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Das Kondom ist ein Verhütungsveteran, heute ist es in allen Farben und Formen zu haben. Auch die hormonelle Kontrazeption hat sich weiter entwickelt.
 
Gynäkologie und Geburtshilfe 15. November 2008

Leidenschaft, Sex und Unerfahrenheit

Alternative Hormonpräparate sind bei Jugendlichen gut einsetzbar.

Was ist der beste Schwangerschaftsschutz bei Jugendlichen? Die hormonelle Kontrazeption ist nicht nur bei Ärzten, sondern auch bei den jungen Anwendern durchaus beliebt. Dabei ist die Palette der Applikationen so breit wie niemals zuvor. Die Notfallverhütung wird für viele zu restriktiv gehandhabt.

 

„Sicher und einfach in der Anwendung, frei von Nebenwirkungen und vom Partner akzeptiert“, so definierte Prof. Dr. Elisabeth Vytiska-Binstorfer, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung der Universitätsfrauenklinik Wien, auf einer Fortbildungsveranstaltung der Wiener Ärztekammer zum Thema Kontrazeption bei Jugendlichen die Grundpfeiler der Verhütung bei Jugendlichen. Die hormonelle Kontrazeption ist daher die Methode der Wahl, auch bei der jugendlichen Patientin, daneben sind auch mechanische und chemische Barrieremethoden möglich. Die sogenannten „natürlichen Verhütungsmethoden“ hält Vytiska-Binstorfer gerade bei jungen Menschen für ungeeignet. Spiralen sollten bei jungen Mädchen nur in Ausnahmefällen verwendet werden: „Es gibt zwar speziell für junge Frauen kleinere Modelle, aber Komplikationen wie Aszension, Extrauteringraviditäten und die Expulsionsrate sind besonders schlimm.“

Schutz vor Infektionen

Das Kondom ist das einzige mechanische Verhütungsmittel des Mannes und verhindert zudem zuverlässig sexuell übertragbare Infektionskrankheiten. Vytiska-Binstorfer: „In Österreich werden derzeit rund 3.000 Menschen wegen einer Aids-Erkrankung behandelt. Rund 8.000 HIV-Infizierte dürfte es insgesamt geben. Pro Jahr kommen 400 bis 500 Personen hinzu.“ Kondome sind zudem kostengünstig. Allerdings haben sie den Nachteil, dass ihre Anwendung einiger Übung bedarf.

Chemische Mittel wie Schaumzäpfchen, Creme oder Gel mit spermizidem Wirkstoff stellte Vytiska-Binstorfer hingegen kein gutes Zeugnis aus: „Sie sind unbedingt zehn Minuten vor dem Verkehr anzuwenden, also nicht wirklich praktikabel. Häufig gibt es Unverträglichkeiten und außerdem ist die alleinige Anwendung mit dem Pearl-Index von fünf bis zehn nicht empfehlenswert.“

Hormonale Verhütungsmethoden sind bequem, sicher und reversibel. Zu achten ist jedoch darauf, ob die Compliance für eine tägliche Einnahme gegeben ist oder eine Medikamenten-Interferenz besteht, erklärte Vytiska-Binstorfer. „Heute stehen Pillen mit einem sehr niedrigen Östrogengehalt zur Verfügung. Bei Mädchen mit schwerer Akne empfiehlt sich eine Pille mit Antiandrogenen.“

Sehr wichtig sei es, mithilfe einer genauen Familienanamnese vor der Ersteinstellung mit einem Kombinationspräparat zu erheben, ob ein erhöhtes Thromboserisiko vorliegt. Einen Gerinnungsstatus empfiehlt die Expertin nur bei belastender Anamnese.

Alternative hormonelle Applikationsformen

Es gibt auch alternative hormonelle Anwendungsformen, die speziell für Jugendliche gut geeignet sind, etwa der Nuva-Ring, der die niedrigste Östrogendosierung hat und gut verträglich ist. Es kommt zu kontinuierlichen Wirkstoffspiegeln, Zyklus und Körpergewicht bleiben dabei stabil. „Jedes Mädchen, das gewöhnt ist, mit Tampons zu hantieren, wird auch keine Probleme bei der einmalig monatlichen Anwendung haben. Der Nachteil des Ringes sind die im Vergleich mit anderen Kontrazeptiva hohen Kosten.“

Eine weitere alternative hormonelle Methode ist das Hormonpflaster. Vytiska-Binstorfer über diese Applikationsform: „Dieses Präparat ist nicht so diskret wie der Ring, sondern gut sichtbar, was manche Mädchen jedoch auch als Vorteil sehen.“

Bei Kontraindikationen gegen Östrogene stehen reine Gestagenpräparate zur Verfügung. Minipillen sind gut verträglich und haben einen Pearl-Index von 0,5. Die Nachteile sieht Vytiska-Binstorfer in den häufigeren Schmierblutungen und der Notwendigkeit der sehr regelmäßigen Einnahme. Dieses Manko haben implantierte Hormonstäbchen nicht, allerdings sind die Applikation und Entfernung nur in Lokalanästhesie möglich. Mögliche Zwischenblutungen, Akne, Depression und Gewichtszunahme können bei einer Liegedauer von bis zu drei Jahren ein Problem sein. Es sollte daher in jedem Fall vor der Applikation dieser Langzeitverhütung die Verträglichkeit mit der Minipille ausgetestet werden. Auch die Dreimonatsspritze sollte nur in Ausnahmefällen bei Jugendlichen zur Anwendung kommen.

Interview

Notfallsverhütung in Österreich nicht liberal genug Prof. Dr. Elisabeth Vytiska-Binstorfer von der Klinische Abteilung für Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung der Universitätsfrauenklinik Wien, im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Jugendliche würden immer früher reif, wird uns vermittelt. Ist dies wirklich so? Vytiska-Binstorfer: Ich arbeite seit 28 Jahren am AKH Wien. Und eine der ersten Geburten, zu denen ich gerufen wurde, war bei einer Zwölfjährigen. Diese Probleme hatten wir demnach schon früher. Jeder zehnte Jugendliche hat heute mit 14 bereits sexuelle Erlebnisse, fast die Hälfte aller Mädchen mit 16 Jahren. Rein körperlich – nimmt man die Menarche als Zeitpunkt der Reifung – lag der Gipfel damals wie heute bei 13,4 Jahren.

 

Bedeutet Menarche auch Geschlechtsreife? VYTISKA-BINSTORFER: Menarche bedeutet erste Regelblutung, also das äußerlich sichtbare Zeichen der Geschlechtsreife, was aber meist noch nicht mit regelmäßigen ovulatorischen Zyklen einhergeht. Ein bis zwei Jahre nach der Menarche variieren die Zyklen oft noch sehr stark, was aber nicht pathologisch ist. Sogar fünf Jahre nach der Menarche ist ein Fünftel aller jungen Frauen noch ohne regelmäßige Ovulation, natürlich schützt dies nicht vor einer ungewollten Schwangerschaft.

 

Wie groß ist das Problem von Teenagerschwangerschaften in Österreich wirklich? VYTISKA-BINSTORFER: Knapp 3.000 Babys wurden im Vorjahr in Österreich von 15- bis 20-jährigen Mädchen auf die Welt gebracht. 18 Mütter waren jünger als 15 Jahre. Rund 150 Mädchen unter 14 werden pro Jahr schwanger.

 

Ist die österreichische Jugend ausreichend über die Verhütungsmethoden informiert? VYTISKA-BINSTORFER: Leider gibt es in Österreich noch sehr viele junge Menschen, die schlichtweg mangelhaft informiert sind. 50 Prozent unserer Jugendlichen beziehen ihre Information aus den Medien. Familien dienen in 30 Prozent der Fälle als Informationsquelle, in 15 Prozent Freunde. Information durch Ärzte findet nur in sieben Prozent statt! Nur eine Viertel der Jungen schützt sich beim ersten Geschlechtsverkehr, nur die Hälfte im weiteren Verlauf.

 

Wie stehen Sie zur Notfallverhütung – „morning after pill“ –, ist dies in Österreich gut geregelt? VYTISKA-BINSTORFER: Meiner Meinung nach wird dies hierzulande zu restriktiv gehandhabt. Bis vor kurzem musste man bei uns an der Klinik vorweg bezahlen, wenn man eine „Pille danach“ haben wollte. Ich bin freilich auch nicht dafür, dass diese Präparate wie etwa in Frankreich an Schulen verteilt werden. Es muss schon klar gesagt werden, dass die Einnahme von der „Pille danach“ wirklich nur bei Notfällen und nicht routinemäßig zwei bis drei Mal pro Zyklus verwendet werden sollte.

Dennoch: In Notfällen sollte man nicht zögern, diese Präparate zu verordnen. Generell finde ich, dass es für Jugendliche ohne große Hürden möglich sein sollte, diese Pillen rasch zu bekommen, denn nur rasch eingenommen erfüllen sie ihren Zweck.

 

Dürfen Ärzte an Minderjährige diese Präparate verordnen ohne Zustimmung der Eltern? VYTISKA-BINSTORFER: Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren sind zustimmungsberechtigte Minderjährige. Aber auch bei Kindern unter 14 Jahren, sofern Einsichts- und Urteilsfähigkeit bestehen, darf dem Mädchen auch ohne Zustimmung der Eltern die gewünschte Kontrazeption – auch eine Emergency Contraception – rezeptiert werden.

 

Was ist Ihre „Take home message“ zum Thema Verhütung für Jugendliche? VYTISKA-BINSTORFER: Verhütung bei Jugendlichen muss immer eine sehr individuelle Entscheidung sein. Es bedarf hoher Sicherheit, muss nebenwirkungsfrei sowie einfach in der Anwendung sein und sollte auch einen Infektionsschutz bieten: Kondome sind die einzigen Verhütungsmittel, die auch vor der Übertragung von sexuellen Krankheiten schützen. Kondom und hormonelle Verhütung sind bei Jugendlichen die Mittel der Wahl. Jede Verhütung ist besser als gar keine.

Ich möchte aber auch anmerken, dass wir bei aller Information zu diesem Thema nicht vergessen sollten, unseren Jugendlichen die Bedeutung der menschlichen Sexualität als besondere Form der menschlichen Kommunikation zu vermitteln.

Statement der ICEC zur „Pille danach“
Für schangerschaftsunwillige Frauen beginnt kurz nach einem gerissenen Kondom ein Wettlauf mit der Zeit. Etwa 72 Stunden hat man, bis die „Pille danach“ eingenommen werden muss, um eine Schwangerschaft zu verhüten. Je früher, desto zuverlässiger die Wirkung. Wie reine Levonorgestrel-Präparate (levonorgestrel-only emergency contraceptive pills; LNG ECPs) angewendet werden sollten, darüber informierte im Oktober die International Consortium for Emergency Contraception (ICEC):
  • Die Hemmung oder Verzögerung des Eisprungs ist der LNG ECP wichtigster Wirkmechanismus.
  • Studien konnten darlegen, dass LNG ECPs die Implantation einer bereits befruchteten Eizelle nicht verhindern können.
  • Die oben dargelegte Tatsache, dass die LNG-ECPs keinerlei Auswirkungen auf die Implantation selbst haben, erklärt, warum sie nicht zu 100 Prozent eine Schwangerschaft verhindern können und sie umso weniger wirksam sind, je später sie appliziert werden. Diese Botschaft sollte den Frauen klar übermittelt werden.
  • ECPs können eine bereits begonnene Schwangerschaft nicht unterbrechen. Allerdings können ECPs die Abtreibungsrate reduzieren, indem sie ungewollte Schwangerschaften verhindern.
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Das Kondom ist ein Verhütungsveteran, heute ist es in allen Farben und Formen zu haben. Auch die hormonelle Kontrazeption hat sich weiter entwickelt.

Foto: Med Communication

Prof. Dr. Elisabeth Vytiska-Binstorfer

Von Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche

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