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Soja und Rotklee statt Östrogen und Gestagen?

Experten fordern, die Hormonersatztherapie behutsam und individuell einzusetzen. Der Zeitraum einer Behandlung sollte dabei drei bis fünf Jahre nicht überschreiten. Diese Erkenntnisse haben die Suche nach alternativen Strategien forciert. Aufgrund der schonenden Wirkungsweise und des breiten Spektrums sind Phytohormone eine interessante Option.

Unter dem Begriff Phytohormone werden biologisch aktive Substanzen pflanzlicher Herkunft zusammengefasst. Die Idee der „pflanzlichen Hormone“ entsprang ursprünglich der Frage, warum asiatische Frauen deutlich seltener an klimakterischen Beschwerden leiden als sonst wo auf der Welt. Vermutet wird die reichhaltige Phytoöstrogenernährung. Asiatinnen nehmen etwa das Zehnfache an Isoflavonen mit der Nahrung auf als ihre westlichen Geschlechtsgenossinnen. Auf dem Menopausenkongress in Wien wurde auch die Möglichkeit dieser „grünen“ Therapieform von klimakterischen Beschwerden diskutiert. Dr. Martin Imhof von der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie, verweist darauf, dass die Verabreichung einer Sojasupplementation zwar nicht mit der Effektivität einer HRT vergleichbar ist, jedoch trotzdem einen gewissen positiven Einfluss auf die klassischen klimakterischen Beschwerden zeigt.

Schonender Therapieansatz

Was Imhof für die Phytohormone trotz - im Vergleich zur HRT - reduzierter Schlagkraft einnimmt, ist nicht nur der schonendere und nebenwirkungsfreie Ansatz, sondern dass die Pflanzenbestandteile mehr Fassetten und ein breiteres Wirkspektrum besitzen. Hier verweisen die Experten wieder auf die niedrige Inzidenz für Karzinome und kardiovaskuläre Erkrankungen in asiatischen Ländern.
Zu den Phytoöstrogenen werden Isoflavone, Lignane und Coumestane gezählt. Sie kommen in großer Menge in Frucht und Blatt einiger Pflanzen wie Soja, Rotklee und Lein vor. Isoflavone sind in der Pflanze glykosidisch gebunden und wirken in dieser Form nicht östrogen. Erst während der Magen-Darm-Passage werden sie durch die Bakterienflora deglycosidiert und danach oxidiert. Die Absorption der Isoflavone erfolgt nur im dekonjugierten Zustand. Je nachdem, welches Sexualhormon beeinflusst wird, werden Phytoöstrogene, Phytogestagene und Phytoandrogene unterschieden. Die bioaktiven Substanzen sind heterozyklische Phenole, so genannte Isoflavone, und besitzen eine besondere strukturelle Ähnlichkeit mit 17ß-Östradiol und Diäthylstilböstrol. Dadurch binden sie am Östrogenrezeptor und erreichen graduell die Aktivität von weiblichen Sexualsteroiden. Bisher wurden zwei Subtypen - Alpha und Beta - des Östrogenrezeptors identifiziert. Alpha-Rezeptoren sind vor allem an den Fortpflanzungsorganen und im Brustgewebe zu finden. Beta-Rezeptoren befinden sich gehäuft im Knochen, Herzkreislaufsystem und im Gehirn. Phytoöstrogene und ganz besonders Isoflavone binden mit wesentlich höherer Neigung an den Beta-Rezeptor und werden daher als selektive Östrogenrezeptormodulatoren (SERM) bezeichnet. Ein besonders hervorstechendes Kennzeichen ist daher ihr positiver Effekt auf Knochen, Herz und Kreislauf, während es, im Gegensatz zur HRT, keine unerwünschten Nebenwirkungen bezüglich Brust und Gebärmutter gibt. In hoher Dosis können Phytoöstrogene sogar antiöstrogene Effekte auslösen, indem sie das eigentliche Hormon vom Rezeptor kompetitiv verdrängen.

Breites Wirkspektrum

Sind Phytoöstrogene durch ihren direkten Rezeptorzugang eher zur Substitution bei einem Hormondefizit prädestiniert, so wirken Naturstoffe, die den Hormonmetabolismus „nur“ stimulieren, eher sanft und können verwendet werden, um leicht schwankende Hormonspiegel zu stabilisieren. Dazu gehören die Flavonoide, welche Enzyme des Hormonmetabolismus inhibieren, sowie bestimmte Aminosäurekombinationen, die die Sekretion von Hormonen wiederum stimulieren. So enthält Rotklee im Vergleich zu Sojaextrakten neben den Isoflavone Genistein und Daidzein zusätzlich methylierte Vorstufen in Form von Biochanin A und Formononetin, die im Körper rasch metabolisiert werden und zu einer höheren Konzentration an bioaktiven Wirkstoffen im Körper führen.
Das lässt auch die breite Wirkungspalette der Phytohormone erklären. So beeinflusst etwa das Genistein die Vitamin D-Synthese und -Abbau so, dass in der Brust und in der Prostata ein hoher Vitamin D-Spiegel aufrecht erhalten wird. Da dieser für die Differenzierung des ektodermalen Gewebes besonders wichtig ist, wird vermutet, dass dies der Grund sei, warum in Gegenden, in dem Genistein einen hohen Anteil der Nahrung ausmacht, die Inzidenz des Mammakarzinoms und des Kolonkarzinoms besonders niedrig ist. Protektiven, antioxidativen Schutz gegen vorzeitige Apoptose und Atherosklerose wird den Flavonoiden ebenfalls zugeschrieben. Denn Genistein induziert die Aktivität verschiedener Enzyme, die als Radikalfänger fungieren. Dieser Effekt ist besonders bei der postmenopausalen Frau erwünscht, da deren atherosklerotisches Risiko mit abnehmenden Estrogenspiegeln deutlich steigt. Experten empfehlen Substanzen mit hormonähnlicher Wirkung aus Soja, Traubensilberkerze und Rotklee zur Therapie von klimakterischen Symptomen.

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