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Fotos (5): Nanut/Regal
Keimesentwicklung Moulage.

Samuel Leopold Schenk lebte von 1840 bis 1902.

 Seine Arbeit Das Säugethierei künstlich befruchtet ausserhalb des Mutterthieres veröffentlichte Schenk 1878.  Sein Lehrbuch der Embryologie war eines der besten seiner Zeit.

 
Gynäkologie und Geburtshilfe 15. November 2011

Die erste In-vitro-Fertilisation

Samuel Leopold Schenk: Gründer des Embryologischen Instituts in Wien und Pionier der künstlichen Befruchtung.

Der Wunsch, das Geschlecht seines Nachwuchses selbst bestimmen zu können, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. In Wien veröffentlichte Samuel Leopold Schenk (1840–1902) im Jahr 1898 eine Broschüre, in der er seine Vorstellungen für die Möglichkeit einer willkürlichen Geschlechtsbestimmung darlegte. Als sein groß angekündigter Versuch, der russischen Zarin mit Hilfe seiner „Theorie-Schenk“ einen Thronfolger zu bescheren, daneben ging, war es mit seinem Ansehen vorbei. Vom akademischen Senat erhielt er eine Rüge und das Ministerium schickte Schenk sogar zwangsweise in Pension.

 

Dabei war Schenk kein Scharlatan oder Spinner. An der Wiener Medizinischen Fakultät galt er zwar als Sonderling und wissenschaftlicher Außenseiter, ein großer Wissenschaftler war er aber zweifellos. Der im slowakischen Urmény geborene Schenk promovierte im Jahr 1865 in Wien zum Doktor der Medizin und Chirurgie. Bereits während des Studiums wurde der Anatom Josef Hyrtl auf ihn aufmerksam und versprach ihm den Posten eines Demonstrators. Hyrtl konnte sein Versprechen aber nicht halten, da er den Sohn eines Sektionschefs vorziehen musste. Wie sich Schenk daraufhin am Anatomischen Institut gebärdete, soll „eine Szene gewesen sein, wie man sie noch niemals auf akademischen Boden der Wiener Universität erlebt hatte“. Demonstrator wurde Schenk dann bei Hyrtls Busenfeind Ernst Wilhelm Brücke, dem Vorstand des Physiologischen Instituts.

Brücke lenkte Schenks Interesse auf die Embryologie, die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Dieser Bereich der Medizin war damals noch kein eigenes Fachgebiet und wurde überschneidend von Physiologen und Anatomen gelehrt. Schenk habilitierte sich 1868 für Physiologie und wurde bereits drei Jahre später außerordentlicher Professor für Entwicklungsgeschichte an der Universität Wien. Damals war dies die erste Professur für dieses Fach in Europa.

1873 gründete Schenk das Wiener Embryologische Institut, das er bis zu seiner unfreiwilligen Pensionierung im Jahr 1900 leitete. In diesem Institut unterrichtete Schenk zahlreiche Studenten aus vielen Ländern der Erde. Sein Lehrbuch der Embryologie war eines der besten dieses neuen Faches. Forscher aus der ganzen Welt besuchten sein Institut und Schenk erhielt zahlreiche Orden und Ehrenmitgliedschaften in wissenschaftlichen Gesellschaften.

Ernährung und Geschlecht

Das Geheimnis der Geschlechtsbestimmung faszinierte Schenk bereits als Medizinstudent. Eine auffallende Änderung der Geschlechtsverteilung seiner Seidenraupenzucht bei unterschiedlicher Ernährung brachte ihn auf eine Idee, die er von nun an wissenschaftlich zu begründen versuchte. Er vermutete, dass auch die Ernährung der Frau auf das Geschlecht des Kindes großen Einfluss hat. Zufällig hatte er bei einer ihm bekannten kinderreichen Familie in drei Generationen etwas Eigenartiges beobachtet. Schwangere Frauen, die Zucker im Harn ausschieden, bekamen vermehrt Mädchen, solche, deren Harn zuckerfrei war, Knaben. Für diese Theorie versuchte Schenk nun überall in der Natur Beweise zu finden. Nach der von ihm entwickelten Hypothese musste eine Frau, die einen Sohn wollte, vor der Zeugung so lange eine streng kohlehydratfreie Diät zu sich nehmen, bis der Harn völlig zuckerfrei war. Üblicherweise dauerte diese „Regulierung“ acht Tage. Nach dem Eintreten der Schwangerschaft stellte er die Kost der werdenden Mutter allmählich wieder auf Normalkost um. Bei Schenks eigener Frau funktionierte das vorzüglich. Sie bekam sechs Knaben.

Heftige Auseinandersetzungen

Schenk veröffentlichte seine Theorie im Jahr 1898. Sie erregte unglaubliches Aufsehen und führte zu heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Schenk und den Professoren der Wiener medizinischen Fakultät. Man warf ihm vor, „Reklame zu betreiben“ und mit seinem Buch ohne „wissenschaftlich exacte Resultate … infolge eines ungesunden Triebes nach neuen Einnahmsquellen …vor ein Laienpublicum“ getreten zu sein. Damit hätte er „durch sein mit der Würde eines akademischen Lehrers und Forschers unvereinbares Verhalten das Ansehen der Wiener medicinischen Facultät verletzt“. Das misslungene Experiment mit der Zarin Alexandra – sie gebar ihre dritte Tochter –, zerstörte seine Theorie auch in der breiten Öffentlichkeit und machte ihn lächerlich. Aus seiner Autobiographie geht hervor, dass er die willkürliche Geschlechtsbestimmung für sein „Lebenswerk“ hielt. Hohn, Spott und die Ablehnung, die er nun erfuhr, trafen ihn bis ins Mark. Durch kaiserliche Verfügung wurde Schenk sogar vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Für manche Autoren ist diese tatsächlich „ganz außergewöhnliche Maßnahme“ nur vor dem Hintergrund des aggressiven Antisemitismus in Wien am Ende des 19. Jahrhunderts erklärbar. Jude zu sein, war schon damals einer Karriere nicht dienlich. Auch Schenk hatte reagiert und nicht nur seinen Vornamen Samuel abgelegt. Er publizierte nur mehr unter „Leopold Schenk“ und war zudem Katholik geworden.

Interessanterweise spielten für Schenk selbst seine Befruchtungsversuche, für die er heute zum Pionier der In-vitro-Fertilisation gemacht wird, keine große Rolle. Er präsentierte sie zwar bei einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte, erwähnte sie aber nur nebenbei. Er sah sie selbst anscheinend nicht als außergewöhnliche Leistung. Seine Arbeit Das Säugethierei künstlich befruchtet ausserhalb des Mutterthieres veröffentlichte er 1878. In dieser Arbeit beschrieb er genau, wie er das „entnommene Sperma … dem Eichen auf der Uterusschleimhaut zugesetzt und in einen entsprechend vorgewärmten Brütapparat“ legte. Hier beobachtete Schenk die Entwicklungsphasen der befruchteten Eizelle. Leopold Schenk war damit die erste extrakorporale Befruchtung gelungen. Damals machte dieser aus heutiger Sicht sensationelle Versuch kaum Eindruck. Niemand maß ihm große Bedeutung zu. Auch Leopold Schenk selbst würde sich heute wundern, dass gerade dieser Versuch – und nicht seine Theorie zur willkürlichen Geschlechtsbestimmung – ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte der Embryologie und der In-vitro-Fertilisation einbrachte.

Leopold Schenk ist heute ebenso vergessen wie seine Theorie. Nur ein Weg in Penzing erinnert an ihn.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 46 /2011

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