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Foto: pixelio.de / Thomas Max Müller
Verständnisvolle Ärzte und Ärztinnen sowie ein geduldiger Partner können Frauen mit Dyspareunie aus der Verzweiflungsspirale holen.
Foto: Privat

Dr. Barbara Eberz Niedergelassene Gynäkologin in Mürzzuschlag, Steiermark

 

Dyspareunie: Großer Schmerz mit vielen Lösungen

Frauen mit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr unterliegen einem hohen Leidensdruck.

Sehr viele Frauen machen im Laufe ihres Lebens kürzere Phasen mit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr durch. Dieses Beschwerdebild gehört zu jenen Problemen, die in der gynäkologischen Praxis sehr häufig vorkommen, denn immerhin berichtet jede fünfte Frau davon. Die Dunkelziffer dürfte jedoch hoch sein.

 

Bisweilen sind Entzündungsprozesse oder vulvovaginale Pilzinfektionen der Grund für Schmerzzustände beim Geschlechtsverkehr. Lässt sich eine solche Ursache finden, ist die Behandlung denkbar einfach: So ermöglicht bereits eine lokale Therapie mit Antibiotika bzw. Antimykotika in der Regel die rasche Heilung des Problems. Liegen, etwa aufgrund der verminderten Östrogenproduktion nach der Menopause, Atrophierungserscheinungen an der vulvovaginalen Schleimhaut vor, hilft auch eine lokale Östrogentherapie.

Verzweifelte Patientinnen

Sehr viel häufiger lassen sich allerdings auch mit umfangreicher ärztlicher Diagnostik keinerlei physische Ursachen für das Problem finden, was nicht nur die betroffenen Frauen, sondern auch die behandelnden Ärzte zur Verzweiflung treiben kann. Nicht selten machen Frauen, die unter schmerzhaftem Geschlechtsverkehr leiden, eine richtige „Ärzteodysee“ durch, die sie von Gynäkologen über Dermatologen und Urologen bis hin zu Chirurgen führen kann. In der Zwischenzeit halten die oft als sehr quälend empfundenen und – vor allem bei längerer Leidenszeit – durchaus nicht nur auf die Sexualität beschränkten Schmerzen weiter an. So kann es zu Schmerzempfindungen etwa beim Sitzen oder bei der Körperhygiene kommen.

Bemühungen ohne konkrete Ergebnisse

Dabei werden wiederholt mikrobiologische Abstriche aus dem Genitalbereich entnommen. Teilweise werden auch Zystoskopien, Rektummanometrien und Rekto/Koloskopien durchgeführt – jedoch mit frustranen Ergebnissen, weil körperliche Ursachen für die Schmerzen trotz intensiver Diagnostik nicht gefunden werden können.

Um der Patientin einen solchen Leidensweg zu ersparen, ist ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Patientin und Gynäkologin/Gynäkologe essenziell. Denn nicht wenige Frauen scheuen sich immer noch, so ein Problem gegenüber ihren Ärzten zu offenbaren und aktiv Hilfe zu suchen. Es ist die Rolle des Arztes, durch einfühlsames Nachfragen den Problemen auf den Grund zu gehen.

Frauen mit einem massiven Leidensdruck, die sich, weil keine Ursachen für ihre Schmerzzustände gefunden werden, von der Schulmedizin enttäuscht fühlen, erhoffen sich Linderung durch TCM, Homöopathie oder Akupunktur, Bachblütentherapie oder andere komplementärmedizinische Maßnahmen. Allerdings bringt auch dies in der Regel keine Linderung für die Betroffenen, die nicht nur unter den Schmerzzuständen beim Geschlechtsverkehr, sondern häufig auch unter dadurch entstehenden Partnerschaftsproblemen leiden.

Eine mögliche Ursache: Lichen sclerosus…

Auch wenn trotz umfangreicher Diagnostik keine körperliche Ursache für die Dyspareunie gefunden werden kann, ist eine somatische Erkrankung durchaus nicht ausgeschlossen. So kann etwa ein Lichen sclerosus auch bei jungen Frauen auftreten. Allerdings präsentiert sich die Erkrankung dann nicht wie gewohnt mit einem typischen weißlich atroph geschrumpften Genitale, wie dies bei Älteren der Fall ist. Der Lichen sclerosus wird mittlerweile als Autoimmunerkrankung gesehen und beginnt häufig bereits im jungen Erwachsenenalter. Die Dermatose weist dann ein völlig anderes Aussehen als die „ausgebrannte“ Form auf und kann zu erheblichen Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs führen.

… oder Lichen planus

Weniger häufig ist der anogenitale Lichen planus, ebenfalls ein autoimmunes Geschehen, das eine Prävalenz von etwa 0,7 Prozent aufweist. Auch dieses Krankheitsbild ist nicht leicht zu erkennen, sollte aber in der Diagnostik der Dyspareunie mitbedacht werden. Bleibt diese Erkrankung unbehandelt, so kann sie durch die Möglichkeit der intravaginalen Beteiligung bis zu mutilierenden Veränderungen mit ausgeprägten Vaginalstenosen führen.

Ebenfalls noch weithin unbekannt, weil sie in ein eher junges wissenschaftliches Gebiet fallen, sind die sogenannten Vulvodynien. Besonders hinzuweisen ist hier auf das vulväre Vestibultits-Syndrom, das eine hohe Relevanz für Dyspareunie-Symptome aufweist.

Auch die Psyche spielt mit

Nicht zuletzt kann die Dyspareunie aber auch rein psychische Ursachen haben, etwa dann, wenn sich die betroffene Frau beim Sex nicht genügend erregt fühlt oder weil sie dem Drängen ihres Partners nachgibt, ohne eigentlich für Sexualität bereit zu sein.

Sowohl die weithin unbekannten körperlichen Ursachen wie auch die psychischen Ursachen einer Dyspareunie können allerdings exakt diagnostiziert und sehr gut behandelt werden. Besonders, was die psychischen Ursache der Dyspareunie betrifft, stellt die Sexualtherapie eine ausgezeichnete Behandlung dar. Betroffene Frauen, vor allem jene, die bereits einen langen Leidensweg hinter sich haben, stehen dieser Therapiemethode sehr aufgeschlossen gegenüber.

Der Workshop „Schmerzhafter Geschlechtsverkehr“ bietet einen leicht fassbaren Überblick über die Grundlagen und das klinische Erscheinungsbild der wichtigsten – und immer noch zu wenig bekannten – Krankheitsbilder, die zu Dyspareunie führen können. Dazu werden Kenntnisse in der Diagnostik und Therapie aufgezeigt und vermittelt. Am 3. Oktober findet ein Workshop der Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG) zum Thema für Ärztinnen und Ärzte in Wien statt. Für diese Veranstaltung werden 5 DFP Punkte vergeben.

 

 Linktipp: Anmeldung für den Workshop: www.afsg.at

Von Dr. Barbara Eberz, Ärzte Woche 40 /2009

  • Frau Mag.a Sylvia Groth, 06.10.2009 um 12:44:

    „Dyspareunie als gesundheitliche Folge von Gewalt

    Wie sehr Dyspareunie betroffene Frauen belastet, hören wir auch immer wieder in Beratungsgesprächen. Es ist in der Wissenschaft bekannt, dass sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt chronische gesundheitliche Folgen haben. Gerade bei Dyspareunie und Vulvodynie, aber auch bei chronischen Unterbauchschmerzen, funktionellen gastrointestinalen Störungen und nicht spezifischen chronischen Schmerzen weisen Studien einen signifikanten Zusammenhang mit erlebter (sexueller) Gewalt nach (vgl. Paras et. al, JAMA. 2009 Aug 5;302(5):550-61; Sarwer & Durlak, Child Abuse Negl. 1996 Oct;20(10):963-72).

    Es ist sehr wichtig, dass ÄrztInnen diese Zusammenhänge kennen, um Patientinnen kompetent unterstützen können. Hierzu gehört, eine offene Frage nach Gewalt routinemäßig in das gynäkologische Anamnesegespräch aufzunehmen und Frauen an Gewaltschutz- und Beratungseinrichtungen weiterzuleiten.
    So könnte den betroffenen Frauen eine „Ärzteodysee“ und den behandelnden ÄrztInnen eine verzweifelte Suche nach Ursachen erspart bleiben.

    Sylvia Groth
    Frauengesundheitszentrum, Graz

    www.fgz.co.at“

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