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Schwanger trotz Ovarialinsuffizienz

Die vorübergehende Spontanerholung der Ovarialfunktion bei Patientinnen mit prämaturem Ovarialversagen war Gegenstand einer teils retro-, teils prospektiven Studie.

Die Begriffe prämatures Ovarialversagen (POF) bzw. prämature Ovarialinsuffizienz (POI) stehen für einen hypergonadotropen (primären) Hypogonadismus bei Frauen unter 40 Jahren.

 

Die Prävalenz ist 1:250 bei Frauen unter 35 und 1:100 bei Frauen unter 40 Jahren. Ätiologisch unterscheidet man zwei Pathomechanismen:

  • die beschleunigte Follikelatresie, z.B. aufgrund genetischer Aberrationen, einer Autoimmunerkrankung oder Zytostatikatherapie
  • die reduzierte Steroidsynthese ohne Follikelverlust, z. B. aufgrund einer Mutation des Rezeptors für das follikelstimulierende Hormon (FSH).

Klinisch wegweisend sind die Amenorrhö, Sterilität und gegebenfalls das Auftreten von klimakterischen Beschwerden mit einer Häufigkeit von 75 Prozent.

Bei fünf bis zehn Prozent der Frauen mit POF/POI wird über Spontankonzeptionen berichtet, die auf eine (vorübergehende) Erholung der Ovarialfunktion schließen lassen. Bisher gibt es keine klinischen, laborchemischen und/oder morphologischen Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit einer Spontanerholung der Ovarialfunktion abschätzen kann.

Zusammenfassung der Studie

Ziel einer teils retro-, teils prospektiven Studie (Bidet M et al.: J Clin Endocrinol Metab 2011; 96: 3864–72) war es, die Prävalenz sowie potenzielle prädiktive Marker für die vorübergehende Spontanerholung der Ovarialfunktion bei 358 Frauen mit idiopathischem POF zu ermitteln. Insgesamt zeigte sich bei 86 Frauen (24%) eine Erholung der Ovarialfunktion; bei 77 (88%) lag die Diagnosestellung des POF mehr als ein Jahr zurück. Bei 15 Frauen (4,4%) traten 21 spontane Schwangerschaften (16 Geburten und fünf Fehlgeburten) auf.

Zu den signifikanten Prädiktoren für die Erholung der Ovarialfunktion zählten eine familiäre POF-Belastung, eine sekundäre Amenorrhö, die sonographische Follikelzahl sowie die Inhibin-B- und Östradiolkonzentrationen im Serum (p<0,01; multivariate Analyse nach dem Cox-Modell).

Autoimmunerkrankungen, der Anti-Müller-Hormon(AMH)-Wert im Serum, der bioptische Nachweis von Follikeln und/oder genetische Veränderungen waren dagegen keine Parameter mit prädiktivem Wert.

Die Autoren entwickelten einen prädiktiven Score zur Abschätzung der vorübergehenden Spontanerholung der Ovarialfunktion, um leichter Frauen mit POF identifizieren zu können, deren Ovarialfunktion sich wahrscheinlich intermittierend erholen würde. Der Score erlaubte eine Einteilung in fünf Gruppen mit zunehmender Wahrscheinlichkeit einer vorübergehenden Rückkehr der Ovarialfunktion innerhalb der folgenden 48 Monate (Gruppe 1: 0%; Gruppe 5: 83%).

Kommentar

Die Studie unterstreicht einmal mehr, dass der Begriff POF irreführend ist und der Ausdruck POI der hormonellen Situation besser gerecht wird. Die POI stellt eine intermittierende sowie unvorhersehbare Ovarialfunktionsfähigkeit dar und ist von der echten prämaturen Menopause bzw. dem POF zu unterscheiden.

Erstaunlicherweise besitzen der AMH-Serumspiegel und das Vorliegen einer Autoimmunerkrankung in dieser Studie keinen prädiktiven Wert. Dies ist möglicherweise auf die geringe Zahl an Frauen mit Autoimmunerkrankungen bzw. auf Datenlücken bei der AMH-Erfassung im untersuchten Kollektiv zurückzuführen. Dass die Inzidenz der vorübergehenden Ovarialfunktion unterschätzt wurde, ist außerdem aufgrund des gemischt retro- und prospektiven Studiendesigns nicht auszuschließen. Der interessante Ansatz der Entwicklung eines prädiktiven Scores muss in größeren Studienkollektiven validiert werden. Zu diesem Zweck wäre die Etablierung einer Datenbank von Frauen mit POF/POI sinnvoll.

 

Dr. Petra Stute

Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Inselspital Bern

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist erschienen in „Gynäkologische Endokrinologie“ 2012, 10: 134; © Springer-Verlag

Von P. Stute, Ärzte Woche 26 /2012

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