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Foto: MSW
Prim. Univ.-Doz. Dr. Walter Neunteufel Krankenhaus der Stadt Dornbirn, Präsident der OEGGG
 

„Der Staat stiehlt sich aus der Verantwortung“

Experte kritisiert Passivität der Gesundheitspolitik bei Impfung, Qualitätssicherung und Prävention.

Hätte uns jemand vor 15 Jahren prophezeit, es gäbe bald eine Impfung gegen Krebs, so hätten wir wohl alle ausnahmslos begeistert zugestimmt, uns impfen zu lassen. Nun gibt es seit wenigen Jahren tatsächlich eine Impfung gegen Krebs, nämlich jene gegen Humanes Papilloma-Virus, das bei vielen Frauen Zervixkarzinome und dessen Vorstufen verursacht. Die Impfrate ist hierzulande dennoch mehr als bescheiden. Ein Experte ortet als Ursache vor allem die mangelnde Initiative der Gesundheitspolitik und nennt weitere Schwachpunkte beim Namen.

 

Die bereits seit 120 Jahren bestehende Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) und ihre Schwesterorganisation, die Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde e.V., veranstalten jedes zweite Jahr eine gemeinsame Jahrestagung. Erstmals fand diese heuer in Wien statt. Mit über 900 angemeldeten Teilnehmern war sie der größte gynäkologische Kongress, der jemals in Österreich abgehalten wurde. Innerhalb des breiten Themenspektrums wurde besonderes Augenmerk auf drei Schwerpunktbereiche gelegt: die Zertifizierung von Brustkrebszentren, den Stellenwert der Impfung gegen Humanes Papilloma-Virus (HPV) (siehe Kasten) sowie die Frühgeburtenvermeidung (siehe Seite 17). Diese Akzentuierung erfolgte nicht zuletzt, um den dringlichen politischen Handlungsbedarf aufzuzeigen, denn, so Prim. Univ.-Doz. Dr. Walter Neunteufel, Krankenhaus der Stadt Dornbirn, Präsident der OEGGG, im Exklusiv-Interview mit der Ärzte Woche: „Gesundheitspolitik gibt’s in Österreich nicht – und das seit 15 Jahren!“

 

Welchen Stellenwert hat Qualitätssicherung in der Brustkrebsbehandlung?

NEUNTEUFEL: Brustkrebs ist die häufigste bösartige Erkrankung bei Frauen – jede achte Frau in Österreich ist betroffen. Bei Früherkennung und kompetenter Behandlung liegt die Überlebensrate heute bereits bei 90 Prozent. Eine einheitliche Behandlung und Betreuung auf höchstem Niveau kann allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht für alle Patientinnen gewährleistet werden. Daher ist die Implementierung und Zertifizierung von Brustgesundheitszentren eines der wichtigen aktuellen Anliegen in der gynäkologischen Onkologie. Die EU schreibt die Implementierung von flächendeckenden Früherkennungsprogrammen und zertifizierten Brustkrebszentren mit klar definierten Qualitätskriterien vor. Um ein Konzept für die Umsetzung der europäischen Richtlinien zu erarbeiten, gründete die OEGGG die „Task Force Mammakarzinom“. Ziel der OEGGG ist es, durch Zertifizierungen zu gewährleisten, dass allen Patientinnen die gleiche hohe Qualität in der Erkennung und Behandlung des Mammakarzinoms zur Verfügung steht.

 

Auf welchem Stand ist die Zertifizierung von Brustgesundheitszentren in Österreich?

NEUNTEUFEL: Das österreichische Konzept für eine einheitliche Behandlung von Brustkrebs-Patientinnen sieht die Schaffung von zertifizierten Brustgesundheitszentren (BRZ) und Affilierten Partnerzentren (AP) vor. Im Jänner 2009 wurden die ersten BRZ in Innsbruck, Dornbirn, Villach, Klagenfurt und Wien zertifiziert. Forderungen anderer Fachgesellschaften machten eine Kompromisslösung notwendig. Nach Einigung mit der Österreichischen Bundesgesellschaft für Gesundheitswesen (ÖBIG) wurden die für eine Zertifizierung eines BRZ notwendigen Fallzahlen der Diagnostik und Behandlung von bösartigen Neuerkrankungen von – wie in Europa mit Ausnahme der Schweiz üblichen – 150 auf 100 pro Jahr reduziert, für affilierte Zentren von 50 auf 30 jährlich. Trotz dieser Kompromisslösung stoppt der Zertifizierungsprozess nun.

 

Wie sind die zentralen Aufgaben eines BRZ definiert?

NEUNTEUFEL: Kernleistungen sind Diagnostik, Operation, Strahlentherapie, Pathologie und medikamentöse Tumortherapie und weiters die Verfügbarkeit unterschiedlicher Leistungen wie Physiotherapie, Psychoonkologie, plastisch-rekonstruktive Chirurgie und genetische Beratung. Die Qualitätsstandards wurden interdisziplinär von der Österreichischen Zertifizierungskommission – bestehend aus den Österreichischen Gesellschaften für Gynäkologie und Geburtshilfe, für Radioonkologie, Radiobiologie und medizinische Radiophysik, für Nuklearmedizin sowie die Röntgengesellschaft – in Zusammenarbeit mit einem unabhängigen und erfahrenen Schweizer Zertifizierungsunternehmen erarbeitet.

 

Welche Rolle spielt im Konzept der BRZ der niedergelassene Arzt?

NEUNTEUFEL: In dem Konzept ist der regelmäßige Kontakt zu den Zuweisern verpflichtend vorgeschrieben. Dazu sind zweimal pro Jahr Fortbildungsveranstaltungen mit Partnern und Zuweisern vorgesehen. Die niedergelassenen Ärzte, vor allem auch die Allgemeinmediziner, sind auch für die Nachsorge und Nachbetreuung wichtig und unentbehrlich. Sie alle verfügen über eine gute Ausbildung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang in erster Linie eine standardisierte Betreuung, damit wirklich alle Frauen gleich behandelt werden und auch keine Verunsicherung entstehen kann.

 

Aus welchem Grund ist der Zertifizierungsprozess aus Ihrer Sicht ins Stocken geraten?

NEUNTEUFEL: Die Politik hat noch keine Zertifizierungskommission einberufen, obwohl die EU den Auftrag erteilt hat, dass bis 2016 die Implementierung von Brustgesundheitszentren abgeschlossen sein soll. Leider gibt es hierzulande keine Gesundheitspolitik, die mit Phantasie und Zukunftsorientiertheit arbeitet – und das bereits seit 15 Jahren. Aufgabe der Gesundheitspolitik wäre es, die Implementierung zu beschließen und der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) den Auftrag zu erteilen, die Fachgesellschaften mit der möglichst raschen Umsetzung zu betrauen. Die OEGGG ist mit dem Kompromiss von niedrigeren Fallzahlen notgedrungen einverstanden – nicht aber mit dem aktuellen Stillstand im Zertifizierungsprozess. Wir werden alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um unser Ziel zu erreichen, flächendeckend einheitliche Qualitätsstandards in der Brustkrebsbehandlung zu setzen. Schon in naher Zukunft könnten damit 80 Prozent aller Frauen mit Diagnose Brustkrebs in einem zertifizierten Brustgesundheitszentrum behandelt werden. Aktueller Stand ist allerdings leider, dass Österreich bezüglich Qualität in der Brustkrebsbehandlung nicht mehr im europäischen Spitzenfeld liegt, sondern jene Länder, in denen die Implementierung bereits realisiert wurde.

 

Wie teuer wird die Implementierung von Brustgesundheitszentren und wie soll diese finanziert werden?

NEUNTEUFEL: Die Implementierung würde nicht viel kosten – teuer ist die Therapie doch auch jetzt schon. Zuerst muss man ein gutes Paket schnüren, das für die Patientinnen gut ist. Erst dann sollte man überlegen, wie man es umsetzt und finanziert. Wenn man sich nur an der Gegenwart orientiert, wird die Qualität immer nur sinken.

 

Das Gespräch führte Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

Kasten:
HPV-Impfung: Kritik an Gesundheitspolitik
Untätigkeit oder zumindest Passivität wirft Prim. Univ.-Doz. Dr. Walter Neunteufel dem Staat und den Sozialversicherungen zum Thema HPV-Impfung vor. „Die Kosten müssten – zumindest teilweise – übernommen werden, wie dies in anderen Ländern der Fall ist. Außerdem müssten große Aufklärungskampagnen gestartet werden.“ Insgesamt wurden weltweit bereits rund 40 Millionen Impfungen durchgeführt, wobei es zu keinem unmittelbar verursachten Todesfall kam. Auch traten keine Nebenwirkungen auf, die von anderen Impfungen abweichen. Neunteufel: „Der Staat benutzt die Impfskepsis mancher Menschen, um sich vor der Verantwortung zu drücken – das finde ich nicht richtig. Impfskepsis ist eine individuelle Entscheidung, aber der Staat hat dafür zu sorgen, medizinische Fortschritte allen zugänglich zu machen.“

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