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Hormone sind keine Antidepressiva

Bei Frauen werden "Depressionen" viel häufiger diagnostiziert als bei Männern. Dies müsse aber differenzierter und unter Einbeziehung demographischer und sozialer Aspekte betrachtet werden, denn dieser Geschlechtsunterschied sei nur bei verheirateten Frauen, nicht jedoch bei Verwitweten und bei berufstätigen Geschiedenen zu erkennen, erklärte Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser, Univ.- Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie, AKH Wien, im Gespräch mit de ÄRZTE WOCHE.

"Nach wie vor wird die Diagnose einer Depression äußerst schlampig gestellt", bedauert die Fachärztin. "Inzwischen ist es auch besser und zutreffender, von einem "depressiven Kontinuum? zu sprechen, das von einer milden Verstimmung über dysphorische Zustände bis hin zur "major depression?reicht." Diese schwere Depression sei nur scheinbar ohne äußeren Anlass, bei genauerem Nachforschen ließe sich immer ein solcher finden. "Depressive Verstimmungen milderer Art, bei denen ein psychosozialer Auslöser klar erhebbar ist, können auch mit Antidepressiva behandelt werden, doch als alleinige Therapie hilft das nicht", betont die Fachärztin. "Oft schildern Patienten, "die Pulver machen sie blind und taub? doch das Leiden geht weiter. Hier kann nur eine Psychotherapie helfen." Bei den reaktiven depressiven Zuständen sei die Psychotherapie generell erste Wahl.

Menopausale Depression

Depressive Zustände im Umfeld der Menopause seien komplexer zu verstehen und sicher nicht generell mit Hormonen zu therapieren, denn: "Hormone sind keine Antidepressiva", so Springer-Kremser. "Es ist bekannt, dass Hormone nur einen grenzwertigen Einfluss auf die Stimmung haben. Ich sehe in der psychosomatischen Ambulanz viele dieser hormonell eingestellten Frauen, die dennoch an Depressionen leiden."

Speziell bei der menopausalen Depression handle es sich durchwegs um Frauen, "denen verboten wird, zu trauern". Springer-Kremser: "Auch wenn eine Frau in diesem Alter nicht mehr schwanger werden will, so hat sie schlicht auch nicht mehr die Möglichkeit der Wahl." Die Gefahr einer depressiven Reaktion sei geringer, wenn diese Zeit als Verlust und mit erlaubter Traurigkeit erlebt werden dürfe. In den meisten Fällen liegen die Ursachen für reaktive depressive Zustände in diesem Alter in Partnerkonflikten oder Arbeitslosigkeit.

Eine Ausnahme bilden Frauen, die in ihrer Vorgeschichte unter einer "major depression" gelitten haben. "Bei ihnen kann es zu einer schwerwiegenden menopausalen Depression kommen", erklärt die Psychiaterin. Diese Frauen hätten meist eine der vier Kindheitskatastrophen erlitten: den Verlust der wichtigsten Bezugsperson, den Verlust der Liebe der wichtigsten Bezugsperson, die Verletzung der Körper-Integrität und den Verlust der Stützfunktion des Gewissens (durch die Verinnerlichung einer besonders rigiden und strafenden Erziehung).

Postpartale Depressionen

"Bei postpartalen Depression haben Untersuchungen gezeigt, dass nicht so sehr die hormonelle Umstellung, sondern die psychosoziale Situation ursächlich von Bedeutung ist", so Springer-Kremser. Die Fähigkeit, sich an die neuen Gegebenheiten als junge Mutter anzupassen, ist von Frau zu Frau völlig unterschiedlich. Liegen depressive Neigungen vor, so haben die Betroffenen große Schwierigkeiten, mit der ungewohnten Lebenssituation umgehen zu können. Die Anpassung an eine Schwangerschaft und die Umstellung, die mit der Geburt verbunden ist, die Reaktionen des sozialen Umfeldes oder die hohe Erwartungshaltung der Gesellschaft und der Familie können zu einer starken Überforderung führen. "Es ist daher von großer Wichtigkeit für den betreuenden Arzt", so die Psychiaterin, "ein solches depressives Kontinuum zu erkennen. Das Erheben von Antrieb und Stimmungslage, eine ausführliche biographische Anamnese zur Vorgeschichte, Beziehung zur Ursprungsfamilie und Partner lassen die Diagnose stellen."

Dabei sollten der Patientin "offene Fragen" gestellt und ihr so die Möglichkeit geboten werden, über ihre Befindlichkeit zu sprechen.

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