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Die Geburtshilfe Facharztwissen und mehr Schneider, Henning; Husslein, W. Peter; Schneider, Karl T. M. (Hrsg.) 1.304 Seiten, 205,60 € Springer Verlag, Berlin, 2011 ISBN 9783642129735
 

Erblindung und Schwangerschaft

Differentialdiagnosen der akuten Sehstörung in der Peripartalperiode.

Im Rahmen einer Präeklampsie oder Eklampsie können neurologische Symptome auftreten, wobei sich die akute Erblindung als erstes Symptom zeigen kann.

 

Der Pathomechanismus der Erblindung im Rahmen des posterioren Leukenzephalopathie-Syndroms (PLES) ist eine ödematöse Schwellungen der vorzugsweise parietookzipitalen kortikalen Region. Die neurologische Symptomatik kann von Desorientierung, Kopfschmerzen und Erbrechen bis zum vollständigen Visusverlust reichen. Pathophysiologisch dürfte es sich um eine Kombination aus zytotoxischem und vasogenem Ödem handeln, provoziert durch die arterielle Hypertonie und die endotheliale Störung im Rahmen der Präeklampsie oder Eklampsie. Aufgrund der weniger starken adrenergen Innervation der posterioren zerebralen Strombahn ist vor allem der parietookzipitale Bereich mit dem Sehzentrum betroffen.

Die Erblindung kann zwischen Stunden und Tagen dauern, mit eklamptischem Anfall auftreten oder ohne. Cunningham beschrieb Erblindung in 15 Prozent bei seinen eklamptischen Patientinnen in einem Beobachtungszeitraum von 14 Jahren. Als kausale Therapie ist in diesem Fall die rasche Entbindung nach Stabilisierung der Patientin und Anfallsprophylaxe mit Cormagnesin indiziert.

Neben der kortikalen Blindheit müssen die Konstriktion der retinalen Arteriolen, okuläre Blutungen, retinale Ödeme bis zur exsudativen Netzhautablösung im Rahmen von Präeklampsie und Eklampsie in die Abklärung einbezogen werden.

Bei identer Symptomatik muss von PLES die seltenere postpartale Call-Fleming-Angiopathie abgegrenzt werden. Bei dieser idiopathischen postpartal auftretenden Gefäßerkrankung, die zu multifokalen Stenosen der kleinen Arterien führt, werden weder Proteinurie noch Hypertonie beobachtet.

Diagnostisch ist die Bildgebung durch Magnetresonanz essentiell, um Differentialdiagnosen wie zerebralen Insult, Blutung, Enzephalitis, okuläre Ursachen und Sinusvenenthrombose ausschließen zu können. Unter symptomatischer Therapie erfolgt hier meist eine Restitutio ad integrum.

Raumforderungen im Bereich des Chiasma opticums können ebenfalls zum meist einseitigen Visusverlust in der Peripartalzeit führen.

Da Schwangerschaft und Stillzeit einen wachstumsfördernden Effekt – insbesondere auf Prolaktinome, aber auch Meningeome und Hämangioblastome – haben können, begünstigt diese Phase die klinisch-symptomatische Manifestation.

Selten, doch dann meist schwangerschaftsassoziiert, tritt die lymphozytäre Hypophysitis auf, die durch Größenzunahme zur Kompression des Nervus opticus führen kann. Bei Visusverlust ist die rasche Resektion angezeigt.

 

Literatur bei der Verfasserin.

Dr. Mutz-Dehbalaie ist an der Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Innsbruck tätig.

Von Dr. Irene Mutz-Dehbalaie, Ärzte Woche 49 /2010

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