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Foto: wikipedia / Janice Carr

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Dr. Ljubomir Petricevic, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, MedUni Wien

 


Positive Effekte von Laktobazillen auf die Schutzbarrieren des Darms und Auswirkung auf die Scheidenflora (Zum Vergrößern das Bild angklicken)

 
Gynäkologie und Geburtshilfe 16. November 2010

Mächtige Milchsäurebakterien

Die Bedeutung der oralen, rektalen und vaginalen Besiedelung mit Laktobazillen bei der Frau.

Laktobazillen besiedeln jeden Abschnitt des Verdauungs- und Urogenitalsystems. Sie beeinflussen die Verdauung positiv, bauen das Immunsystem auf und schützen vor Infektionen. Der Darm dient als Reservoir für Laktobazillen, welches eine normale vaginale Flora aufbaut. Es bestehen also ein rekto-genitaler Zusammenhang und ein Einfluss der Laktobazillen. Folglich bedeutet eine gesunde Darmflora auch eine gesunde Scheidenflora.

 

Die physiologische Besiedelung des bei der Geburt noch sterilen Darms mit Bakterien findet in den ersten Lebenstagen statt. Nach der Geburt stammen die Mikroorganismen überwiegend von der Körperflora der Mutter, die bei der Geburt auf das Neugeborene übertragen werden. Damit es im Verdauungstrakt des Kindes nicht zu einer Übervermehrung der Keime kommt, hat die Natur vorgesorgt: Dem Kind werden beim Stillen reichlich Antikörper übertragen. Gestillte Kinder neigen in den ersten Jahren weniger zu Infektionen als nichtgestillte, denn bei ihnen kommt es zur Ansiedelung der Laktobazillen und Bifidobakterien im Darm. Laktose wird abgebaut, das sauere Milieu gefördert und damit das Wachstum der pathogenen Keime unterdrückt.

Die Keimbesiedelung des Verdauungstraktes ist nach der Kindheit relativ stabil, jedoch unterliegt es diversen exogenen und endogenen Einflüssen (Ernährung, Arzneimittel, Keime, Herbizide, Fungizide, Erkrankungen des Darmtrakts, systemische Erkrankungen, hormonelle Störungen).

Lactobacillus species

Die Milchsäurebakterien (Lactobacillales, Laktobazillen oder Sauermilchbakterien) bilden eine Ordnung von grampositiven, stets anaeroben aber meist aerotoleranten nicht Sporen bildenden Bazillen aus der Familie Lactobacillacea. Sie bauen Zucker zu Milchsäure ab. Aufgrund der großen Heterogenität der zugehörigen Arten wird die aktuelle Taxonomie der Gattung Lactobacillus von Experten noch immer als unbefriedigend eingestuft. Innerhalb dieser Gattung befinden sich bis jetzt 167 Arten und 27 Subarten von Laktobazillen.

Wenige Laktobazillen im Mund

Die Laktobazillen besiedeln unser komplettes Verdauungssystem wie auch den Urogenitaltrakt. Im Mund sind jedoch nur ein Prozent aller Keime Milchsäurebakterien. Einige Studien zeigen schlechte Eigenschaften der oralen Laktobazillen. Bestimmte Typen wie L. casei, L. plantarum und L. fermentum werden für die Entwicklung von Zahnkaries verantwortlich gemacht. Zahnplaque beinhaltet neben Milchsäurebakterien auch Streptococcus mutans, welche in 85 Prozent der Fälle zur Entwicklung von Karies führen. Diese Bakterien setzen sich an der Oberfläche der Zähne fest, nutzen Zucker als Nährstoff und produzieren daraus Säuren, die den Zahnschmelz angreifen und eine Zahndemineralisation verursachen.

Andere Autoren wiederum zeigen eine protektive Rolle der Laktobazillen im Mund. L. paracasei kann die Anzahl der kariesassoziierten Keime im Mund reduzieren. Eine schwedische Autorengruppe wies nach, dass eine tägliche Verwendung probiotischer Milch mit Fluoriden bei Schulkindern Zahnkaries in 75 Prozent der Fälle verhindern kann.

Bis dato gibt es wenige Studien über einen möglichen Zusammenhang zwischen einer niedrigen Anzahl von Laktobazillen im Mund und einem schlechten geburtshilflichen Outcome. Dasanayake et al. zeigten einen positiven Einfluss der erhöhten Anzahl der Milchsäurebakterien im Mund auf Schwangerschaftsdauer und Geburtsgewicht. Eine Pilotstudie von Durand et al. wies darauf hin, dass eine niedrige Konzentration von Laktobazillen im Speichel zu einer Frühgeburt führen kann. Verglichen wurden Frühgeburt, Zahnstatus und Anzahl der Lactobacillus-Arten und Streptococcus mutans im Speichel der Mutter.

Laktobazillen im Verdauungstrakt

Über 500 diverse Keime, v. a. Anaerobier, bewohnen den Gastrointestinaltrakt. Die Anzahl der Keime steigt mit dem Verlauf des Verdauungstrakts an. Der Magen gilt aufgrund der Salzsäureproduktion als keimfrei. Jedoch sind durch Kultivierung bis zu 103 Bakterienzellen, v. a. Laktobazillen, pro Milliliter Magensaft nachweisbar. Im Verlauf des Dünndarms nimmt die allgemeine mikrobielle Besiedelung von etwa 104 im Duodenum bis 108 im Ileum zu. Das Jejunum stellt eine mikrobiologische Übergangszone dar. Im Bereich des Dünndarms sind die Milchsäurebakterien prominente Vertreter der dortigen Standortflora. Im Dickdarm erreicht die mikrobielle Besiedelung eine Keimdichte von bis zu 1012 Mikroorganismen pro Gramm Darminhalt. Die Bakterien, v. a. anaerobe Keime, produzieren 60 Prozent fekale Masse im Darm. Laktobazillen überleben den Transit durch das Verdauungssystem. Sie fördern die Verdauung, bauen das Immunsystem auf, sind in der Lage, toxische Substanzen zu entgiften, helfen bei der Vitaminproduktion (insbesondere Vitamine der Gruppe B) und schützen durch die Kolonisierung des Darmes vor Infektionen.

Darm und Scheide

Es ist bekannt, dass die orale Gabe von Laktobazillen einen nützlichen Effekt auf den Darm aufweist. Seit Langem wird ein Zusammenhang zwischen dem Verdauungstrakt und der Vaginalflora vermutet. Der Zusammenhang zwischen einer normalen bakteriellen Flora der Scheide und der Besiedelung des Darmes ist nicht ausreichend geklärt. Es mehren sich Hinweise dafür, dass der Darm als Reservoir für Laktobazillen dient, welche durch eine vaginale Kolonisation die normale vaginale Flora positiv beeinflussen. Antonio et al. publizierten, dass die Kolonisation des Rektums mit Laktobazillen das Risiko einer bakteriellen Vaginose signifikant reduziert und die normale Scheidenflora positiv beeinflusst. Weiters berichteten Ried und Morelli, dass oral aufgenommene Laktobazillen nach der Darmpassage vaginal nachweisbar waren. Ried und Mitarbeiter konnten in ihrer Studie an gesunden Frauen nachweisen, dass sich die L. rhamnosus und L. fermentum nach oraler Einnahme vaginal ansiedeln und vermehren können. Die positiven Eigenschaften der Laktobazillen sollten nicht nur auf den Darm begrenzt, sondern auch auf den vaginalen Bereich ausgeweitet werden.

Die Laktobazillen besiedeln unseren gastrointestinalen Trakt und beeinflussen dadurch die normale Darmflora. Die Milchsäurebakterien müssen zur Adhäsion an menschliche Darmepithelzellen imstande sein. Durch diese Zusammenarbeit mit Epithelzellen des Darms produzieren sie einen IgA-Schutzmantel. Die Laktobazillen fördern die Synthese von Zytokinen, Immunzellen und Antikörper aus dem Darm und Mucosa-assoziierten lymphatischen Gewebe (GALT, MALT). Weiters wird die Produktion und Freisetzung von bakteriozid bzw. bakteriostatisch wirkenden Substanzen wie organischen Säuren, die das Wachstum zahlreicher Krankheitserreger unterdrücken, gefördert. Sie beeinflussen die Dekonjugation der konjugierten Gallensäuren und bilden die Bakteriozine (spezifisch wirkende Proteine) mit einer antimikrobiellen Wirkung. Der Einfluss auf die Scheide eignet sich durch eine direkte Kolonisation der Keime oder durch eine antiinfektive und antientzündliche Wirkung. Der Übergang der Laktobazillen vom Darm in die Scheide ereignet sich über das Perineum.

Normale Vaginalflora

Eine gesunde Vaginalflora ist durch eine Dominanz der Laktobazillen über die anaerobe Mischflora charakterisiert. Pro Quadratmillimeter Scheidenepithel sind etwa 1,5–2 Milliarden Bakterien vorhanden, darunter Streptokokken, E.coli, Corynebakterien, Ureplasma spp. und Anaerobier. Entscheidend für das Vorliegen einer gesunden vaginalen Flora ist weniger die Frage, ob solche Bakterien in der Vaginalkultur isoliert werden, sondern die Dominanz der Laktobazillen. Die protektive Eigenschaft von vaginalen Lactobazillen ist durch folgende Mechanismen charakterisiert:

Die Milchsäureproduktion unter Östrogen-Einfluss hilft bei der Ansäuerung der Scheide. Das Säuremilieu mit einem pH-Wert zwischen 3,5 und 4,5 verhindert die Vermehrung krankheitserregender Bakterien. Die Wasserstoffperoxid-Produktion der Laktobazillen verursacht eine direkte Inhibition des Wachstums anderer pathogener Bakterien. Die Milchsäurebakterien haben auch eine kompetitive Eigenschaft gegenüber anderen Bakterien. Sie konkurrieren direkt mit pathogenen Keimen um die Adhärenz an die Epithelzellen der Scheide.

Durch einen Mangel an Laktobazillen oder ihr Fehlen kommt es meist zu einer Erhöhung des pH-Wertes, die Besiedelung der Scheide mit pathogenen Keimen wird erleichtert, was unter Umständen in einer vaginalen Infektion bis hin zu einer aufsteigenden Infektion resultieren kann. Daraus resultierende Beschwerden sind vermehrter Ausfluss, Juckreiz, Brennen, aber auch eine trockene Scheide bei einfachem Laktobazillenmangel. Mögliche Ursachen für eine gestörte Vaginalflora sind Stress, hormonelles Ungleichgewicht wie z.B. Östrogenmangel in der Menopause oder nach der Geburt oder auch iatrogen durch Antibiotikatherapie.

Die vaginale Besiedelung durch Lactobazillen erfolgt oft mit mehreren Typen gleichzeitig. Es ist aber noch unklar, was eine „Standard-Laktobazillenflora“ ist. Es gibt geographische Variationen innerhalb der normalen Laktobazillen-Scheidenflora. Faktoren wie Gesundheitszustand der Frau, Alter und Schwangerschaft könnten die normale vaginale Flora beeinflussen. Daten einer eigenen Studie zeigen, dass die Laktobazillen crispatus, gasseri, jensenii und rhamnosus diejenigen sind, welche in der mitteleuropäischen weiblichen Population am häufigsten vorkommen.

Die Laktobazillen in der Scheide hemmen das Wachstum von pathogenen und fakultativ pathogenen Keimen, welche auch für die Entwicklung eines Harnweginfekts (HWI) verantwortlich werden können. L. rhamnosus GR-1, der oral oder intravaginal verabreicht wird, konnte die HWI-Rezidivrate um bis zu 73 Prozent in einem Beobachtungszeitraum von zwölf Monaten senken. Ob der Einsatz von Laktobazillen bei rezidivierenden Harnweginfektionen indiziert ist, wird allerdings noch immer kontroversiell beurteilt, da es nicht genügend Studien zu diesem Thema gibt.

Zur Verbesserung der Scheidenflora können wir zwei Konzepte vorstellen. Einerseits ein altbekanntes Konzept: Die Verwendung von vaginalen Kapseln mit Laktobazillen zur Wiederherstellung der normalen Vaginalflora. Andrerseits ein neues Konzept: Orale Laktobazillen als probiotische Anwendung zur Wiederherstellung der normalen Scheidenflora.

Von Dr. Ljubomir Petricevic, Ärzte Woche 46 /2010

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