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Ernaehrungsmedizin

Klinische Ernährungsmedizin
Ledochowski, Maximilian 2010,
1028 Seiten, Geb.

ISBN: 978-3-211-88899-5
Euro: 109.95.-

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Kein Essen für zwei

Aktuelle Daten zu Energiebedarf und Gewichtszunahme in der Schwangerschaft.

Die tägliche Nahrungsaufnahme kann wesentlichen Einfluss auf die spätere, sowohl kurz- wie langfristige Gesundheit und Entwicklung des Neugeborenen haben.

Der Energiebedarf bei Einlingsschwangerschaften erhöht sich um etwa 13 Prozent (auf insgesamt ca. 2.500 kcal/d). Bei Zwillingsschwangerschaften steigt der Bedarf um 20 Prozent an. Die Kalorienzufuhr in der Schwangerschaft ist der wichtigste Prädiktor für fetale Gewichtszunahme. Die Nahrungsenergieträger sollten wie folgt verteilt sein: 55–60 Prozent Kohlenhydrate (ca. 1.600 kcal/d), 30 Prozent Fett (ca. 800 kcal/d) und 10–15 Prozent Protein (ca. 350 kcal/d). Die Gewichtszunahme ist abhängig vom Ausgangsgewicht (siehe Kasten). Dabei entfallen auf Wasser ca. 6,5 kg, Protein ca. 1,5 kg und Fett ca. 4 kg. Zusätzliche Gewichtszunahme vermehrt den Fettanteil.

Ungefähr die Hälfte der Gewichtszunahme wird postpartal im Wochenbett verloren. Ältere Gebärende erreichen häufiger wieder ihr Ausgangs-Gewicht.

Vitamin A: Der Mehrbedarf in der Schwangerschaft liegt bei ca. 40 Prozent mit einer empfohlenen Gesamtzufuhr von 1,1 mg/d (< 8.000 I. E./d). Die wichtigsten natürlichen Quellen sind: Leber, Butter und Fisch (Heilbutt, Haifisch). Teratogene Wirkungen als Folge von überhöhter Vitamin-A-Zufuhr (> 10.000 I. E./d) können zu Herz-, Gefäß- und ZNS-Fehlbildungen führen. Obwohl das teratogene Potenzial von natürlichem Vitamin A nicht eindeutig geklärt ist und Leberproben (100 g) die Richtlinie für den Tageskonsum zum Teil um ein Vielfaches überschreiten, hat das Bundesgesundheitsamt Frauen im konzeptionsfähigen Alter vor dem Verzehr von Leber gewarnt.

Vitamin-B-Gruppe: Die Hauptquelle der B-Vitamine (B1, B2, B6, B12, Folsäure) stellen Weizenkeime, Nüsse, Eier und Hefe dar. Lediglich B12 lässt sich ausschließlich über tierische Produkte zuführen. Der tägliche Mehrbedarf in der Schwangerschaft liegt bei ca. 20 Prozent (1,5 mg B1, 1,8 mg B2, 3,5 μg B12). Eine um 60 Prozent höhere Aufnahme von B6 (2,6 mg) ist sinnvoll.

Folsäure ist während der Schwangerschaft vor allem für Differenzierungs- und Wachstumsprozesse von essentieller Bedeutung. Als natürliche Quelle dafür dienen Blattgemüse, Hefe und Vollkornprodukte. Das Neuralrohr des Embryos schließt sich zwischen dem 18. und 26. Tag nach Konzeption. Deshalb wird der Beginn der Folsäuresubstitution für fertile Frauen mit Beendigung antikonzeptiver Maßnahmen bzw. Kinderwunsch in einer Dosierung von 400–800 μg/d empfohlen. Patientinnen mit antiepileptischer Therapie bzw. Neuralrohrdefekten in der Familienanamnese wird eine Tagesdosierung mit bis zu vier mg bis zur zehnten Schwangerschaftswoche angeraten. Es gibt Hinweise für die generelle Reduktion von neonatalen Fehlbildungen und Reduktion von akuten Leukämien bei Kindern nach Folsäuresubstitution in der Schwangerschaft.

Vitamin C: Eine zusätzliche Zufuhr von 25 Prozent auf eine Gesamtdosis von 100 mg/d wird empfohlen. Eine Unterversorgung mit Vitamin C kann zum Bild des Skorbut führen. In Mitteleuropa wird der Bedarf über Verzehr von Obst, Gemüse und Kartoffeln gedeckt.

Vitamin D: Das Bild des Vitamin-D-Mangels ist die Rachitis beim Kind und die Osteomalazie beim Erwachsenen. In der Darmschleimhaut wird die Kalzium- und Phosphatresorption, im Knochen die Mobilisation/Mineralisation und in der Niere deren Rückresorption gefördert. Einerseits gelten als Quellen Fischöle und Milchprodukte, andererseits wird Vitamin D in größeren Mengen in der Haut aus 7-Dehydrocholesterin unter Einwirkung von UV-B-Strahlung synthetisiert. In der Schwangerschaft wird eine Tagesdosis von 10 μg (400 I. E.), welche den Normalbedarf um 100 Prozent übersteigt, empfohlen.

Vitamin K: Für die antihämmorrhagische Wirkung von Vitamin K wird ein Tagesbedarf von 1 μg/kg KG angegeben. Die Bedeutung für das Neugeborene liegt in der geringen Plazentagängigkeit und der daraus resultierenden niedrigen Reservekapazität in der Leber. Nahrungsmittelquellen sind Früchte und Salate.

Eisen: Als Gesamttagesdosis für nichtanämische Frauen wird 30 mg/d für notwendig erachtet, was in der Schwangerschaft einem Mehrbedarf von 100 Prozent entspricht. Obwohl unklar ist, ob die zusätzliche Eisengabe an nichtanämische Schwangere das neonatale „Outcome“ verbessert, ist die entsprechende Gabe bei Anämie (Hb < 12 g%) erforderlich. Bei ungenügend erfolgreicher oraler Substitution (Ferritin < 60 μg/l) ist eine parenterale Applikation überlegenswert. Schwere mütterliche Anämien können zu vermindertem Fruchtwasser, fetaler Gefäßerweiterung im Gehirn, fetalen Rhythmusstörungen, geringem Geburtsgewicht und intrauterinem Fruchttod führen. Im Fleisch gebundenes Eisen wird leichter resorbiert. Die reduzierende Wirkung der Ascorbinsäure unterstützt die Aufnahme von Eisen im Darm. Gerbsäure (u. a. im Schwarzen Tee) hemmt über Komplexbildung die Resorption von Eisen.

Kalzium: Vor allem im letzten Schwangerschaftsdrittel steigt der Bedarf an Kalzium. In der Schwangerschaft wird eine Tagesdosis von 1 g, für Teenager 1,3 g, empfohlen (Mehrbedarf ca. 20 Prozent). Erreicht wird der erhöhte Bedarf durch verbesserte Absorption und Rückresorption. Bei niedrigem mütterlichem Serumspiegel werden mütterliche Speicher verbraucht. Wichtigste Quellen sind Milch und Milchprodukte, Gemüse und Getreide.

Jod: Von der WHO werden Deutschland und Österreich als Jodmangelgebiet eingestuft. Speisesalz wird jodiert, um der möglichen Mangelerscheinung, welche in schweren Fällen zu geistiger Behinderung führen kann, entgegenzuwirken. Deshalb sind Grenzwerte der Schilddrüsenhormone in der Schwangerschaft strenger gefasst (Substitution von Schilddrüsenhormonen für Mütter mit TSH-Werten > 2,5 mU/l). Der Tagesbedarf in der Schwangerschaft wird mit 230 μg angegeben, was einer Erhöhung von 15 Prozent entspricht. Quellen sind Milch und Eier.

Zink: Reich an Zink sind Fleisch und Getreidekeime. In der Schwangerschaft wird ein Mehrbedarf von 3 mg/d, bei einer Gesamtdosis von 15 mg/d, gefordert. Der Nachweis eines positiven Effektes für Mutter und Kind durch Zinkergänzung fehlt.

Magnesium: Der Gesamtbedarf in der Schwangerschaft (400 mg/d) wird mit tierischen und pflanzlichen Quellen ausreichend gedeckt. Magnesium wird als Therapeutikum in der Eklampsie und der schwangerschaftsbedingten Hypertonie eingesetzt.

Allgemeine Ernährungsberatung

Ernährungsberatung in der Schwangerschaft wird für Risikogruppen empfohlen:

  • junge Schwangere mit rascher Schwangerschaftsfolge, bei denen das eigene Wachstum vermehrt Nährstoffe benötigt
  • ungünstige sozioökonomische Verhältnisse der Schwangeren mit unter Umständen zusätzlich belastendem Suchtmittelmissbrauch
  • chronische Erkrankungen und reduzierte Aufnahme von Mikronährstoffen durch interferierende Medikamente
  • stark erniedrigtes Körpergewicht
  • Schwangere mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Generelle Empfehlungen betreffen das Waschen bzw. Kochen von Obst und Gemüse vor dem Verzehr, die absolute Vermeidung unpasteurisierter Milchprodukte und das vollkommene Vermeiden von ungekochtem Fleisch (Infektion mit Listerien bzw. Toxoplasmose gondii) sowie Koffeinkonsum: Eine Limitierung auf maximal eine Tasse pro Tag erscheint sinnvoll.

Obwohl Fische lange wegen reichhaltiger essentieller ungesättigter Fettsäuren und günstigem Einfluss auf die fetale ZNS-Entwicklung propagiert wurde, gibt es Berichte über Quecksilberbelastung von Süßwasser- und insbesondere von Hochseefischen, welche die kognitive Kindesentwicklung beeinträchtigen kann. Schwangere in Industrienationen brauchen in der Regel keine Multivitaminpräparate. Meist ist jedoch Folsäure-, Eisen- und gegebenenfalls Jodergänzung (in Deutschland) erforderlich.

 

Prof. Dr. Bergant ist an der Klinischen Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, MedUni Innsbruck, tätig.

 

Das ungekürzte Kapitel „Ernährung in der Schwangerschaft“ und Literaturangaben sind nachzulesen auf den Seiten 757–62:
Klinische Ernährungsmedizin
Maximilian Ledochowski (Hrsg.)
1028 Seiten, € 109,95
SpringerWienNewYork, 2010
ISBN 9783211888995

Gewichtszunahme in der Schwangerschaft
(für Einlingsschwangerschaften)
• 12,5 –18 kg für untergewichtige Frauen vor SS BMI < 19,8 kg/m2
• 11,5 –16 kg für normalgewichtige Frauen vor SS BMI 19,9 – 26,0 kg/m2
• 7–11,5 kg für übergewichtige Frauen vor SS BMI 26,1– 29,0 kg/m2
• > 6,7 kg für „obese“ Frauen vor SS BMI > 29 kg/m2
Quelle: US Committee on Nutritional Status During Pregnancy 1990

Von Prof. Dr. Anton Bergant, Ärzte Woche 7 /2010

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