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Hormone: Bad News are good News

Wie Felsbrocken stürzten zwei Studien vergangenes Jahr in den Jungbrunnen der Hormonersatztherapie, hinterließen Verunsicherung bei Patientinnen und Skepsis bei Ärzten. Nun sind die heimischen Hormonexperten um Schadensbegrenzung bemüht. Die Ärzte Woche sprach mit mit dem Präsidenten der österreichischen Menopausegesellschaft und Anti-Aging-Society, Prof. Dr. Markus Metka.

Nach den Aufregungen um die WHI und die „One Million Women Study“: Haben sich die Wogen geglättet?
Metka: In der Zwischenzeit hat es nicht nur in der Fach- und Laienpresse heftige Diskussionen über die Handhabung der Hormonersatztherapie (HRT) gegeben. So gab es auch im Dezember 2003 am Meno-Andropause-Kongress in Wien ein internationales Expertentreffen, wo ein Konsens erstellt wurde. Die amerikanische „Women’s Health Initiative“ (WHI) und die britische „One Million Women Study“, die beide im vergangenen Jahr für eine gewaltige mediale Berichterstattung sorgten, wurden hier sehr kritisch analysiert. In diesen Untersuchungen wurden einerseits Mängel im Studiendesign festgestellt und zudem auch eine schematisierte HRT durchgeführt, wie sie besonders in der Wiener Schule keine Anwendung findet. Schlussendlich kam man zu der Übereinkunft, dass eine HRT eine differenzierte, individuelle Therapie sein muss.

Ist das Image der Hormonersatztherapie nachhaltig geschädigt?
Metka: Die Verunsicherung in der Bevölkerung und auch bei den Kollegen war enorm. Die oftmals verbreitete Meldung „Östrogen erzeugt Brustkrebs“ hat viele Frauen dazu gebracht, auch in Eigenregie ihre Hormonpräparate abzusetzen. Wir müssen daher zur Zeit viel Aufklärungsarbeit leisten, um zu zeigen, dass eine vom Spezialisten richtig durchgeführte individuelle HRT eigentlich nur Vorteile bringt. Dafür müssen viele anamnestische und diagnostische Tools verwendet werden, wie Hormonspiegelmessungen, vaginale Sonographie oder die Bestimmung des genetischen Polymorphismus.

Die lange Zeit als sicher angenommenen protektiven kardiovaskulären Effekte der Östrogene konnten bei den beiden Studien nicht nachvollzogen werden...
Metka: Wenn man früh genug mit einer Ersatztherapie beginnt, so haben wir sehr wohl einen prophylaktischen Schutz gegen Herz-Kreislauferkrankungen. Beginnt man jedoch erst in späteren Lebensjahren – bei der WHI um das 60. Lebensjahr –, vermehrt man eher die Risiken. Auch das häufigere Auftreten von Brustkrebs ist bei nicht zu langer und nicht zu hoch dosierter Verabreichung nicht gegeben. Es gibt zudem auch eine Vielzahl von Studien, die einer ähnlichen Fragestellung nachgehen und ein für die HRT positives Ergebnis aufweisen. In den Boulevard- und Fachmedien gilt allerdings nach wie vor „Bad News are Good News“. Positive Ergebnisse gehen oft unter, Schreckensmeldungen werden breitgetreten. Die zwei Studien und die Diskussionen im Umfeld bestätigen eigentlich nur, dass die HRT unbedingt in die Hände von erfahrenen Hormonspezialisten gehört.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit den Reaktionen bei Patientinnen?
Metka: Im letzten Jahr ist die Nachfrage nach einer vom Hormonexperten verschriebenen differenzierten HRT durch die mediale Aufarbeitung massiv gestiegen. Viele Frauen haben anfangs ihre Hormontherapie nach den Meldungen über die Risiken von sich aus abgesetzt. Allerdings kamen bei vielen wieder zunehmend Beschwerden, etwa die Haut oder die Hautanhangsgebilde betreffend dazu, sodass sie sich nun an Spezialisten wenden. Generell ist zu beobachten, dass wir die Frauen früher sicherlich leichter für eine HRT gewinnen konnten. Heute müssen wir vermehrt Aufklärung betreiben. Dies ist allerdings durchaus als positiv zu sehen, da jeder Arzt nun umso mehr beweisen muss, dass er sich auskennt. So sind wir auch zunehmend gefordert, aus der Vielfalt der Hormone die richtigen herauszufinden.

Wie kann eine Patientin oder auch ein zuweisender Kollege wissen, wer sich auf die HRT spezialisiert hat?
Metka: In Wien existiert der einzige Lehrstuhl für Endokrinologie im deutschen Sprachraum. Und man kann fast von einem „Mekka der HRT“ sprechen. Schließlich findet auch der größte europäische Kongress auf diesem Gebiet hier statt. Auch im Bereich der Fortbildung wird sehr viel getan. Eine Subspezialisierung zur leichteren Auffindbarkeit der Experten ist schwierig, man kann aber davon ausgehen, dass die Mitglieder der Menopausegesellschaft sich sehr engagieren und entsprechende Fähigkeiten in diesem Bereich besitzen.

Nach Erscheinen der WHI wurde angekündigt, eine europäische„Gegenstudie“ zu entwerfen...
Metka: Diesbezüglich sieht es traurig aus. Innerhalb der EU ziehen einfach zu viele Leute an unterschiedlichen Strängen. Hier eine multizentrische Studie in den Ausmaßen einer WHI auf die Beine zu stellen, ist ein schwieriges Unterfangen. Hinzu kommt, dass bei der amerikanischen Untersuchung nicht individuell vorgegangen und damit leichter verglichen werden konnte. Bei einer individuellen Therapie müssten wir für jede einzelne Hormonkombination viele Probandinnen finden. Dies ist in diesem Umfang sicher nicht möglich.

In unserem Interview vergangenes Jahr sprachen Sie von der großen Chance der transdermalen Aromatasehemmer – halten sie das, was man sich von ihnen versprach?
Metka: Da haben Sie einen wunden Punkt erwischt! Leider haben sich unsere Erwartungen noch nicht erfüllt. So existieren für die Behandlung des Mamma-Karzinoms nach wie vor keine ausreichenden Studien, daher sind die Präparate hier auch noch nicht registriert. Auch in Bezug auf eine mögliche Fettreduktion sind die Ergebnisse bescheiden. Damals haben Biochemiker die Studien gemacht, die klinischen Anwendungen sind aber noch nicht so überzeugend.

Können wir auch von „Good News“ berichten?
Metka: Sehr erfreulich war die Forschung auf dem Gebiet der hormonellen Phytotherapie. Neben den Isoflavonen ist auch der Weininhaltsstoff Resveratrol eine höchst interessante Substanz. Pflanzliche Mittel unterschiedlichster Art nehmen im Bereich der Anti-Aging-Therapie einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Auch bei vielen Patientinnen hat aufgrund grosser Verunsicherungen ein regelrechter Boom bei pflanzlichen Hormonen eingesetzt. So vielversprechend das alles ist, sollte man nicht vergessen, dass auch der Umgang mit Phytohormonen beherrscht werden muss.

Danke für das Gespräch!

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