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Fotos (4):  Nanut/Regal
Modell von Zwillingen in der Woche 6.

Modell der Austreibungsperiode.

 Die ersten Hebammenlehrbücher erschienen im 16. Jahrhundert.
Phantompuppe, die für den Hebam- menunterricht benutzt wurde. 

 

Ausstellungstipp: „Konzeption, Schwangerschaft und Geburt“

Eine Sonderausstellung im Pathologischen Museum im Narrenturm.

Von der Befruchtung bis zum Kephalhämatom informiert die neue Sonderausstellung „Konzeption, Schwangerschaft und Geburt“ im Pathologischen Museum. Parallel zu den kaum jemals so gezeigten realistischen Darstellungen der Menschwerdung an Hand von Moulagen und Präparaten demonstrieren historische Lehrobjekte aus der reichhaltigen Sammlung des Narrenturms, wie Geburtshilfe einst gelehrt und gelernt wurde.

Jahrtausendelang war die Geburtshilfe fest in den Händen von Frauen. Erfahrene weibliche Familienangehörige oder Nachbarinnen halfen üblicherweise mit Rat und Tat. Nach und nach entwickelte sich aus dieser natürlichen Hilfeleistung die professionelle weibliche Geburtshilfe, der Beruf der Hebamme. Ihr Wissen gaben die „Wehmütter“ zunächst nur mündlich weiter. Die Geburtshilfe war zu diesem Zeitpunkt „Weiberkunst“, aber keine Wissenschaft. Ärzte wurden vielleicht als Ratgeber – Wundärzte, die handwerklich ausgebildeten Chirurgen – in verzweifelten Fällen zur Zerstückelung des toten Kindes oder zur Sectio an einer verstorbenen Schwangeren gerufen. Von einer direkten Mithilfe bei der Geburt waren Männer ausgeschlossen. Es galt als unschicklich, unmoralisch und sogar gefährlich für einen Mann, sich dem bei der Geburt entblößten Unterleib einer Frau auch nur zu nähern. In Hamburg soll noch 1521 ein Dr. Veites öffentlich verbrannt worden sein, weil er, als „Wehfrau“ verkleidet, Frauen in „Kindsnöten“ Beistand leistete. Die akademischen „Doctores der Medizin“ hatten lange Zeit hindurch wenig Interesse an der praktischen Geburtshilfe. Die überließen sie „klugen und erfahrenen Frauen“.

Wehmütter und Kirche

Vor allem der Kirche war im Mittelalter die Tätigkeit der Hebammen höchst verdächtig. Nicht geheuer war vor allem die Geburt selbst. Kein männliches Wesen und naturgemäß auch kein Geistlicher wusste, was da eigentlich geschah. So lag es in den Händen der Hebammen, im Notfall die Seele des Neugeborenen vor dem Teufel zu retten. Was, wenn die „weisen Frauen“ nun mit den Mächten der Finsternis im Bunde standen? Nicht auszudenken, wenn sie die Kinder dem Fürsten der Hölle opferten! Magie und Hexerei waren nicht nur im düsteren Weltbild der Kirche allgegenwärtig. Ein erster Versuch, die Hebammen in den Griff zu bekommen, war der Hebammeneid, mit dem sich die Wehmütter zu einem christlichen Lebenswandel verpflichten mussten. Außerdem hatten sie das Versprechen abzulegen, keine mystisch-abergläubischen Praktiken durchzuführen, den Kreißenden mit christlichen Gebeten beizustehen und keine abtreibenden Mittel zu verabreichen. Dafür durfte in Notfällen die Hebamme sogar Nottaufen durchführen und Sterbesakramente spenden. Darüber hinaus war sie verpflichtet – damit verloren die Hebammen ihren Ruf als verschwiegene Vertrauenspersonen –, bei unehelichen Geburten den Vater des Kindes festzustellen und sofort dem Geistlichen zu melden. Mit diesen Hebammenordnungen begann etwa ab der Mitte des 13. Jahrhunderts zunächst von kirchlicher Seite die Kontrolle und Aufsicht über den Berufsstand der Hebamme. Die Wehmütter waren damit zwar überwacht, hatten aber, da die kirchlichen Anordnungen kaum überprüft werden konnten, auch eine recht gefährliche Machtposition erhalten. Kein Wunder, dass die „weisen Frauen“ oft dem Verdacht der Hexerei ausgesetzt waren und viele im läuternden Feuer des Scheiterhaufens der Inquisition landeten.

Im 16. Jahrhundert erschienen die ersten Hebammenlehrbücher und 1759 veröffentlichte in Frankreich Madame Le Boursier du Coudray ein Lehrbuch, in dem sie eine Puppe aus Seide beschrieb, mit der sie die Entbindungskunst lehrte. Sie dürfte die Erste gewesen sein, die eine Puppe als Phantom für den Hebammenunterricht benutzte.

Geburtshilfe als Wissenschaft

Die ersten Männer, die sich mit Geburtshilfe befassten, waren die Wundärzte. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts durften erstmals Chirurgen im Hôtel-Dieu in Paris Geburten beobachten. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts begann sich auch die akademische Medizin vermehrt mit der Geburt zu beschäftigen. Das wissenschaftliche Interesse galt in erster Linie der Anatomie des weiblichen Beckens im Hinblick auf die zu erwartenden Schwierigkeiten bei der Geburt. Neben aller Theorie begannen die studierten Ärzte sich zunehmend auch mit der Praxis der Geburtshilfe auseinanderzusetzen. Durch die Entstehung von Gebärhäusern und Frauenkliniken konnten nun auch Ärzte erstmals selbst Geburten beobachten, leiten und sie auch Studenten lehren.

Nach und nach wurden aus den Hebammen Arzthelferinnen und – nicht immer zum Vorteil der Gebärenden – die geschickten Hände der Hebammen durch eine Reihe von Haken, Hebeln, Zangen und anderen chirurgischen Werkzeugen ersetzt. Trotz aller zum Teil berechtigten Kritik an dieser „männlichen“ Geburtshilfe, die „das natürliche Geburtsereignis als pathologischen Vorgang interpretiert“, konnte durch dieses neue Wissen und Können bei schwierigen Geburten zumindest für die Mutter oft lebensrettende Hilfe geleistet werden. Durch mangelnde, besser gesagt: nicht vorhandene Hygiene stieg in den Gebärhäusern mit den chirurgischen Werkzeugen und den Händen der Ärzte und der lernenden Studenten jedoch dramatisch die Gefahr des Kindbettfiebers. Erst Ignaz Philipp Semmelweis (1818–1865) erkannte den Zusammenhang zwischen den damals noch nicht bekannten Bakterien – dem „Leichengift“, wie er es nannte – an den Instrumenten und Händen der Untersucher und der oft tödlich verlaufenden Sepsis der Mütter. Etwa 7.000 Frauen starben am Kindbettfieber allein in der Wiener Gebäranstalt. Um 1847 führte Semmelweis im Allgemeinen Krankenhaus in Wien die antiseptische Händedesinfektion ein und verbesserte damit dramatisch das Überleben der Mütter.

Informative Schau

All das und noch vieles mehr erzählen Trockenpräparate, Instrumente, Feuchtpräparate, Modelle, Zirkulare, Briefmarken, Münzen, Bücher, Fotos und historische Instrumente in der Sonderschau „Konzeption, Schwangerschaft und Geburt“ im Narrenturm. Besonders erwähnenswert sind das zauberhafte Lehrmodell des aus Pappmaché gefertigten graviden Uterus aus dem 18. Jahrhundert, die Phantompuppe mit „Bedienungsanleitung“ und der komplett eingerichtete Wiesbadener Hebammenkoffer. Interessant ist auch das russische Gasschutzbett für Säuglinge, das in allen Krankenhäusern und höheren Regierungsstellen in der UdSSR für Notfälle zur Verfügung stand. Nebenbei lüftet die informative Schau auch das Geheimnis des APGAR Scores.

Sonderausstellung wann und wo
„Konzeption, Schwangerschaft und Geburt“
Sonderausstellung im Pathologischen Museum im Narrenturm

Öffnungszeiten:
Mittwoch 15 - 18 Uhr
Donnerstag 8 - 11 Uhr
Samstag 10 - 13 Uhr

Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum
Unicampus/ Spitalgasse 2
1090 Wien

Kontakt:
Dr. Beatrix Patzak, Direktorin
Tel. +43 1 406 86 72 / 2
Fax +43 1 406 86 73 / 5
Mail:
www.narrenturm.at

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 3 /2012

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