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Prof. DDr. Johannes Huber Klinische Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, MedUni Wien
 
Gynäkologie und Geburtshilfe 19. November 2008

Weichenstellungen für ein gesundes Alter

Es liegt nicht nur in den Genen, wie viele Jahre und in welcher körperlichen Verfassung Menschen leben, sondern auch an einer präventivmedizinisch differenzierten Ernährung.

Forscher aus verschiedenen Disziplinen werden bei der Menopausentagung eine große Themenvielfalt bieten. Sie werden Belege liefern, dass das Altern bereits in der Jugend festgelegt wird, über die Bedeutung der Isoflavone sprechen und die heutige und künftige Rolle der Hormonersatztherapie diskutieren.

 

Im Gespräch mit der Ärzte Woche berichtet Anti-Aging-Experte Prof. DDr. Johannes Huber, welche Erkenntnisse im Dezember präsentiert werden.

 

Herr Prof. Huber, welche Schwerpunkte sind geplant und für niedergelassene Ärzte interessant?

Huber: Die Frage ist: Was ist jetzt mit der Hormonersatztherapie (HRT)? Wie kann man sich das Dilemma erklären, dass einerseits das Östrogen in Kombination mit dem Gestagen das Mammakarzinom erhöht, auf der anderen Seite das Östrogen alleine das Mammakarzinom-Risiko reduziert? Es gibt nun evidente Erklärungen dafür: Es ist der Metabolisierungsweg, der durch ein künstliches Gestagen ungünstig beeinflusst wird.

Wie metabolisiert das Östrogen?

Huber: Das Östrogen wird im Körper entweder in 2-Hydroxyöstron oder in 4- und 16-Hydroxyöstron umgewandelt. Das sind unterschiedliche Hormongruppen, das Östrogen ist nur der Vorläufer. Das 2-Hydroxyöstron wirkt der Bildung neuer Blutgefäße entgegen, angiostatisch, während 4- und 16-Hydroxyöstron angiogenetisch wirken und stark Mitose-anregend. Warum ist das so? Die Antwort heißt Fortpflanzung, dafür ist die Angiogenese, die Mitose in der Gebärmutter, nötig. Und ein intelligentes Design der HRT wäre, dass man die Metabolisierung des Östrogens bei einer 50-jährigen Frau nicht in Richtung Reproduktion laufen lässt, sondern in Richtung Angiostase, Antimitose. Und hier kommt das 2-Hydroxyöstron ins Spiel. Hier gibt es eine intensive Forschungstätigkeit: Man versucht durch Genistein oder durch sekundäre Pflanzenstoffe (phytochemicals) die Metabolisierung des Östrogens zu modulieren und zu beeinflussen. Das Gleiche gilt für das Progesteron. Das unterteilt sich in Pregnane und Pregnene. Pregnane sind ein starkes Tokolytikum, aber sie sind auch Mitose-anregend. Pregnene wirken gar nicht auf die Mitose. Daher ist die Frage interessant: Wie wird das Progesteron metabolisiert?

 

Kann das beeinflusst werden?

Huber: Beim Östrogen können Sie durch das Epigalokatechingalat die 2-Hydroxilierung stimulieren – durch grünen Tee –, oder Sie können das gefährliche 4-Hydroxyöstrogen durch Isoflavone hemmen. Es scheint also darauf anzukommen, dass man schaut, was mit den Hormonen bei der HRT im Körper der Frau passiert. Gab es Ihrer Meinung nach Mängel bei den WHI-Studien? Huber: Die Studien sind an durchschnittlich 64 Jahre alten Frauen begonnen worden. Die HRT, wie sie in Europa gemacht worden ist, nützt das „window of opportunity“, kurz nachdem die Menopause eingetreten ist. Es wird eine Replacement-Therapie gegeben und kann damit die typischen Beschwerden hintanhalten. Das ist etwas völlig anderes, als wenn Sie einer im Schnitt 63-jährigen beschwerdelosen Frau, die zehn Jahre von der Menopause entfernt ist, zum ersten Mal Hormone verschreiben. Es besteht Konsens, dass Sie Frauen zwischen 50 und 55 nicht vergleichen können mit Frauen zwischen 65 und 70. Weil atherosklerotische Veränderungen häufiger auftreten und das Östrogen nicht mehr den Neuronen hilft. Die Grenze ging bis zu einem Alter von 79. Die Studien haben natürlich den Wissensstand erhöht, aber es bleibt ein Mysterium, dass man nicht erkennen möchte, dass eine Hormonbehandlung einer spät 60-jährigen Frau nicht mit der einer früh 50-jährigen Frau vergleichbar ist.

Thema Isoflavone: Welche Rolle spielt die Ernährung?

Huber: Die Ernährung ist immer wichtig. Nur ist die Frage, was Krebs betrifft, ob Isoflavone nicht in der Pubertät von jungen Mädchen von besonderer Bedeutung sind. Weil in jener Phase der epigenetische Code verändert wird, was möglicherweise günstig beeinflusst werden könnte. Auf der anderen Seite haben viele Pflanzenprodukte Radikalmechanismen, sie beeinflussen die detoxifizierenden Enzyme und haben eine Fülle von Möglichkeiten. Schlecht ist das sicher nicht.

Man muss aber noch viel forschen, damit die einzelnen Mechanismen im Einzelnen besser erkannt und bewerten werden können, oder?

Huber: Das würde ich anregen. Beispielsweise gehört der Zusammenhang von Osteoporose und Isoflavonen untersucht: Der Vitamin-D-Haushalt hängt von den Isoflavonen ab. Sie können die Vitamin-D-Synthese durch Isoflavone stimulieren und den -abbau hemmen. Das werden Dr. Heide Cross und Prof. DDr. Meinrad Peterlik, beide vom Institut für Pathophysiologie der MedUni Wien, beim Menopausenkongress präsentieren. Es wäre interessant zu klären, ob für die Vitamin-D-Synthese von Osteoporosepatientinnen Isoflavone nicht auch sinnvoll wären. Das müsste man noch evaluieren, da ist die Studienlage noch nicht gut genug, um das allgemein empfehlen zu können. Aber es spricht viel dafür.

Sie werden über das Thema „Wie das Alter bereits in der Jugend festgelegt wird“ referieren. Liegt es in den Genen, wie alt wir werden, oder an der Umwelt, der Lebensweise?

Huber: Wir haben mit unserer Vergangenheit zu leben. Viele Dinge, die in der Kindheit oder noch in der Gebärmutter stattfinden, haben 50, 60 Jahre später Auswirkungen. Wenn die Mutter etwa einen hohen Harnsäurespiegel am Ende der Schwangerschaft hat, kann das die Anzahl der Nierentubuli beim Kind ungünstig beeinflussen. Der Vitamin-D-Haushalt in der Pubertät kann später für den Menschen von Bedeutung sein: Bei einer Hypovitaminose kann das zu Diabetes führen. Und natürlich das Wichtigste: das Körpergewicht. Wenn ein Kind mit einem niedrigen Körpergewicht zur Welt kommt und es dann in den ersten Lebensjahren von den Eltern vollgefüttert wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es mit 40, 50 Jahren ein metabolisches Syndrom bekommt, Diabetes oder Hypertonie, sehr groß. Das betrifft dicke Kinder, die bei der Geburt besonders dünn waren. Das ist das Schlechteste, was man machen kann. Man glaubt, man tut ihnen was Gutes, aber in Wirklichkeit präjudiziert man Dekaden später Erkrankungen.

Bis jetzt haben wir über die Umwelt und die Ernährung gesprochen, die uns beeinflussen. Eine Sitzung hat den Titel „Die Diktatur der Gene“. Sind wir den Genen ausgeliefert?

Huber: Das wird zunehmend relativiert, weil es offensichtlich nicht auf die Gene ankommt, sondern auf deren Verpackung. Genauso wie man hinter der Physik die Metaphysik entdeckt hat, hat man hinter der Genetik die Epigenetik entdeckt, die formbar ist. Wobei es zwei Fenster dafür gibt im Leben: die ersten drei bis vier Lebensjahre und die Pubertät. In diesen Phasen ist die Genverpackung modifizierbar.

Epigenetik bedeutet, dass durch den Kontakt mit der Umwelt Rückkoppelungen geschehen?

Huber: Auf die Genverpackung. Sie wird methyliert oder acetyliert oder demethyliert. oder bekommen Phosphatgruppen, entweder am Histon oder auch direkt am Gen. Damit verändert sich die Aktivität. Und die Gen-Polymorphismen. Die haben schon ihre Bedeutung, wenn so ganz kleine Unterschiede im Genom sind, dann beeinflusst das, wie schnell ein Mensch Gift abbaut, wie schnell er Hormone abbaut, Hormone synthetisiert, ob er Folsäure braucht, ob er zu einem hohen Blutdruck neigt, das kann man sehr gut detektieren. Das war immerhin der „Breakthrough of the Year“, vergangenes Jahr, proklamiert von der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften.

Auch die Kognition ist mit dem Thema Anti-Aging eng verbunden.

Huber: Die Kognition ist wichtig. Die älteste Französin ist vor einiger Zeit mit 120 gestorben und nun liegen die Obduktionsberichte vor. Interessant war dabei, dass ihre Gehirnalterung extrem verlangsamt war. Die alte Dame hatte kaum degenerative Ablagerungen im Hirn.

Könnte das an ihrer besonders guten Genetik liegen?

Huber: Kann sein, aber das weiß man nicht. Das Gehirn entscheidet jedenfalls nicht nur über seine eigene Aktivität, sondern aufch über den Alterungsprozess anderer Organe. Interessant ist auch, dass der Muskel zunehmend Bedeutung gewinnt: Er regeneriert das Gehirn mit dem „brain derived growth factor“, dieser wird im Gehirn gebildet. Diese Zusammenhänge erklären auch den positiven Effekt von körperlicher Bewegung auf die Hirnleistung.

 

Das Gespräch führte Inge Smolek.

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Prof. DDr. Johannes Huber Klinische Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, MedUni Wien

Inge Smolek, Ärzte Woche

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