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Foto: Privat
Prof. Dr. Ursula Kiechl-Kohlendorfer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde IV, Innsbruck
 
Gynäkologie und Geburtshilfe 17. November 2009

„Vor allem Infektionen verursachen Frühgeburten“

Frühstart ins Leben: Derzeitige Risiken und Perspektiven

Die Betreuung Frühgeborener ist in Österreich dank spezialisierter Zentren in allen Bundesländern sehr gut. Das größte Risiko für eine Frühgeburt stellen heute Infektionen während der Schwangerschaft dar.

 

Am 17. November wurde der „Internationale Tag der Frühgeborenen“ begangen. Die Prognosen selbst kleinster Frühgeborener haben sich dank moderner neonatologischer Intensivmedizin bedeutend verbessert. Wie es „Frühchen“ heute geht, welche medizinischen Fortschritte ihnen zugute kommen und auch welche Handicaps sie betreffen, erklärt Prof. Dr. Ursula Kiechl-Kohlendorfer, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde IV (Neonatologie, Neuropädiatrie, Stoffwechselerkrankungen) Innsbruck, im Gespräch mit der Ärzte Woche.

 

Befinden sich Frühgeborene in Österreich aus Ihrer Sicht vom Start weg in guter Betreuung?

KIECHL-KOHLENDORFER: Ja. Denn es gibt für jedes Bundesland ein Schwerpunktspital, das für die Versorgung und weitere Betreuung kleinster Frühgeborener die notwendige Infrastruktur bietet. Unter notwendiger Infrastruktur verstehe ich sowohl personelle als auch apparative Ressourcen, wobei ich die personellen hervorheben würde. Die Zusammenarbeit zwischen Neonatologen, Intensivschwestern und -pflegern ist in Österreich – auch dank guter Ausbildung und Expertise – hervorragend.

 

Was hat die Medizin in den vergangenen zehn Jahren für Frühgeborene erreicht?

KIECHL-KOHLENDORFER: Aus medizinischer Sicht haben vor allem zwei Punkte die Morbidität und Mortalität der Frühgeborenen wesentlich beeinflusst: Die Lungenreifungsinduktion bei drohender Frühgeburt sowie die postpartale Gabe von Surfactant bei kleinsten Frühgeborenen.

 

Werden Risikoschwangere Ihrer Meinung nach in Österreich optimal betreut? Wie sieht der EU-Vergleich, wie der internationale Vergleich aus?

KIECHL-KOHLENDORFER: Auch in diesem Punkt sind in Österreich die infrastrukturellen Möglichkeiten gegeben. Wir können uns sicherlich mit den anderen EU-Ländern vergleichen. In Österreich kann jeder Frau jede medizinische Hilfe angeboten werden, die sie benötigt. Konkret steht in jedem Bundesland mindestens ein Perinatologie-Zentrum zur Verfügung, das Risikoschwangere entsprechend betreuen kann. Hier ist es mir wichtig, den Intrauterin-Transfer anzusprechen: Risikoschwangere mit drohender Frühgeburtlichkeit müssen frühzeitig in eines dieser Perinatologie-Zentren mit den entsprechenden Möglichkeiten transferiert werden. Das geschieht auf Initiative des betreuenden Gynäkologen.

 

Bei welchen Frauen besteht ein erhöhtes Risiko einer Frühgeburt, etwa bezüglich einer Krankheit bzw. familiären Disposition?

KIECHL-KOHLENDORFER: Familiäre Disposition ist kein so bedeutsames Thema. Die häufigste Ursache einer Frühgeburtlichkeit ist eine Infektion in der Schwangerschaft, die oft auch inapparent ablaufen kann. Dann können auch Frauen betroffen sein, die bereits zwei, drei gesunde Termingeborene bekommen haben. Risikofaktoren für eine wiederholte Frühgeburtlichkeit sind EPH-Gestosen respektive die Prädisposition dafür, wobei die Frauen möglicherweise bei der zweiten oder dritten Schwangerschaft wieder betroffen sind.

Häufen sich bei Frauen mit Diabetes Frühgeburten?

KIECHL-KOHLENDORFER: Bei Diabetikerinnen kommt es manchmal dazu, dass die „late preterm infants“ von der Lunge her noch mehr betroffen sind. Man weiß, dass Surfactant bei Frühgeborenen von diabetischen Müttern weniger nützt bzw. das Atemnot-Syndrom eher relevant wird als bei Frühgeborenen von Nicht-Diabetikerinnen.

Welche Probleme haben heute Frühgeborene, die eine besondere Herausforderung für die (Intensiv-) Medizin darstellen?

KIECHL-KOHLENDORFER: Ich denke hier gar nicht so sehr an die Intensivmedizin, die in den vergangenen Jahren immense Fortschritte gemacht und das Überleben immer kleinerer Frühgeborener ermöglicht hat. In erster Linie liegt mir die Nachsorge ehemaliger Frühgeborener am Herzen: Viele Kinder brauchen eine entsprechend standardisierte Nachbetreuung, die in Österreich noch nicht lückenlos angeboten wird.

Was sind die wichtigsten Faktoren einer solchen standardisierten Nachbetreuung?

KIECHL-KOHLENDORFER: Neben einer klinischen und klinisch-neurologischen Untersuchung gehören dazu auch standardisierte Entwicklungstests, die sowohl die motorische als auch die kognitive Entwicklung testen. Das wäre in der Nachsorge von Frühgeborenen ganz klassisch der Bayley-Test, der international verwendet wird. Hier sind wir dabei, eine entsprechend lückenlose Anwendung aufzubauen.

 

Wie jung war das am frühesten geborene Kind, das Sie je selbst erlebt haben, und wie ging es dem Baby?

KIECHL-KOHLENDORFER: Das waren Babys nach einer Gestation von 23 Schwangerschaftswochen, wobei ich erfreuliche und wenig erfreuliche Verläufe erlebt habe: Ein Mädchen – 23 Wochen und 5 Tage – hat sehr gut überlebt und zeigt jetzt im Alter von drei Jahren sowohl motorisch als auch kognitiv eine altersentsprechende Entwicklung. Ich habe aber zwei Patienten erlebt, wo zusätzlich eine Infektion vorlag und die trotz aller intensivmedizinischen Unterstützung leider nicht überlebt haben.

Welche Spätfolgen können frühgeborene Kinder unter Umständen erleiden?

KIECHL-KOHLENDORFER: Der größte Betreuungsbedarf in der Nachsorge ergibt sich aus entwicklungsneurologischer Sicht. Entwicklungsverzögerungen, Teilleistungsprobleme sollten möglichst bald erkannt werden, um den Kindern entsprechende Förderungen anbieten zu können.

Als häufigste Folge der Frühgeburt ist im ersten Lebensjahr noch eine erhöhte Anfälligkeit für respiratorische Infekte gegeben – vor allem in der kalten Jahreszeit, die oft zu einer stationären Wiederaufnahme führen kann.

 

Holen Frühgeborene die am Termin Geborenen irgendwann auf oder bestehen lebenslang Defizite?

KIECHL-KOHLENDORFER: Dazu ist zu sagen, dass frühgeborene Kinder bis zum zweiten Lebensjahr streng korrigiert werden. Das heißt, wenn die Kinder zu früh geboren werden, sollten ihnen diese Wochen dazugerechnet werden, um sie mit den Termingeborenen entsprechend zu vergleichen. Wie schnell sie aufholen, ist individuell verschieden, das kann man generell nicht beantworten. Ein Teil der Kinder ist unauffällig und schließt zu den Termingeborenen auf. Kinder, die aufgrund einer schweren Komplikation, z.B. einer ausgeprägten Hirnblutung mit Schädigung des Gehirnparenchyms, eine motorische Behinderung haben, werden dadurch oftmals lebenslang beeinträchtigt bleiben.

 

Sind Teilleistungsprobleme bei Frühgeborenen gehäuft?

KIECHL-KOHLENDORFER: Ja, solche Probleme sind statistisch gehäuft, Daten dazu finden sich in der Literatur. Das geht von grob- und feinmotorischen Defiziten bis zu kognitiven Problemen wie Lese- oder Schreibschwächen und Dyskalkulien.

 

Der Kontakt zur Mutter bzw. den Eltern ist auch für Frühgeborene wichtig. Wird dieses Konzept auf österreichischen neonatologischen Intensivstationen umgesetzt? Und gibt es dabei Probleme?

KIECHL-KOHLENDORFER: Wir bemühen uns sehr, dass die Eltern möglichst rund um die Uhr bei ihrem Kind sein können. Ausnahmen sind sicher Akut- und Notfallsituationen und die Dienstübergaben. Ich denke, hier können wirklich klare Regelungen Probleme vermeiden. Im Erstgespräch mit den Eltern sollte bei der Aufnahme erstens auf die Wichtigkeit hingewiesen werden, dass die Eltern möglichst viel da sind, und zweitens sind Ausnahmesituationen anzusprechen, wo Eltern gebeten werden, das Zimmer zu verlassen.

 

Wie ist heute die Prognose von Frühchen in der westlichen Welt?

KIECHL-KOHLENDORFER: Das ist ganz abhängig von der Reife und vom Gestationsalter: Je älter das Kind ist, umso besser. Ich zitiere jetzt Daten aus dem Vermont-Oxford-Network, wo ein Zusammenschluss der Qualitätskontrolle von vielen neonatologischen Intensivstationen erfolgt ist und wo auch wir in Innsbruck sowie Salzburg, Graz und Wien dabei sind: Mit einem Gestationsalter von 24 Schwangerschaftswochen lag 2007 die Mortalität bei 40 Prozent, mit 28 Schwangerschaftswochen bereits unter zehn Prozent. Das Outcome dieser Kinder hängt neben dem Gestationsalter noch von anderen Faktoren ab, etwa ob zusätzlich eine primäre Infektion vorlag oder ob eine Lungenreife verabreicht wurde. Rund 40 Prozent aller sehr kleinen Frühchen, also jene unter 1.000 Gramm und unter 28 Wochen, brauchen wegen medizinischer Probleme eine weitere Betreuung nach der Entlassung.

 

Was wünschen Sie sich für Ihre kleinsten Schützlinge?

KIECHL-KOHLENDORFER: In erster Linie Eltern, die sich liebevoll um sie kümmern, und ärztliche Ansprechpartner, die bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite stehen – also solche, welche die Kinder nicht nur während des Intensivaufenthaltes begleiten, sondern auch danach.

 

Das Gespräch führte Mag. Peter Bernthaler

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