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Inkontinenz in der Praxis

Was in der Ordination umgesetzt werden kann.

Die gynäkologische Praxis ist für die steigende Zahl an Patientinnen mit Kontinenzproblemen die erste und wichtigste Anlaufstelle. Was früher einfach als „Alterserscheinung“ abgetan wurde, wird heutzutage untersucht, abgeklärt und behandelt.

 

Die zunehmende Lebenserwartung bei guter Lebensqualität und gegenüber früher besserer medizinischer Versorgung führt zu einer steigenden Anzahl an älteren Menschen in unserer Gesellschaft (Abbildung). Aufgrund dieser veränderten Struktur werden Patientinnen mit Harn- oder Stuhlinkontinenz sowie mit Senkung der Beckenorgane in der gynäkologischen Praxis nun häufiger gesehen.

Stufendiagnostik

Ärzte in der gynäkologischen Praxis sind die ersten und wichtigsten Ansprechpartner für diese Patientinnen. Durch die Anwendung eines einfachen Stufenkonzeptes der Diagnostik in der Urogynäkologie kann und soll ein Großteil dieser Patientinnen in der gynäkologischen Praxis abgeklärt und therapiert werden. Diese „Stufendiagnostik“ wird von der IUGA (International Urogynecological Association) bzw. von den urogynäkologischen Arbeitsgemeinschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz empfohlen (AGUB, AUB, AUG, siehe Tabelle).

Anamnese

Die Basisdiagnostik besteht aus der urogynäkologischen und allgemeinen Anamnese, aus klinischer Untersuchung, Harnuntersuchung und Restharnmessung. Eine erweiterte Diagnostik stellen Miktionsprotokoll, Hustentest, Pad-Test, Introitus- und Perianalsonographie und Zystokopie dar.

Die urogynäkologische Anamnese umfasst die Erhebung von Miktions- und Defäkationsbeschwerden sowie Funktionsbeeinträchtigungen als Folge einer Senkung der Beckenorgane und weiters die Erhebung der bereits durchgeführten Therapien.

Wichtige Eckpunkte der Allgemeinanamnese sind Komorbiditäten (z. B. Diabetes mellitus, Übergewicht, neurologische und psychiatrische Erkrankungen), Begleitmedikation sowie die Sozialanamnese.

Klinische Untersuchung

Die klinische Untersuchung ermöglicht die Beurteilung des Allgemeinzustandes der Patientin und in weiterer Folge eine Objektivierung der Beschwerden der Patientin. Durch Inspektion, Palpation und Spekulauntersuchung ist es möglich, einen Überblick über den Östrogenisierungszustand, mögliche Infektionen und Senkungzustände der Scheide und Gebärmutter zu erhalten. Mit Hilfe der Spekula werden Deszensuszustände beurteilt. Drei Kompartimente – vordere Scheidenwand, Zervix bzw. Scheidenstumpf und hintere Scheidenwand – sollen getrennt untersucht werden. Die Palpation inkludiert die Beurteilung der Beckenbodenkontraktilität. Eine Harnwegsinfektion und der Restharn werden durch Anamnese und Screening per Harnstreifen bzw. durch Sonographie oder Katheterismus ausgeschlossen.

Weitere Abklärung

Ein Miktionsprotokoll zu führen ist sehr einfach, nicht invasiv, kostengünstig und sehr hilfreich, um ein detailliertes, reliables Bild über den Miktionsstatus zu erhalten. Ein klinischer Stresstest bzw. Pad-Test verlangt etwas mehr Zeit in der Praxis, ermöglicht aber, wenn positiv, die Bestätigung einer Belastungsinkontinenz.

Die oben erwähnte Basisdiagnostik, erweitert durch Miktionsprotokoll und klinischen Stresstest bzw. Pad-Test, sind ausreichend, um eine Diagnose zu stellen und eine konservative Therapie einzuleiten.

Optional wird auch die Durchführung einer Introitus- und Perinealsonographie empfohlen. Diese Untersuchung erlaubt, wie oben erwähnt, eine nicht invasive Restharnmessung, eine Beurteilung der Lage von Symphyse, Urethra und Blasenboden und gegebenenfalls die Darstellung von Fremdmaterial.

Erweiterte Diagnostik

Wenn die Basisdiagnostik für die Diagnosestellung unzureichend ist, sollte eine erweiterte Stufe III der urogynäkologischen Diagnostik erfolgen. Für Ärztinnen und Ärzte in der Praxis ist wichtig zu wissen, für welche Patientinnen diese erweiterte Diagnostik notwendig ist.

Eine urodynamische Abklärung wird in diesen Fällen empfohlen: geplante Operation, Rezidiv- oder Mischinkontinenz, Diskrepanz zwischen subjektivem Leidensdruck und objektivem Befund.

Eine Zystokopie ist notwendig bei bestehendem Drang ohne Infektion, Hämaturie, Verdacht auf Fistel oder postoperativen Problemen. Eine Routineuntersuchung bei Stressinkontinenz stellt die Zystokopie nicht dar. Weitere diagnostische Untersuchungen, wie bildgebende Verfahren usw., sollen spezialisierten Zentren überlassen werden.

 

Literatur bei der Verfasserin

 

Prof. Dr. Vesna Bjelic-Radisic ist an der Universitätsfrauenklinik an der MedUni Graz tätig.

 
Urogynäkologische Stufendiagnostik
Stufe I/IIStufe III
Anamnese Zystoskopie
Klinische Untersuchung Urodynamik
Harnuntersuchung Uroflowmetrie
Restharn Detaillierte Sonographie
Miktionstagebuch Neurologie
Stresstest Radiologie
Pad Test Interdisziplinäre Abklärung
Introitus/perianal Sonographie  
Zystoskopie  
Urogynäkologische Stufendiagnostik (AGUB, AUB, AUG).

Von V. Bjelic-Radisic , Ärzte Woche 26 /2011

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