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© MUVS, Wien

Der Penisstöpsel zum Einführen in die männliche Harnröhre fällt in die Kategorie „Vergebliche Versuche zur Verhütung“.

© MUVS, Wien

Drei Blausiegel-Kondome „Tropenfest“ aus dem Zweiten Weltkrieg, laut MUVS „in gutem Zustand“.

© MUVS, Wien

Veritable Irrigateur Systeme Eguiser: französischer Scheidenspüler aus Metall und Porzellan (Datierung: vor 1940)

 

Museum der Tabus

Es sorgt im katholischen Österreich immer wieder für Aufregung, genießt im Ausland hohe Anerkennung und wird von Besuchern regelrecht gestürmt: das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien.

Heuer feiert das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (MUVS) seinen fünften Geburtstag. In weltweit einzigartiger Weise wird hier die Geschichte zu diesen Tabuthemen wissenschaftlich und umfassend aufgearbeitet.

 

Zu besichtigen ist etwa das Femidom, das beim Verkehr quietscht, wohl das Lustigste aller neuzeitlichen Verhütungsmittel. Oder der Penisstöpsel zum Einführen in die männliche Harnröhre, die schrecklichste aller Methoden. Auch Kondome vielfältiger Machart werden präsentiert: etwa aus feinem Schafsdarm oder Fischblasen.

Tod am Küchentisch

Thematisiert wird auch das Leid der Frauen, die, nachdem sie sich bei einer Engelmacherin auf den Küchentisch gelegt hatten, oft qualvoll verstarben. Noch 1945 wurde in Wien an einer jener Engelmacherinnen die Todesstrafe vollstreckt.

Wo der Abbruch illegal ist, ignorieren die Schwangeren ihr Wissen so lange wie möglich und verlieren weitere Zeit, bis sie einen Helfer gefunden haben. Daher passiert der Abbruch meist sehr spät, durchschnittlich zwischen dem vierten und sechsten Monat.

Es wird dann versucht, mit einem Instrument durch den Muttermund zu stechen und die Fruchtblase zu eröffnen. In der Folge beginnen die Wehen und der Embryo wird ausgestoßen.

Wenn der Schwangerschaftsabbruch verboten ist, können entsprechende Instrumente verräterisch sein. Aus diesem Grund wurden im Laufe der Geschichte keine speziellen Instrumente dafür entwickelt oder verkauft. Stattdessen verwendeten die Schwangeren selbst, aber auch die Engelmacher und Ärzte vorhandene Instrumente, die sich mehr oder weniger für einen Abbruch eigneten: Dafür wurden Stricknadeln, Kleiderbügel, Harnkatheter und schlichtweg alles verwendet, was lang genug war, um bis in die Gebärmutter zu reichen. Auch diese Gegenstände können im MUVS besichtigt werden.

Verhütung als kulturelle Errungenschaft

Durchschnittlich 15 Schwangerschaften pro Frauenleben waren in früheren Jahren „naturgewollt“ – eine völlige Überforderung für die weibliche Gesundheit ebenso wie für das wirtschaftliche Überleben einer Familie, früher wie heute.

„Unser Museum zeigt drastisch, aufklärerisch und unterhaltsam die jahrhundertelangen Bemühungen der Menschheit nach Sex ohne ungewollte Schwangerschaft und die damit einhergehenden gesellschaftspolitischen Diskussionen, die leider bis heute andauern“, sagt der Gynäkologe und Museumsgründer DDr. Christian Fiala. „Wirksame Verhütung ist ein modernes Phänomen. Die wichtigste kulturelle Errungenschaft für unbeschwerten und lustvollen Sex.“

Besucheransturm

Seit der Eröffnung im März 2007 wurden fast 20.000 Besucher gezählt, überwiegend bei Führungen. Gymnasiasten, Berufsschüler und Lehrlinge waren von der vielfältigen Schau ebenso angetan wie Wissenschaftler, Gynäkologen, Hebammen oder Vereinsausflügler. Die gesellschaftspolitische Bedeutung des MUVS zeigt auch der stets enorme Andrang im Rahmen der jährlichen Langen Nacht der Museen. Das Durchschnittsalter der Besucher liegt deutlich unter zwanzig Jahren.

Gerade bei Jugendlichen erfreut es sich großer Beliebtheit. Im Rahmen der einfühlsamen Museumsführungen sprechen sich die Heranwachsenden oft ihre intimen Verhütungsnöte von der Seele oder werden erstmals kompetent und sachlich aufgeklärt.

Umfassendes Studienmaterial

Auf der Homepage (www.muvs.org) können User auf alle Objekte, Publikationen, Filme und Beschreibungen kostenlos zugreifen. Täglich rufen rund 900 Besucher der MUVS-Homepage Informationen aus den Datenbanken ab. Der stark ausgebaute online-Auftritt zeigt z.B. Videos eines Arztes, der noch „Froschtests“ durchführte: einem lebenden Krallenfrosch wurde Harn der vermutlich schwangeren Frau unter die Haut gespritzt. Etwa drei Stunden später wurde Flüssigkeit aus dem Genitaltrakt entnommen und analysiert: waren Spermien nachweisbar, so war die Frau schwanger. Das war bis Mitte der 1960er Jahre die einzig verlässliche Form des Schwangerschaftstests.

Die einmalige Sammlung wird auch von Wissenschaftlern und Medien zunehmend als Informationsquelle genützt. Schüler ebenso wie Studenten und Ärzte nützen die historischen Dokumente, Fotos und Filmmaterialien.

Knaus-Dokumentationsarchiv

Das Museum beherbergt auch das umfangreichste Knaus-Dokumentationsarchiv weltweit: Knaus ist jener österreichische Arzt, der erstmals den weiblichen Zyklus und Eisprung richtig beschrieben hat, zeitgleich mit dem Japaner Ogino. Ebenso liegen umfangreiche Dokumentationen der österreichischen Ärzte Otto Ottfried Fellner und Ludwig Haberlandt vor, die mit ihren Grundlagenforschungen die Erfindung der Pille ermöglichten. An wichtigen Themen mangelt es nicht, dafür aber an Platz und Geld: Derzeit sind Schausammlung, Archiv und Bibliothek auf achtzig Quadratmetern in der Nähe des Wiener Westbahnhofs zusammengedrängt. Schulklassen müssen häufig geteilt werden, weil der Platz für so viele Besucher nicht ausreicht.

Finanzminister verweigert Spendenabsetzbarkeit

Schulbehörden, die Stadt Wien oder andere öffentliche Stellen nutzen das Museum zwar gerne für Unterrichts- und Ausbildungszwecke, fühlen sich aber für dessen Finanzierung nicht zuständig. Die steuerliche Absetzbarkeit von Spenden wurde dem Museum zwar vom Bildungsministerium zuerkannt, jedoch verweigerte das Finanzministerium die Umsetzung.

Der damalige Finanzminister Wilhelm Molterer begründete dies in einer parlamentarischen Anfrage so: „Es stellen die in dem Museum ausgestellten Objekte nach Einschätzung des Bundesministeriums für Finanzen keine Sammlungsgegenstände dar, die in geschichtlicher, künstlerischer oder sonstiger kultureller Hinsicht von gesamtösterreichischer Bedeutung sind.“

Das sieht die europäische Museumsfachwelt jedenfalls anders: So wurde dem MUVS etwa der Kenneth Hudson Preis des European Museum Forum verliehen, für „den außerordentlichen Erfolg, die Inhalte und Werte der Öffentlichkeit zu vermitteln“. Auch auf der internationalen Fachmesse für Museen, der Exponatec 2011, wurde das MUVS eingeladen und der Fachwelt als beispielhaft präsentiert.

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