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Brustkrebs: Die Kompetenz liegt bei den Gynäkologen

Es gibt bereits fünf zertifizierte Brustgesundheitszentren in Österreich.

Die Ärzte Woche sprach mit dem amtierenden Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG), Doz. Dr. Walter Neunteufel, dessen Amtsperiode bis 2011 verlängert wurde, über die aktuellen Themen seines Fachgebietes in Österreich.

Der „verlängerte“ OEGGG-Präsident Doz. Dr. Walter Neunteufel, Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus Dornbirn, berichtet über den Ausbau der Brustgesundheitszentren. In rund sieben Jahren soll dieser Vorgang abgeschlossen und eine flächendeckende Versorgung gewährleistet sein. Überhaupt sieht Neunteufel beim Brustkrebsscreening in Österreich noch Aufholbedarf. Bei anderen prophylaktischen Maßnahmen wurden Verbesserungen erreicht, so wurden der orale Glukosetoleranztest und eine weitere sonografische Untersuchung im ersten Trimenon im Rahmen des Mutter-Kind-Passes durchgesetzt.

Welche Ziele konnten Sie in Ihrer Funktion als Präsident der Gesellschaft bereits erreichen?

NEUNTEUFEL: Besonders stolz sind wir darauf, die Implementierung von Brustgesundheitszentren in Österreich voranzutreiben. Die EU schreibt flächendeckende Früherkennungsprogramme und zertifizierte Brustzentren mit klar definierten Qualitätskriterien vor. Schließlich liegt die Überlebensrate von Patientinnen mit Brustkrebs bei Früherkennung und kompetenter Behandlung bereits bei 90 Prozent. So wurde vor zwei Jahren im Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen von allen beteiligten Fachgesellschaften einstimmig die Errichtung von Brustgesundheitszentren beschlossen. Die von der OEGGG daraufhin gegründete „Task Force Mammakarzinom“ erarbeitete ein Konzept für die Umsetzung der europäischen Richtlinien und die Schaffung von Brustzentren. Seit Jänner 2009 gibt es fünf zertifizierte Zentren in Österreich. Das österreichische Konzept besteht aus zertifizierten Brustzentren und angebundenen Partnerzentren. Die Kernleistungen sind Diagnostik, Operation, Strahlentherapie, Pathologie und medikamentöse Tumortherapie und weiters die Verfügbarkeit unterschiedlicher Leistungen wie Physiotherapie, Psychoonkologie, plastisch-rekonstruktive Chirurgie und genetische Beratung. Die Partnerzentren stehen dabei in enger Kooperation mit dem jeweiligen Hauptzentrum, an jedes Brustzentrum dürfen zwei Partner gebunden sein. Bis 2016 sollte eine flächendeckende Versorgung aller Brustkrebspatientinnen in zertifizierten Brustzentren gewährleistet sein.

 

Welche weiteren Themen waren im vergangenen Jahr von Relevanz?

NEUNTEUFEL: Wir können auf eine erfolgreiche Jahrestagung der OEGGG in Dornbirn zurückblicken, die Frauen mit Migrationshintergrund als ein zentrales Thema hatte. Zurzeit sind wir mitten in der Organisation der gemeinsamen Jahrestagung der Bayrischen und Österreichischen Gynäkologischen Gesellschaft, die von 10. bis 13. Juni in Wien stattfinden wird. Hauptthema ist „Brustkrebs“.

 

Wie sind Sie mit der Brustkrebsfrüherkennung zufrieden?

NEUNTEUFEL: Hinsichtlich Früherkennung sprechen wir uns als Gesellschaft für ein organisiertes Brustkrebsscreening aus. Das heute praktizierte opportunistische Screening ist eigentlich nicht ausreichend, wie internationale Studien zeigen. Generell sind Prophylaxe und Früherkennung zentrale Themen der OEGGG. Neben dem Brustkrebsscreening sollte auch ein organisiertes Screening im Hinblick auf das Zervixkarzinom etabliert werden. Prophylaxe hat auch einen wesentlichen Stellenwert in der Schwangerschaft. Es war uns ein Anliegen, den Mutter-Kind-Pass diesbezüglich zu verbessern. Dank der Arbeit von Frau Prof. Dr. Bancher-Todesca, die als Vertreterin unserer Gesellschaft in den Sanitätsrat entsandt war, konnte einerseits der orale Glukosetoleranztest und andererseits eine weitere sonografische Untersuchung im ersten Trimenon durchgesetzt werden. Noch in diesem Jahr soll der neue Pass herauskommen. Die Prophylaxe der Frühgeburtlichkeit ist eine wichtige Aufgabe der Zukunft, unser Schriftführer Prof. Dr. Herbert Kiss vom AKH Wien nimmt sich dieses Anliegens besonders an.

 

Und wie lautet Ihre aktuelle Empfehlung zur HPV-Impfung?

NEUNTEUFEL: Aus heutiger Sicht empfehlen wir seitens der OEGGG diese Impfung bei jungen Mädchen. Es sollte aber auch eine Lösung hinsichtlich der Finanzierung geben. Hier ist die Politik gefordert!

Das Thema Migration war Schwerpunkt bei der Tagung in Dornbirn. Wo liegt hier Handlungsbedarf?

NEUNTEUFEL: Man merkt, dass sich vor allem in den Krankenhäusern der Ballungszentren eine Menge tut. Die Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung von Frauen mit Migrationshintergrund ist jedoch nicht unbedingt nur Sache der Politik. Es muss gewährleistet sein, dass Angebote vorhanden sind, die diesen Frauen den Zugang zum Gesundheitssystem erleichtern. Dieses Bewusstsein und der Wille dazu sind vorhanden.

Nicht so sehr die kulturellen Unterschiede sind es, die ausschlaggebend für Benachteiligungen sind, sondern die unterschiedlichen Zivilisationen. Lernen die Frauen unsere Zivilisation kennen, bekommen sie einen Einblick in die Struktur unseres Landes, und nehmen sie die bestehenden Möglichkeiten etwa von Sprachkursen wahr, so lässt sich die Benachteiligung beseitigen. Die Etablierung von mehr Dolmetschern in den Abteilungen halte ich für falsch, um dieses Ziel zu erreichen. Es ist auf jeden Fall ein Thema, das wir einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen wollen.

 

Lassen sich die Empfehlungen der OEGGG auch politisch umsetzen?

NEUNTEUFEL: Wir engagieren uns sehr stark, gemeinsam mit der Österreichischen Ärztekammer, für die Qualitätssicherung in der Ausbildung zum Facharzt als auch zum Allgemeinmediziner. In beiden Fällen konnten wir die Rasterzeugnisse verbessern. Ein Vertrag, den wir mit der Standesvertretung abgeschlossen haben, ist die Basis für eine durchaus fruchtbringende Zusammenarbeit. Einerseits unterstützen wir die Ärztekammer in fachlicher Hinsicht. Sie kann damit auf einen großen wissenschaftlichen Pool zurückgreifen, um Sachfragen besser beantworten zu können. Die ÖGGG profitiert im Gegenzug von der formalen Kompetenz der ÄK. Da wir als wissenschaftliche Gesellschaft keinen Anspruch auf gesundheitspolitische Mitentscheidung haben, können wir so unsere Anliegen durchbringen.

 

Welche Aufgaben wollen Sie in Ihrer weiteren Amtszeit verfolgen?

NEUNTEUFEL: Ein großes Anliegen ist Prophylaxe und Früherkennung von Brust- und Zervixkarzinom, sowie die Verbesserung der Qualität der Betreuung. Ein solches Qualitätsmanagement lässt sich durch die Zertifizierung von Brustgesundheitszentren bewerkstelligen. Wie bereits erwähnt haben wir damit schon begonnen. Bis 2016 sollten alle Frauen mit Brustkrebs in Österreich in zertifizierten Brustkrebszentren behandelt werden können. Ein weiteres Ziel für die nächsten Jahre ist es eben, die Qualität der Ausbildung zu sichern. Mein Amtsvorgänger Wolfgang Stummvoll hat hier mit der OEGGG Akademie eine beispielhafte Einrichtung geschaffen, in der Kollegen während der gesamten Ausbildung zum Facharzt durch die OEGGG unterstützt werden.

 

Was würden Sie sich von den zuweisenden Kollegen wünschen?

NEUNTEUFEL: Die Allgemeinmediziner haben hinsichtlich Prophylaxe und Früherkennung einen wesentlichen Stellenwert. Die Zusammenarbeit funktioniert hier gut. Wir wollen aber noch vermehrt die Besonderheit des Zuganges der Gynäkologie zur Brustgesundheit hervorheben und wünschen uns natürlich, dass sich dies bei den Kollegen auch herumspricht. Denn wir können das Management von Patientinnen mit Brustkrebs sowohl für die Operation als auch hinsichtlich der medikamentösen Tumortherapie übernehmen, von endokrinen Behandlungsstrategien bis hin zur Chemotherapie. So unterscheiden wir uns von anderen Fachdisziplinen, die meist nur einen Teil der Behandlung übernehmen.

 

Wie reagieren da die chirurgischen und onkologischen Kollegen?

NEUNTEUFEL: Wir Gynäkoonkologen wollen natürlich den anderen Fachrichtungen, die ebenso hervorragende Arbeit auf diesem Gebiet leisten, in keiner Weise nahe treten. Wir sehen die Operation und die medikamentöse Behandlung von Frauen mit Brustkrebs jedoch als Kernkompetenz der Gynäkologie und können die Frauen von der Vorsorge über die Operation bis hin zur Nachbehandlung kompetent betreuen.

 

Das Gespräch führte Dr. Ronny Teutscher

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