Die Evaluierung des Hormonstatus, eine Mammografie oder die Suche nach Gerinnungsstörungen sind hierbei ebenso wichtig wie eine eingehende (Familien-)Anamnese. Darauf basierend die richtigen Hormone in der richtigen Dosis zu geben, verschafft der Frau Vorteile für ihr ganzes weiteres Leben. 

Wie sollte die individuelle HRT aussehen?

Metka: Die "endokrine Biografie" einer Frau ist ein bedeutender Parameter für eine individuelle Hormongabe: In der Prämenopause ist meist ein Gestagen ausreichend, am Höhepunkt des Klimakteriums wird man auf die kontinuierliche Gabe der klassischen Hormonpräparate zurückgreifen. Nach fünf bis zehn Jahren stellen schließlich Phytohormone wie Rotklee oder Soja eine wunderbare Alternative dar. Waren wir früher bemüht, fehlende Hormone einfach "nachzuschütten", so geht es uns heute um eine Modulation des Systems. Dies kann bereits durch eine Änderung des Life-Style erfolgen. Wir kommen immer mehr weg von der reinen Hormonsubstitution, hin zur Stimulation. 
Die Enzymbeeinflussung über Aromatasehemmer und Inhibitoren der 5-Alpha-Reduktase sind die wesentlichsten Neuerungen. 

Ein neuer Trend liegt in der transdermalen Gabe von Enzymhemmern...

Metka: Die Vorstellung eines über die Haut lokal verabreichten Aromatasehemmers zur Behandlung von Brustkrebs war sicher einer der Highlights am Kongress. In kurzer Zeit kann das Tumorgewebe um bis zu 40 Prozent verringert werden, da der Krebs östrogenmäßig quasi ausgehungert wird. Für eine prä-operative Tumorverkleinerung ist dies ideal. Auch bei Zellulitis, deren Hauptursache ein Zuviel an Östrogen im Gewebe ist, kann der lokale Hormonspiegel durch trans-dermal verabreichte Aromatasehemmer gesenkt werden: Es scheint sich hierbei tatsächlich um eine der ersten wirksamen Cremes gegen Zellulitis zu handeln. Die topische Endokrinologie erlebt einen großen Aufschwung!

Welche Vorteile bieten die Phytohormone?

Metka: Neben den SERM (Selektive Östrogenrezeptor Modulatoren) wie etwa Tamoxifen stellen nun die SEM (Selektive enzymatische Modulatoren), Phytohormone wie Rotklee oder Soja, eine gute Behandlungsstrategie dar. Allerdings gibt es für die Entwicklung von Phytopräparaten und entsprechende Studien aufgrund der fehlenden Patentierbarkeit nur begrenzt finanzielle Mittel. Pflanzliche Substanzen unterschiedlichster Art nehmen jedoch im Bereich der Anti-Aging- Therapie einen immer wichtigeren Stellenwert ein. 
Der Wunsch nach pflanzlichen Mitteln kommt oft von den Frauen selbst. Die "Wiener Schule" widmet sich nun intensiv der Erforschung der Wirksamkeit von Phytopräparaten. Es ist für uns Schulmediziner sehr faszinierend, wie gut die pflanzlichen Substanzen funktionieren. Sie stimulieren vor allem die Beta-Östrogen-Rezeptoren, die für die günstigen Effekte etwa an Knochen oder Gefäßen verantwortlich zeichnen. 

Wie stark sind die Interessenskonflikte, wenn die Gynäkologen "nicht-gynäkologische" Organe therapieren?

Metka: Die Gynäkologen scheinen hier besonders visionär zu sein, haben sie sich doch der Anti-Aging-Medizin angenommen wie kein anderes Fachgebiet! Die HRT ist im Prinzip die erste und auch einzige nachgewiesenermaßen wirksame Anti-Aging-Therapie. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass zu rund 60 Prozent die Art des Alterns genetisch vorprogrammiert zu sein scheint. Immerhin sind jedoch die restlichen 40 Prozent modellierbar. 

...und wem gehört der Mann?

Metka: Die Gynäkologen haben viel in Bewegung gebracht, was die Männermedizin betrifft. Wir müssen uns aber bei allem Enthusiasmus bewusst sein, dass die Behandlung männerspezifischer Leiden in die Hände der Urologen gehört. Generell kann die Gynäkologie jedoch den Bereich der Anti-Aging-Medizin durchaus pflegen. Die Entwicklung unserer Fachrichtung zeigt sich daran, dass der ursprüngliche "Menopausekongress" vor über zehn Jahren zum "Meno- und Andropausekongress" bis zum heutigen "Meno-Andropause und Anti-Aging-Kongress" mutierte. 

Welche Wünsche haben Sie an die Zukunft?

Metka: Wir haben in Europa und vor allem auch in Wien mit einer differenzierten Hormonersatztherapie und "Life-Style-Medizin" etwas Großartiges geschaffen. Jetzt ist es wichtig, diese Leistungen nicht durch amerikanische Studien - wie etwa die WHI - in schlechtem Licht erscheinen zu lassen! Daher ist es unsere Aufgabe, ebenfalls derartige Studien durchzuführen, um unsere Arbeit auch statistisch bestätigt zu sehen. Allerdings herrscht in Europa trotz EU ein gewisses Schrebergartendenken, das eine derartig groß anzulegende multizentrische Studie erschwert. Diesbezüglich sind die USA wiederum Vorbild! 
Danke für das Gespräch! 

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