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Fotos (2): Edda Haberlandt
„Was sagen Juristen, Ärzte und Seelsorger dazu?“ – Die Berichterstattung über Haberlandts Forschung überschlug sich 1927.
 

„Es muss etwas Besseres als das Kondom geben!“

Ein Rückblick auf das Forscherleben von Ludwig Haberlandt (1885–1932), Pionier der hormonalen Kontrazeption.

Vor 90 Jahren hatte ein österreichischer Physiologe die Vision von einer einfach durchzuführenden Empfängnisverhütung. Bis zur Realisierung durch die nachfolgenden Forschergenerationen war es aber ein schwieriger Weg, wie seine Enkelin, Dr. Edda Haberlandt, hier berichtet.

 

Das primäre wissenschaftliche Engagement meines Großvaters Ludwig Haberlandt galt der Herzphysiologie. 1926 gelang ihm der Nachweis eines „Herzhormons“ als Basis für die kardiale Funktionstätigkeit. Weitere Forschungen brachten ihn 1929 auf einen Erregungsstoff in Gehirn und Rückenmark, welcher nervliche Leistungen zu aktivieren vermochte. Dieser Erregungsstoff wurde primär aus Extrakten aus Warmblüter-Gehirnen (Meerschweinchen) hergestellt. Daraus entstand die pharmazeutische Entwicklung eines Tonikums (damals „Cerebrotrat“, bis heute erhältlich als Aktivanad®).

Eingebung im Jahr 1919

In seiner unveröffentlichten Autobiographie schrieb Haberlandt über den Ausgangspunkt seiner Forschung über eine „hormonale Sterilisierung“: „Ich erinnere mich, wie mir der Grundgedanke hierzu an einem Februarabend des Jahres 1919 ganz plötzlich – gleichsam wie durch eine höhere Eingebung gekommen war und mir sofort die weitgehende Bedeutung der Sache voll zum Bewusstsein kam.“

Bei anderer Gelegenheit verglich er seine Idee der hormonalen Sterilisation mit dem Parken eines Fuhrwerks: „Wenn man nicht wolle, dass ein Fuhrwerk zu einem Parkplatz vordringe, der bereits belegt sei, versperre man ihm den Weg. Ähnlich müsse es im Körper einer schwangeren Frau ablaufen: Hormone würden sich den Eizellen und Spermien zwar nicht in den Weg stellen, aber dafür sorgen, dass der Weg in der Gebärmutter unpassierbar sei. Empfängnisverhütung bestünde also in einer hormonell vorgetäuschten Schwangerschaft.“

Tiere hormonal sterilisiert

Seine Forschungen dazu waren nach dem 1. Weltkrieg nicht immer leicht durchführbar. Ein weiteres Zitat belegt seine damaligen Schwierigkeiten: „Im Frühjahr 1919 führte ich meine ersten Ovarien-Transplantationen aus, die seither dauernd fortgesetzt wurden. Bei den enorm hohen Tierpreisen und der großen Futternot stehen solchen Experimenten derzeit leider beträchtliche Schwierigkeiten im Wege. Es ging in der Folge um ein Präparat von Eierstöcken trächtiger Tiere (Kühe und Schafe), die in der Nachkriegszeit und nach 1920 ja nur selten zur Schlachtung kamen.“

In seinen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1921 berichtete Haberlandt über den Abschluss seiner Ovarien-Transplantationsversuche, die auch durch eingehende histologische Untersuchungen fundiert wurden. Er konnte dadurch erstmalig eine hormonale Sterilisierung des weiblichen Tierkörpers (Kaninchen/Meerschweinchen) herbeiführen. Ein Bericht darüber in der Wissenschaftlichen Ärztegesellschaft der Universität Innsbruck fand reges Interesse. Die Beobachtung wurde als „Ei des Kolumbus“ bezeichnet. Die Chemische Fabrik E. Merck in Darmstadt machte daraufhin die Zusage, das von Haberlandt angegebene Ovarialpräparat für Injektionsversuche am Tier herzustellen. Auch diese Laborexperimente am Tierorganismus waren erfolgreich, sodass Haberlandt schon im Jahr 1922 eine praktische Auswertung im Klinikbereich in Betracht zog.

Ein persönlicher Kontakt und wissenschaftlicher Austausch mit dem bekannten Endokrinologen Prof. Dr. Eugen Steinach ist bereits für die frühen zwanziger Jahre dokumentiert. Steinach interessierte die breite Öffentlichkeit mit seinen endokrinologischen Forschungen, die eine hormonelle „Verjüngungstherapie“ zum Ziel hatten.

Über die „hormonale Sterilisation weiblicher Tiere an Hand der Injektionsversuche mit Corpus luteum-, Ovarial- und Placenta-Option“ berichtete Haberlandt 1923 auf dem Physiologen-Kongress in Tübingen, stets mit Betonung auf die erforderliche Auswertung der Entdeckung im klinischen Bereich. Darüber hinaus waren diese Erkenntnisse wichtige Grundlagenforschung über die innere Sekretion von Eierstock und Plazenta.

Im Kreuzfeuer der Kritik

Spätestens zu diesem Zeitpunkt setzte massive Kritik von Kollegen ein, insbesondere des Innsbrucker Anatomen A. Greil, der im Zentralblatt für Gynäkologie (1924) den Beitrag „Veto gegen die ovarielle temporäre Sterilisierung. Erwiderung an L. Haberlandt“ schrieb. Der von Greil übersandte Sonderdruck enthielt die folgende „kollegiale Empfehlung“: „Verdirb nicht Deines Vaters Ruhm mit dem Corpus luteum!“

Nachdem Haberlandt 1927 einen Vortrag in der Innsbrucker Wissenschaftlichen Ärztegesellschaft über „die hormonale Sterilisierung auf oralem Wege mit praktisch-medizinischen Konsequenzen“ gehalten hatte, war das Thema in aller Munde. Ihm wurden Verbrechen gegen das ungeborene Leben vorgeworfen. Seine Idee geriet ins Kreuzfeuer der moralischen, ethischen, kirchlichen und politischen Kritik. Danach verweigerte er weitere öffentliche Interviews zu seiner Entdeckung.

Langjährige Ruhepause

Schwierig gestalteten sich auch die Verhandlungen mit der deutschen pharmazeutischen Industrie, sodass Haberlandt nach Ungarn auswich. Endlich entwickelte die Fabrik G. Richter in Budapest 1930 das Präparat „Infecundin“. Zeitgleich hielt Haberlandt einen Vortrag auf dem 4. Internationalen Sexualkongress in Wien, in dem er mitteilte, dass es der ungarischen Firma Richter gelungen sei, ein wie im Tierversuch wirksames Präparat herzustellen und dass erste klinische Studien in Budapest und Innsbruck noch 1930 beginnen sollten.

Durch seinen frühen Freitod 1932 und die Kriegswirren in Europa wurde es still um die Idee der hormonalen Empfängnisverhütung. Nachträgliche Recherchen der Familie Haberlandt über erste Ergebnisse der begonnenen klinischen Studien blieben erfolglos. Es konnten weder Unterlagen über die ersten klinischen Anwendungsversuche der Firma Richter noch des Klinikums Budapest und Innsbruck gefunden werden.

Späte Würdigung

Erst 1970 begann das medizinhistorische Interesse an Haberlandts Arbeiten durch den Gynäkologen Prof. Dr. Hans Simmer, welcher sich an der University of California mit Haberlandts früher Entdeckung beschäftigte. Die folgenden Jahrzehnte waren durch ein wachsendes Interesse an Haberlandt sowohl von der medizinhistorischen als auch der klinischen Seite gekennzeichnet.

Ein Ereignis war im Jahr 1996 die Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, verbunden mit einer allgemein-wissenschaftlichen Veranstaltung zum Thema „Die Pille: Von der Lust und der Liebe.“ Dabei wurde Haberlandt im Beitrag „Etwas Besseres als das Kondom: Ludwig Haberlandt und die Idee der Pille“ als „Großvater“ der hormonalen Sterilisation bezeichnet. Der Titel bezog sich auf einen Ausspruch, den er zu Beginn seiner Überlegungen 1919 getätigt haben soll: „Es muss doch etwas Besseres als das Kondom geben!“

In diesem Zusammenhang darf auch Prof. Dr. Carl Djerassi nicht unerwähnt bleiben. Djerassi wird als „Vater“ der Pille durch seine Erfindung der synthetischen Herstellung von Norethisteron bezeichnet, das sich als idealer oraler Ovulationshemmer und damit als optimales Empfängnisverhütungsmittel erwies. Er betonte und zitierte regelmäßig die Bedeutung der österreichischen wissenschaftlichen Vorarbeiten und der weit zurückliegenden Grundlagenforschungen Haberlandts.

Die erste Pille, Enovid®, kam 1960 in den USA auf den Markt; Anovlar® von Schering 1961 in Europa – 40 Jahre nachdem meinem Großvater die Idee dazu „eingeschossen“ war.

Zur Person
Prof. Dr. Ludwig Haberlandt (1.2.1885-22.7.1932)

Haberlandt promovierte 1909 in Medizin summa cum laude und begann seine physiologische Laufbahn an der Universität seiner Heimatstadt Graz. Sein akademischer Weg führte ihn über die Universität Graz und die Berliner Humboldt-Universität 1911 nach Innsbruck. In der Zeit von 1909 bis 1931 veröffentlichte er 134 wissenschaftliche Arbeiten und Monographien, davon 14 Arbeiten über die „hormonale Sterilisierung des weiblichen Organismus“.
Fotos (2): Edda Haberlandt

„Was sagen Juristen, Ärzte und Seelsorger dazu?“ – Die Berichterstattung über Haberlandts Forschung überschlug sich 1927.

Foto: Verlag Rowohlt Berlin

1996 fand im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden die Ausstellung „Die Pille“ statt. Sie bezeichnete Haberlandt als den „Großvater der Pille“.

Von Dr. Edda Haberlandt, Ärzte Woche

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