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Foto: Privat
Prof. Dr. Herbert Kiss Univ.-Klinik für Frauenheilkunde, Medizinische Universität Wien, Präsident der ESIDOG
 

Signifikante Senkung der Frühgeburtlichkeit

Konsequentes Infektionsscreening in der Schwangerschaft erzielt deutliche Erfolge.

Frühgeburt ist die häufigste Ursache für kindlichen Tod und Behinderung. Sie ist für 70 Prozent der perinatalen und für 80-90 Prozent der neonatalen Mortalität verantwortlich. Die Kosten pro frühgeborenem Kind betragen mehr als 60.000 Euro. „Ein effektives Präventionsprogramm könnte allein in Wien Kosten von mehr als elf Millionen Euro einsparen“, betonte Prof. Dr. Herbert Kiss, Univ.-Klinik für Frauenheilkunde, MedUni Wien und Präsident der European Society for Infectious Diseases in Obstetrics and Gynaecology (ESIDOG).

 

Eine prospektive, randomisierte und kontrollierte Studie mit 4.155 werdenden Müttern in Österreich (Kiss H et al, BMJ 2004;329:371-5) zum Thema Infektionsscreening in der Schwangerschaft zeigte, dass mit einem einfachen Präventionsprogramm beachtliche Ergebnisse zu erzielen sind. Zwischen der 15. und 20. Schwangerschaftswoche (SSW) wurde bei allen asymptomatischen Frauen Vaginalsekret mittels Gramfärbung untersucht und auf ihren Reinheitsgrad beurteilt. Des Weiteren wurde auf Kandidose und Trichomonaden sowie kombinierte Infektionen untersucht.

Positive Befunde bei jeder fünften Frau

Die Auswertung ergab bei zirka 20 Prozent der Frauen positive Befunde, zumeist Kandidosen und bakterielle Infektionen. Bei nachgewiesener Infektion erhielten nur die Frauen in der Interventionsgruppe eine standardisierte Therapie und Kontrolluntersuchungen.

Als primärer Endpunkt wurde die Rate spontaner Frühgeburten vor der 37. SSW, als sekundärer Endpunkt ein mit Frühgeburt kombiniertes Geburtsgewicht von maximal 2.500 Gramm sowie die Rate von Totgeburten bezeichnet. Es zeigte sich, dass die Rate der Frühgeburten in der Interventionsgruppe signifikant niedriger lag (3,0 versus 5,3 Prozent) und jene der Neugeborenen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht ebenfalls markant verringert war (35 versus 74 Kinder). Die Zahl der Totgeburten betrug in der Interventionsgruppe acht (versus 15 in der Kontrollgruppe).

Retrospektive Studie bestätigt prospektive Daten

Diese Ergebnisse wurden in einer retrospektiven „real life“ Untersuchung am Wiener AKH mit insgesamt knapp 3.000 Frauen bestätigt, deren finale Daten im Rahmen der Jahrestagung 2009 der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGG) kürzlich präsentiert wurden. Fazit des Autors Kiss: „Durch standardisiertes Infektionsscreening konnte die Zahl der Frühgeburten in allen Gewichtsklassen um mehr als 50 Prozent gesenkt werden. Besonders ausgeprägt war diese Reduktion bei den kleinen Frühgeborenen. Durch diese Reduktion der Frühgeburten können jährlich Kosten von elf Millionen Euro – bei 500.000 Euro Kosten für die Screeningmaßnahmen – eingespart werden. All diese Faktoren rechtfertigen die Forderung nach einem standardisierten Präventionsprogramm.“ (Kiss H. et al, Eur J Obstet Gyn R B 2006)

Ziel: Problembewusstsein steigern

Diese Erkenntnisse sollen das Problembewusstsein in der Praxis erhöhen. „In der Anamnese ist der Risikofaktor Frühgeburt und Spätabortus zu berücksichtigen, weiters ist unter gewissen Umständen eine Cervixsonographie durchzuführen. Darüber hinaus soll sorgfältig auf vorzeitige Wehen und Kontraktionen sowie auf Veränderungen eines vaginalen Fluors geachtet werden“, so Kiss. Besonderen Wert legte der Experte abschließend auf die Bedeutung der Standardisierung von einem Infektionsscreening sowie der bei positivem Befund anschließenden Therapie und Nachkontrolle.

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