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Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 

NebenWirkung Spezial: Die Gynäkologen

Sex, Drugs und Wechselbeschwerden. Oder warum die Gynäkologen mit zu den glücklichsten Ärzten zählen.

Auch wenn ich mich selbst nur selten in die Hände dieser Fachdisziplin begebe, mag ich die Gynäkologen irgendwie. Sie sehen lächelnd über Ungerechtigkeiten hinweg, etwa die, dass bei der Betreuung einer Schwangeren plus ungeborenem Kind nur über eine E-Card abgerechnet werden kann.

Gynäkologen sind die ersten Ärzte, die ein neugeborener Mensch zu Gesicht bekommt. Erst später lassen sich, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Pädiater, Allgemeinmediziner, Internisten, Geriater und Pathologen blicken. Damit hat diese Sparte Arzt jedoch auch eine verantwortungsvolle Aufgabe übernommen. Denn wie einst die Graugansküken des Herrn Lorenz über die Prägung ein Leben lang ihrem ersten Anblick ergeben waren, hängt es stark davon ab, wie sanft und kompetent sich der Geburtshelfer in diesen ersten Lebenssekunden verhält, ob ein liebendes oder aber ein misstrauisches Verhältnis Ärzten gegenüber aufgebaut wird. Zwar werden geborene XY-Träger diese Gattung Mediziner nur in der Rolle des männlichen Begleiters wahrnehmen, doch diese erste Begegnung prägt unser generelles Ärzte-Bild.

Mich dürfte ein netter Mensch auf die Welt gebracht haben, denn ich persönlich mag sie, die Gynäkologen. Sie sind ein freundliches Völkchen. Und ich möchte an dieser Stelle um Entschuldigung bitten, sollte sich ein misanthropisch-sarkastischer Gynäkologe durch dieses Pauschalurteil verletzt fühlen.

Was mir immer gefallen hat, ist diese Begeisterungsfähigkeit: Mit wehenden Fahnen im Kampf für ihre Patientinnen machen sie sich mal stark für Hormone in den Wechseljahren, mal dagegen. Aber immer mit einem Enthusiasmus, der vielen anderen Fachrichtungen fehlt. Ein guter Geburtshelfer bewahrt immer die nötige Ruhe und lässt sich auch von der kreißenden Mutter gemeinsam mit dem blassen Ehegatten beschimpfen, ohne zurückzuschlagen.

Endlich junge Patienten

Neben den üblichen Krankheiten darf sich der Gynäkologe mit so schönen Dingen wie Sex, Schwangerschaft und Geburt beschäftigen, wohingegen so mancher Pneumologe lediglich zwischen den Farben des Auswurfes wählen kann. Das kann schon glücklich machen. Zudem ist das Patientenkollektiv hier auch deutlich jünger. Im Gegensatz zu anderen Fachdisziplinen, die derartig juvenile Patienten eigentlich nie zu Gesicht bekommen. Es gibt Internisten, die glauben, Menschen kommen erst mit 40 zur Welt.

Dafür – und das darf wohl als Kehrseite der Medaille gesehen werden – müssen Geburtshelfer, erkennbar an der ununterbrochenen elektronischen Erreichbarkeit in Theatern und Konzerten, rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Es wird sogar berichtet, dass so manche Gynäkologin bei der eigenen Entbindung Bereitschaft für eine Geburt im benachbarten Kreißsaal hatte. Auch wird von den Gynäkologen weitaus mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen verlangt als von den Kollegen anderer Fachrichtungen. Ist einmal ein Orthopäde einfühlsam, so keimen in den Patienten ernsthafte Zweifel auf, ob dieser sein Handwerk tatsächlich auch versteht. Der gemeine Gynäkologe hingegen kommuniziert durch die Knie seiner Patientinnen hervor und findet doch stets die richtigen Worte.

Lüstling oder Charmeur?

Natürlich steht der Frauenarzt immer im gesellschaftlichen Spannungsfeld zwischen besonnener „Arzt, der die Frauen versteht“ und lüsterner „Busengrapscher“. Letzteres wird dem Gynäkologen allerdings eher von den Chirurgen an den Kopf geworfen, die ebenfalls ein Auge auf dieses Gebiet geworfen haben. Doch auch hier brennt das Temperament der Gynäkologen: Geht es um die Brust, dann kämpfen sie wie Wölfe um dieses Territorium. (Ob es sich bei der bekannten Darstellung von Romulus und Remus allerdings tatsächlich um zwei Gynäkologen handelt, die Brüste inspizieren, mag bezweifelt werden.)

Über wissenschaftliche Fortschritte gilt es natürlich auch in der Gynäkologie und Geburtshilfe zu berichten. Zwar kommen Kinder nach wie vor auf dieselbe Weise zur Welt wie vor 1000 Jahren, doch erst heute sind wir so weit und vergeben auch LKF-Punkte dafür. Hat man früher den weiblichen Körper von medizinischer Seite lediglich als Summe der Einzelteile betrachtet, Eierstöcke, Gebärmutter, Brust, so hat man heute eine viel ganzheitlichere Sicht: Die Frau ist nämlich ein Hormon. Da wird pubertiert, gewechselt und atrophiert, was das Zeug hält, die Hormone verändern die Haut, das Bindegewebe, die Zellen und nicht zuletzt auch indirekt die Männer. Hormone sind hip und ein Gynäkologe ohne Hormon ist wie ein Chirurg ohne SUV. Da es Hormone in unglaublich vielen Darreichungsformen gibt, als Pille, Spritze, Spirale oder auch als Nahrungsergänzung im Schnitzel, sind der Phantasie der Verschreibung keine Grenzen gesetzt.

Auch die moderne Genderforschung bestätigt, was wir schon immer wussten: Frauen ticken anders als Männer. Diese ganze Venus-Mars-Sache schlägt sich selbstverständlich auch auf die betreuenden Ärzte nieder. Und tatsächlich haben Gynäkologen, so sie nicht selbst dem weiblichen Geschlecht angehören, irgendwie etwas Feminines. Vielleicht macht sie das ja so anziehend.

Wer anderen Menschen an Kopf, Steiß oder Füßen in diese Welt hilft, kann kein schlechter Arzt sein. Und nicht von ungefähr gibt es nur hier den Kaiserschnitt.

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Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

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