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Der Arzt, der den Frauen vertraut

Gynäkologen sind die großen Gewinner im ärztlichen Fächerreigen.

Die lieben Kollegen, die sich der Zunft der Frauenheilkunde zugehörig fühlen, sind doch irgendwie zu beneiden. Sind sie doch das, was man gemeinhin als „Ärzte des Vertrauens“ bezeichnet. Nicht ohne Grund widmen sich zahlreiche einschlägige Seifenopern im Fernsehen ausgerechnet dieser Berufssparte.

 

Im engeren Sinne ist „der Arzt, dem die Frauen vertrauen“ ein gewisser Dr. Stefan Frank, Chirurg und Frauenarzt, bekannt aus Funk, Fernsehen und Werbung. Auch Dr. Markus Merthin ist ein Frauenarzt des Vertrauens, wobei er irgendwie so aussieht wie ein Traumschiff-Steward und Ex-Pornodarsteller.

Der Umstand, dass der Frauenarzt Mediziner, beste Freundin, Vater- und/oder Mutterfigur sowie Idol in Personalunion ist, zeichnet diese Kollegen als große Gewinner im ärztlichen Fächerreigen aus. Sie können irgendwie alles. Kinder auf die Welt bringen, schneiden, wenn es denn sein muss, und auch einmal nur zuhören, wenn es denn sein soll. Außerdem sind sie mit den ganzen Verhüterlis im Köcher die legitimen Vertreter der sexuellen Revolution, und sie werfen ältere Damen in den hormonellen Jungbrunnen. Und zum Drüberstreuen sind sie eben auch noch „Ärzte des Vertrauens“. Was will man mehr? Der kollegiale Neid des Hippokrates ist da mehr als nur verständlich.

Und wohin soll der Mann?

Auch die Männer beneiden ihre Frauen um einen solch einfühlsamen Arzt, so hört man, hätten sie doch auch gerne so ein Prachtexemplar an ihrer Seite: Einen Arzt, zu dem man geht, nicht nur um sich abhören oder maßregeln zu lassen, sondern mit dem man sogar seine intimsten Sorgen und Ängste teilen darf.

Zwar wissen nur wenige Männer überhaupt, dass sie intime Sorgen und Ängste haben, doch darum geht nicht: Vielmehr geht es hier um einen gewissen archaischen Futterneid, dass man nämlich auch gerne das Spielzeug besitzen möchte, das jemand anderer hat.

Doch zu wem sollen wir pilgern?

Welche Dinge wollen wir Männer einem Orthopäden schon anvertrauen? Schließlich ahnt man, dass hinter der einfühlsamen Fassade der kortisongetränkte Schlagbohrer darauf wartet, unendlich große Löcher in die Knochen zu fräsen.

Wem könnten Männer ihre tiefsten Probleme schon anvertrauen? Zahnärzte haben den Nachteil der recht einseitigen Kommunikation. Da kommt man nur wenig zum Herzausschütten. Man erfährt allerdings bei einer länger dauernden Wurzelbehandlung eine Menge über die tiefen Probleme des Zahnarztes.

Internisten öffnet man sich auch nicht allzu gerne, haben sie doch in der Regel allzu konservative Wertvorstellungen, vor allem wenn es um die wesentlichen Werte wie Cholesterin oder Blutzucker geht. So kann es passieren, dass man auf ein „Ich glaube, meine Frau geht fremd“ ein „Na, aber Ihr HbA1c ist wunderbar“ erhält.

Es bleibt natürlich der Psychiater als für die Seele zuständiger Arzt. Der hat wiederum mit dem Image zu kämpfen. Und solange die Praxen nicht über einen diskreten Seiteneingang mit der Aufschrift „Rein körperliche Untersuchung für echte Männer ohne Lebenskrise“ verfügen, verirren sich nur wenige Exemplare mit ausgeprägtem Leidensdruck dorthin.

Der Frauenarzt im Olymp der Empathie

Der Frauenarzt ist eine Institution, die mitunter auch von den Frauen als Rute ins Fenster ihrer Lebenspartner gestellt wird: „... dann geh ich eben zu meinem Gynäkologen. Der versteht mich!“ Nein, auch wir Männer wollen so etwas haben. Einen Arzt, der diesen „Service-Plus“ im Angebot hat. Der sich auch geduldig anhört, dass die Partnerin nicht so tut, wie sie sollte. Der in die zerbrechliche Seele des Mannes zu blicken vermag.

Zwar biedern sich Urologen und Andrologen massiv an, diesen Part zu übernehmen: Um neben einer kleinen Untersuchung am besten Stück auch ein paar einfühlsam-schmutzige Witze zu reißen; als guter Kumpel saufend mit ihren Patienten um die (Wirts)häuser zu ziehen, über Autos, Golf, Fernsehserien und Frauenbrüste zu reden. Die Realität sieht oft anders aus, und der Besuch beim Männerarzt entpuppt sich in vielen Fällen als kurzes peinliches Intermezzo zwischen „Der nächste bitte“ und „Wir sehen uns dann in einem Jahr wieder“.

Nein, liebe Frauenärzte, ihr habt es zweifelsfrei auf den Olymp der Empathie gebracht. Vielleicht wollt ihr ja ein kleines Stückchen dieses wunderbaren Karmas an die anderen Kollegen abgeben. Bis man endlich auch seinen Pathologen des Vertrauens gefunden hat.

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