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Retransplantation von Ovarialgewebe: Kinderwunsch erfüllt

Transplantation von Ovarialgewebe kann nach einer Krebstherapie zu einer Schwangerschaft verhelfen.

Erstmals ist in Deutschland ein Kind geboren worden, bei dessen Mutter vor einer Krebstherapie Ovarialgewebe entnommen und später transplantiert worden war. Die Frau war auf natürliche Weise schwanger geworden.

 

„Bisher sind weltweit erst 15 Säuglinge nach einer solchen Therapie geboren worden“, sagt Prof. Dr. Michael von Wolff, Leiter der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Universitäts-Frauenklinik Inselspital in Bern. Von Wolff ist der Medizinische Koordinator des Netzwerkes FertiProtekt. FertiProtekt will Frauen und Männern vor und nach einer Chemo- oder Strahlentherapie die Möglichkeit geben, sich nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit beraten zu lassen, um gegebenenfalls auch entsprechende Maßnahmen zu deren Schutz einzuleiten.

Das Netzwerk umfasst universitäre und nicht-universitäre reproduktionsmedizinische Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Entnahme, Kryokonservierung und spätere Retransplantation von Ovarialgewebe ist eine der Techniken, die heute genutzt werden, um Frauen mit funktionsuntüchtigen Ovarien nach einer Krebserkrankung mit Chemo- oder Strahlentherapie zu einer Schwangerschaft zu verhelfen.

In die Beckenwand transplantiert

„Bei der Patientin, die im Oktober per Sectio entbunden hat, wurde das nach einer speziellen Technik aufgetaute Gewebe in die Beckenwand transplantiert“, so von Wolff im Gespräch mit der deutschen Ärzte Zeitung. Das Gewebe hatte also keinen unmittelbaren Kontakt zum Ovar selbst und wurde an der Beckenwand hormonell aktiv. Was sich dann im Becken abspielte, „ist eine hochspannende Frage“, sagt von Wolff. „Es ist eigentlich davon auszugehen, dass dieses Gewebestück dann selbst Eibläschen mit Eizellen gebildet hat, und dass diese aus der Beckenwand heraus in den Eileiter hinein ovuliert haben.“ Letztlich sei derzeit noch nicht klar, wohin zuvor kryokonserviertes Ovarialgewebe transplantiert werden müsse, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Das Gewebe auf den Unterarm zu setzen sei heute nicht mehr üblich. Stattdessen wird es in das verbliebene Ovar transplantiert oder in die Beckenwand. „Wenn die Ovarien komplett atroph sind, zusammengefallen sind von der Chemotherapie, weiß man nicht, ob das wirklich der beste Platz ist“, so von Wolff. Deshalb nutze man dann gerne auch die Beckenwand. Bei der Frau, die in Dresden entbunden hat, seien bei der Sectio auch die Ovarien inspiziert worden. „Die Ovarien sahen sehr atroph aus“, so von Wolff, „so dass nach Untersuchung von Gewebeproben mit größtmöglicher Sicherheit davon auszugehen ist, dass die Eizelle, die zur Schwangerschaft geführt hat, aus der Beckenwand stammt, nicht aus den Ovarien. Bewiesen ist das aber nicht.“

Sind die Ovarien atrophisch, übernehmen sie trotzdem weiterhin die Funktion einer „Eileiterschiene“. Rein anatomisch sei es vorstellbar, dass der Eileiter an die Beckenwand geht und eine Eizelle aufnimmt, sagt von Wolff.

Mit der Geburt des Kindes sieht von Wolff auch die Arbeit des Netzwerkes FertiProtekt bestätigt. „Das zur Kryokonservierung bestimmte Gewebe ist über Nacht an eine Kryobank transportiert worden“, berichtet von Wolff. Das habe es weltweit noch nicht gegeben und mache es sehr wahrscheinlich, dass das Gewebe den Transport schadlos überstanden habe. „Das Gewebe ist in Dresden entnommen worden, wurde über Nacht in die Kryobank des Netzwerkes in Bonn transportiert und dort eingelagert, transplantiert wurde es in Erlangen und die Sectio hat zum Schluss in Dresden stattgefunden.“

 

Müller, A. et al.: Dtsch Arztebl Int 2012; 109(1–2): 8–13, doi:10.3238/arztebl.2012.0008

 

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