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Foto: Privat
Prof. Dr. Dr. Barbara Maier, Leiterin der Ambulanz für gynäkologische Endokrinologie und assistierte Reproduktion an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Salzburg
 

Meinung: Was bedeutet "Erfolg" in der Reproduktionsmedizin?

Der Nobelpreis für Medizin ging 2010 an den Briten Robert Edwards für die erste In-vitro-Fertilisation (IVF) im Jahr 1978. Seither hat die Reproduktionsmedizin einen unaufhaltsamen Siegeszug nicht nur in Europa, sondern in allen Kontinenten angetreten. Erfolge werden gefeiert, die Palette reicht von der Konzeption bei über 60-Jährigen bis zur Geburt von Achtlingen nach IVF. Ist aber wirklich all das ein Erfolg der Reproduktionsmedizin, was danach aussieht?

Was ist Erfolg?

Die Schwierigkeit, Erfolg zu definieren, beginnt bereits bei der Schwangerschaftsfeststellung. Ist darunter eine biochemische, eine klinische oder eine Schwangerschaft mit positiver Herzaktion in Schwangerschaftswoche 7+0, wie sie im IVF-Fonds (Fonds zur Finanzierung der In-Vitro-Fertilisation) zur Erfolgsbeurteilung festgelegt ist, gemeint, oder ist unter Erfolg erst das geborene Kind zu sehen? Mit Schwangerschaftsraten (SR) wird geworben. Baby-Take-Home-Raten (BTHR) sind aber das, was für Paare und deren Kinder tatsächlich Erfolg ist. In Österreich gibt es keine offizielle BTHR, man weiß weder, wie viele Kinder nach assistierter Fortpflanzungshilfe geboren werden, noch, wie es diesen Kindern geht.

Mehrlingsschwangerschaften

Unbestritten ist die Leistung der Reproduktionsmedizin, vielen sonst kinderlosen Paaren zu ihrem Wunschkind verhelfen zu können. Dabei werden auch Risiken für die Frauen selbst, aber auch für solchermaßen entstandene Kinder in Kauf genommen. Um auch im späteren, reproduktiv nicht mehr so fruchtbarem Lebensalter, von 35 bis 45 Jahren, zu einem Kind zu kommen, ist es bei IVF und intracytoplasmatischer Spermieninjektion (ICSI) notwendig, oftmals mehr als einen, manchmal zwei oder sogar drei Embryonen zu transferieren, da die SR statistisch mit der Qualität sowie der Anzahl transferierter Embryonen korreliert. Dies erhöht aber die Rate an Mehrlingsschwangerschaften. In Deutschland wie in Österreich sind zwischen 40 und 50 Prozent aller Kinder aus reproduktionsmedizinischen Interventionen Mehrlingskinder.

Frühgeburtlichkeit

Frühgeburtlichkeit, insbesondere die frühe Frühgeburtlichkeit ist proportional zur Anzahl der Mehrlinge. Je höhergradig die Mehrlingsschwangerschaft, umso früher kommen die Kinder zur Welt, umso invasiver, längerfristiger und risikoreicher ist die neonatologische Intensivbehandlung, die nicht selten in Behinderungen für die Kinder resultiert. Auf diesen Erkenntnissen aufbauend ist es eine Conditio sine qua non, die Anzahl der transferierten Embryonen so gering wie möglich zu halten. Dem wurde bisher in der Bewertung von Erfolg nicht ausreichend Rechnung getragen.

Ärztliche Verantwortung

Im IVF-Fonds, der Kinder-wünschenden Paaren bei bestimmten Voraussetzungen eine 70-prozentige Unterstützung für die Behandlungen ermöglicht, wurde der Erfolg bisher nur in SR gemessen. Dabei wurden Zwillings- und Drillings-Schwangerschaften genauso als Erfolg bewertet wie die Einlingsschwangerschaft. Da aber schon die Zwillingsschwangerschaft und erst recht Drillings- und Vierlingsschwangerschaften ein erhöhtes Risiko für mütterliche wie kindliche Gesundheit darstellen, sind diese eher als Komplikation zu werten. Der IVF-Fonds schreibt eine 18-prozentige SR vor, damit ein Institut bzw. eine Abteilung die Lizenz behält, da darf es nicht verwundern, dass sie gerne Paare, die ohnedies aufgrund ihres intensiven Kinderwunsches oft sehr risikobereit sind, zum Transfer von mehreren Embryonen „verführen“. Ärztliche Verantwortung muss dagegenhalten.

Hormonelle Stimulationsbehandlungen

Kaum Daten gibt es zu Erfolg und Problemen bei hormonellen Stimulationsbehandlungen und intrauterinen Inseminationen, da sie nirgendwo erfasst werden. Auch sind Erfolg bzw. Komplikationen aus den Interventionen assistierter Reproduktionshilfe im privaten Bereich (Institute) völlig unbekannt. Bei intensiver Werbetätigkeit liegen weder SR und erst recht keine BTHR vor. Erst mit exakten Daten können Erfolge wie Komplikationen sinnvoll erfasst und entsprechend darauf reagiert werden. Ein gelungenes Qualitätsmanagement der Reproduktionsmedizin ist aus geburtshilflicher und neonatologischer Perspektive nur in Form einer quantitativen wie qualitativen BTHR durchführbar.

Österreichischer IVF-Fonds- Jahresberichte: http://www.bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Medizin/IVF_Fonds/Der_IVF_Fonds_Hilfe_bei_unerfuelltem_Kinderwunsch

 

Maier B, Reitsamer-Tontsch S, Schreiner B et al. Mehrlingsproblematik nach ART (Assisted Reproductive Technologies) aus geburtshilflicher, neonatologischer und bioethischer Sicht. Geburtsh Frauenheilk. (eingereicht 2010)

 

Deutsches IVF-Register (DIR)  http://www.deutsches-ivf-register.de/

 

Der Artikel erschien im Original im HTA-Newsletter Nr. 93 des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Technology Assessment (LBI-HTA). Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des LBI-HTA.

 Zur Person  

Prof. Dr. Dr. Barbara Maier ist Leiterin der Ambulanz für gynäkologische Endokrinologie und assistierte Reproduktion an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Salzburg. Die Zielsetzungen der Arbeit an dieser Einrichtung beschreibt sie so: "Wir bemühen uns um eine ganzheitliche, an den Bedürfnissen von Kinder wünschenden Paaren orientierte assistierte Fortpflanzungshilfe und versuchen so wenig invasiv wie möglich vorzugehen. Selbstverständlich ist uns eine quantitative wie qualitative Baby-Take-Home-Rate, also das Wohlergehen reproduktionsmedizinisch entstandener Kinder, größtes Anliegen. Psychosomatik und Ethik, sowie Geburtshilfe und Neonatologie sind interdisziplinär mit uns verbunden."

 

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