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Aktuelle Kampagne des Vereins Wiener Frauenhäuser.
Foto: Alexandra Kromus / PID

Andrea Brem
Sozialarbeiterin und Supervisorin, Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser

 
Gynäkologie und Geburtshilfe 25. November 2011

Der Täter in der anderen Betthälfte

Teil 4 der ÄrzteWoche-Serie "Betreuung von Opfern sexueller Gewalt"

Nachdem in den ersten drei Teilen der Serie die Gynäkologin Dr. Karin Frischeis-Bischofberger aus Dornbirn über die ärztliche Betreuung von Missbrauchsopfern informiert hat, wird eine Studie des Vereins Wiener Frauenhäuser über sexualisierte Gewalt in Paarbeziehungen vorgestellt.

„Ich weiß, was die Hölle ist. (…) Das ist einfach ein Zustand, wo du ständig schreckliche Angst hast. (…) Angst um dein Kind, Angst um deine Existenz, Angst vor körperlicher Gewalt und davor, angegriffen zu werden.“ (Karin)*

Karins Angst richtet sich nicht gegen den unbekannten Fremden, der sie nachts in einer dunklen Seitengasse überfällt. Ihr Gefühl der Hilflosigkeit wird zu ihrem täglichen Begleiter in der Partnerschaft, in den eigenen vier Wänden, im Bett. Dieses Schicksal trägt Karin aber nicht allein. Abwertungen, Drohungen, Schläge, oft aber auch Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe sind für viele Frauen tragischer Alltag. Da sexualisierte Gewalt in Paarbeziehungen nach wie vor stark tabuisiert und von Vorurteilen geprägt ist, fällt es betroffenen Frauen besonders schwer, darüber zu sprechen.

Mythos vom unbekannten Täter

Noch immer herrscht die Meinung vor, dass Vergewaltigungen in erster Linie durch unbekannte Täter verübt werden. In der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“, wo 10.000 Frauen über ihre Gewalterfahrungen befragt wurden, gab fast jede siebte Frau an, Formen von erzwungener sexualisierter Gewalt erlebt zu haben, die auch strafrechtliche Relevanz haben. 49,3 Prozent dieser Frauen gaben an, dass der (Ex-)Partner der Täter ist, entsprechend war das eigene Schlafzimmer der Tatort.

Wichtig ist vorerst zu erkennen, dass sexualisierte Gewalt nichts mit Sex zu tun hat, sondern Sexualität wird instrumentalisiert, um Macht auszuüben, es geht also um eine Form von Gewalt.

In den vier Frauenhäusern und der ambulanten Beratungsstelle des Vereins Wiener Frauenhäuser finden Frauen Schutz und Hilfe, wenn sie – oft gemeinsam mit ihren Kindern – vor ihrem gewalttätigen Partner flüchten müssen. Vergangenes Jahr wurden 632 Frauen und 583 Kinder in den Frauenhäusern betreut – mehr als je zuvor. Weitere 98 Frauen und ihre Kinder konnten nach Abklingen der akuten Gefährdungssituation in Wohnungen des Vereins ziehen und wurden dort noch weiterhin beraten und unterstützt. In der ambulanten Beratungsstelle, wo sich Frauen kostenlos und auch anonym beraten lassen können, fanden über 10.000 Beratungskontakte statt.

In der Frauenhauspraxis zeigt sich, dass viele Frauen, die in ihrer Beziehung Gewalt erleben, auch von sexuellen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen berichten. Viele betroffene Frauen trauen sich aus Scham oder Angst erst gar nicht, eine Hilfseinrichtung aufzusuchen. Aus diesem Grund ist es wichtig, eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zu forcieren – und zwar auf eine sensible, unspektakuläre Art und Weise. Um einen ersten Schritt in diese Richtung zu setzen, widmete sich der Verein Wiener Frauenhäuser diesem Thema in der Studie Sexualisierte Gewalt in Paarbeziehungen. 16 qualitative Interviews mit Frauenhausbewohnerinnen zeigen Dynamiken auf, die in solchen Beziehungen bedeutsam sind. Ergänzt wird die Studie mit einer quantitativen Fragebogenerhebung unter 63 Frauenhausbewohnerinnen.

Weit über die Hälfte der befragten Frauen, nämlich 39, gaben an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Sechs weitere Frauen wollten nicht und eine konnte nicht darüber sprechen. Die Frauen waren über einen längeren Zeitraum hinweg von verschiedenen Gewaltformen betroffen, wobei einige Frauen sogar angaben, täglich bzw. mehrmals monatlich zu Sexualpraktiken, die sie nicht wollten, oder zu Geschlechtsverkehr generell gezwungen worden zu sein. Dies macht deutlich, in welch hohem Ausmaß Frauen, die von physischer und/ oder psychischer Gewalt durch ihren (Ex)-Mann betroffen sind, auch unter sexualisierter Gewalt leiden.

Niedrige Anzeigenquote

In den geführten Tiefeninterviews mit den Frauen wurde auch herausgearbeitet, warum es so schwer fällt, darüber zu sprechen, und weshalb die Anzeigenquote so gering ist (nur eine der interviewten Frauen erstattete Anzeige). Ein Grund ist das Gefühl der Involviertheit, das bei den Frauen entsteht, wenn sie über lange Zeit von ihnen unerwünschten sexuellen Forderungen ihrer Männer nachgeben. Dadurch werden ihre persönlichen Grenzen scheinbar immer weiter ausgedehnt, und es wird für sie immer schwieriger, eine Handlung als Gewalt zu erkennen und zu definieren. Solange die Beziehung zum Mann einigermaßen erträglich war und andere Formen der Gewalt nicht existierten, wurden sexuelle Handlungen, die die Frauen nicht wollten, hingenommen, einfach um Ruhe zu haben:

„Ich habe mir gedacht, ich lasse das über mich ergehen und habe nachher dafür meine Ruhe. (…) Das habe ich mit mir selbst so ausgemacht.“ (Dora)*

Oft fühlen sich Frauen dadurch fälschlicherweise mitschuldig an der Vergewaltigung. Deutlich wurde auch, dass einige Frauen sich selbst erst dann als vergewaltigt bezeichneten, wenn es sich um vaginale Penetration handelte, die mit körperlicher Gewalt verbunden war.

Sensibles Nachfragen

Ein immer wiederkehrendes Phänomen bei Gewalt an Frauen ist die damit verbundene Isolation der Frau. Einerseits ziehen sich die Frauen aus Scham aus dem öffentlichen Leben zurück, andererseits verbieten Gewalttäter ihnen jeden Kontakt zur Außenwelt. Dies wurde auch in unserer Studie deutlich. Die Möglichkeit, sich jemandem anvertrauen zu können, wird immer geringer. Selbst im geschützten Beratungssetting fällt es den Frauen schwer, über die erlebte sexualisierte Gewalt zu sprechen. Massive Scham- und Schuldgefühle verhindern bei den betroffenen Frauen jede Auseinandersetzung mit dem Thema. Es braucht daher bei Verdacht ein gezieltes, sensibles Nachfragen der BeraterInnen und ÄrztInnen, um zu erfahren, ob und in welcher Form eine misshandelte Frau auch von sexualisierter Gewalt betroffen ist.

„Wie eine Krankheit“

Alle AkteurInnen im professionalisierten Helfersystem müssen über bessere Zugänge zu diesem Tabuthema nachdenken, denn wenn es in Beratungsgesprächen nicht gelingt, Frauen die Möglichkeit zu bieten, sich anzuvertrauen, bleiben diese mit der Bewältigung oft schrecklicher Erlebnisse allein. Unbewältigte Gewalterfahrungen können aber zu ernsthaften Gesundheitsschäden führen.

„Ich dachte, der Schmerz geht weg, aber meine Schmerzen gehen nicht weg. Meine Schmerzen sind bis heute da. Es ist wie eine Krankheit.“ (Christa)*.

In der Literatur werden sexualisierte Gewalthandlungen zu den folgeschwersten Ereignissen im Leben gerechnet. In der Praxis zeigt sich, dass die gesundheitlichen Folgen nach sexualisierter Gewalt sehr vielfältig sind, sie reichen von dem Sich-ständig-beschmutzt-Fühlen, Angst vor Geschlechtsverkehr und Berührung, Schlafstörungen, immer wiederkehrenden Panik- und Angstzuständen, Depressionen, Essstörungen, Tablettenmissbrauch, somatoformen Störungen wie Übelkeit, Bauchschmerzen etc. bis hin zu Nervenzusammenbrüchen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Suizidversuchen.

In der Studie des Vereins zeigte sich auch, dass Frauen, die psychotherapeutische Unterstützung zur Aufarbeitung in Anspruch nahmen, deutlich reflektierter über die vergangene Situation sprechen konnten, ohne jedoch in ihr so verhaftet zu sein, dass ihr gegenwärtiges Leben stark davon beeinträchtigt ist. Die Frauen gaben auch an, gegenwärtig viel mehr auf sich selbst, ihr Wohlbefinden und ihre Bedürfnissen zu achten, und waren neuen Beziehungen gegenüber offener. Dies unterstreicht, wie wichtig psychotherapeutische Hilfe nach einer Vergewaltigung ist.

Wenn Kinder mitbetroffen sind

Nicht vergessen werden darf, dass Kinder von den sexuellen Übergriffen mitbetroffen sein können, wenn sie zu ZeugInnen werden. Mit ihnen wird oft gar nicht über das, was sie miterleben mussten, gesprochen, und sie müssen mit völlig verwirrenden Erlebnissen, die sie nicht einordnen können und die sie als sehr bedrohlich erlebten, alleine fertig werden. Wichtig ist daher, die Kinder in diesem Kontext nicht zu vergessen und ihnen gegebenenfalls professionelle Hilfe zukommen zu lassen.

Pornografisierung vs. Prüderie

Auch gesamtgesellschaftlich muss stärker auf diese Problematik eingegangen werden. Der Entwicklung einer selbstbestimmten Sexualität von Frauen – jenseits einer zunehmenden Pornografisierung auf der einen und einer neuen Prüderie auf der anderen Seite – wird zu wenig Raum gegeben. Die Schönheitsnorm, einen perfekten, immer dünneren Körper zu haben, hat sich in den letzten Jahren verengt und bewirkt eine verstärkte Unsicherheit junger Frauen und damit verbunden einen Verlust von Selbstwert. Genau dies wird von gewaltbereiten Männern aufgegriffen und zur Durchsetzung der eigenen (männlichen) Lust, bis hin zu Machtmissbrauch, verwendet.

Es wäre schön, würden sich auch politische und wirtschaftliche AkteurInnen diesem Thema annehmen, um dazu beizutragen, Gewalt gegen Frauen einen Riegel vorzuschieben.

*Die Zitate stammen aus der Studie „Sexualisierte Gewalt in Paarbeziehungen – . Eine Studie des Vereins Wiener Frauenhäuser“ (Fröschl, Elfriede, 2010). Die Namen der Frauen wurden verändert.

Die Studie kann im Sekretariat des Vereins bestellt werden:
Tel.: 01/485 30 30

www.frauenhaeuser-wien.at
Wiener Frauenhausnotruf: 05 77 22
Beratungsstelle des Vereins: 512 38 39

Von A. Brem , Ärzte Woche 47 /2011

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