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Bereits das erste Virus im Leben kann nachhaltig schaden

Eine Infektion mit dem Zytomegalievirus erhöht das Komplikationsrisiko für das Ungeborene.

Zytomegalieinfektionen in der Schwangerschaft sind eine häufige unerkannte Ursache für Frühgeburten, Kinder mit zu geringem Geburtsgewicht, aber auch mit Spätschäden wie etwa Innenohrschwerhörigkeit, Sprachstörungen sowie einer frühkindlichen zerebralen Retardierung.

 

Der Zytomegalievirus (ZMV) ist ein Krankheitserreger, der sehr häufig vorkommt. Etwa 50 Prozent der Bevölkerung (abhängig von Alter, Sozialstatus und allfälligen anderen Krankheiten) sind Virusträger. Die Übertragung des Virus passiert bei jungen Frauen in erster Linie durch Sexualkontakte, später eventuell durch Kontakt mit ZMV-ausscheidenden Kindern.

In den meisten Fällen verläuft die Infektion asymptomatisch oder wie ein grippaler Infekt. Bei Schwangeren jedoch kann das Virus die Plazentaschranke überwinden und das ungeborene Kind infizieren. In Österreich werden jährlich rund 200 bis 300 Kinder mit einer connatalen Zystomegalievirusinfektion geboren. Im Vergleich dazu schätzt man, dass aufgrund der entsprechenden Vorsorgemaßnahmen (Schutzimpfung, Röteltiterbestimmung im Mutter-Kind-Pass) in Österreich nur etwa sieben bis zehn Kinder mit manifester Rötelninfektion geboren werden.

Die häufigsten Schäden, die bei einem erkrankten Kind nach der Geburt festgestellt werden können, sind Petechien, Wachstumsretardierung und Ikterus. Besonders gefürchtet sind freilich zerebrale Symptome, wie Verkalkungen, Mikro- oder Hydrozephalus. Ungefähr sechs Prozent connatal infizierter Kinder sterben kurz nach der Geburt.

Die Diagnostik der Zytomegalievirusinfektion ist insofern schwierig, weil man unterscheiden muss, ob es sich um eine primäre Infektion oder um eine Reinfektion handelt. Bei Ersterer liegt die Übertragungsrate bei etwa 50 Prozent, bei einer sekundären Infektion nur bei etwa 19 Prozent. Wenn in der Frühschwangerschaft der ZMV-Status erhoben wird, bedeutet ein positiver CMV-IGG bei gleichzeitigem negativen CMV-IGM, dass die Frau bereits vor der Empfängnis eine Zytomegalievirusinfektion erlitten hat und dass somit keine Primärinfektion vorliegen kann. Sind weder IGG noch IGM nachweisbar, liegt kein Schutz für eine Primärinfektion vor. Eine positive IGM-Serologie ist Zeichen für eine kürzlich stattgefundene Infektion. Ist IGG gleichzeitig negativ, so spricht dies für eine Primärinfektion, die in den letzten sechs bis acht Wochen stattgefunden haben muss. Sind IGM und IGG positiv, ist es wahrscheinlich, dass die Infektion länger als sechs bis acht Wochen zurückliegt oder aber es sich um eine Sekundärinfektion handelt. In diesem Fall müssen Spezialuntersuchungen durchgeführt werden (Aviditätsprüfung, Glykoprotein B, Antikörpernachweis etc.). Je geringer die Avidität ist, umso höher ist das Risiko einer fetalen Infektion. Weitere diagnostische Maßnahmen sind Erregernachweis im mütterlichen Blut sowie eventuell aus der Amnionflüssigkeit.

Screening könnte viel Leid ersparen

Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie von Dr. Giovanni Nigro zeigte, dass eine infektionsbedingte Schädigung des Feten von 50 auf drei Prozent reduziert werden könnte, wenn rechtzeitig ein Immunglobulin verabreicht wird. Die derzeitige Datenlage lässt aber noch keine allgemeinen Empfehlungen für den Einsatz eines generellen ZMV-Screenings in der Schwangerschaft zu. Neue, noch nicht publizierte Daten könnten zu einem Umdenken führen. Auch wenn der Aufwand eines generellen Screenings zunächst groß erscheint, muss in Betracht gezogen werden, dass mit der Geburt von etwa 200 bis 300 erkrankten Kindern pro Jahr gerechnet werden muss. Wie viel Leid, wie viele Kosten könnten also erspart werden, wenn konsequent Screening und Therapieoptionen bzw. Prophylaxe zu Verfügung stehen würden!

 

Prof. Dr. Josef Deutinger ist Spezialist für Pränatalmedizin am AKH Wien, Medizinische Universität Wien und im Institut Gyn Schall.

Von Prof. Dr. Josef Deutinger, Ärzte Woche

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