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Die Mütter kommen in die Jahre

Späte Schwangerschaften hat es immer gegeben, wobei diese fast immer mit einer Multiparität verbunden waren. Ältere Mütter werden auch heute noch als Ausnahme gesehen, obwohl ihre Zahl stetig zunimmt. Geänderte Ansprüche an das Leben und ein (manchmal zu) großes Vertrauen in die neuen Fortpflanzungstechniken sind hier die wichtigsten Gründe. Dabei haben Mütter mit Lebenserfahrung durchaus Vorteile.

Die häufig verzerrte Medienpräsenz von späten Müttern aus den Bereichen Kunst, Kultur und Politik zeichnet (vor allem für den Laien) ein falsches Bild über die Chancen und Möglichkeiten, auch in späteren Jahren noch schwanger zu werden. Dabei wird normalerweise kaum über die Parität oder den Aufwand zur Erfüllung des Kinderwunsches dieser Frauen berichtet. Madonna, die mit 42 Jahren noch ein zweites Kind bekam, oder Cherie Blair, die Frau des damaligen britischen Premierministers, die mit 45 Jahren ihr viertes Kind zur Welt brachte, gelten als prominente Beispiele für eine späte Mutterschaft. Demgegenüber stehen über 40-jährige Erstgebärende, wie etwa die Moderatorin Birgit Schrowange, die erst nach ihrer Karriere zum ersten Mal schwanger wurde. Natürlich ist die Chance, nach dem 40. Lebensjahr erstmals schwanger zu werden, deutlich geringer.
Wer also heute mit Ende dreißig oder Anfang 40 noch Mutter wird, ist in relativ guter Gesellschaft und längst keine Ausnahme mehr. Noch Mitte der 80-er Jahre waren nur knapp 3,5 Prozent der Mütter älter als 35 bei der Geburt ihres ersten Kindes, heute liegt die Quote schon bei zwölf Prozent. Obwohl die Menschen durch die geänderten Lebensbedingungen in der industrialisierten westlichen Welt immer älter werden, sinkt einerseits die Anzahl der Kinder pro Familie, andererseits steigt das Alter der Erstgebärenden stetig an und liegt in den meisten europäischen Ländern bereits bei knapp 30 Jahren. Auch die späte Vaterschaft nimmt in jenen Ländern konstant zu. Dabei spielen für das Geburtsverhalten einer Generation verschiedene Einflussfaktoren eine wesentliche Rolle (siehe Die Geburtsplanung beeinflussende Faktoren).

Veränderte Prioritäten

Dazu kommen noch weitere Einflüsse, viele Frauen wollen etwa zuerst Ausbildung und Karriere machen, Kinder werden später „nachgeholt“. Deutlich kommt auch noch der Trend zur späten ersten Mutterschaft, jenseits des 35. Lebensjahres. Auch hierfür sind die Gründe mannigfaltig: ein geändertes Frauenbild; Frauen, die hochqualifizierte Jobs mit langen Ausbildungszeiten für sich in Anspruch nehmen; ein stärkeres berufliches Engagement und damit verknüpft eine exakte Lebensplanung. Des Weiteren spielen spätere Partnerwahl und -bindung, aber auch finanzielle Gründe eine Rolle. Auch wollen viele Frauen zunächst das Leben ein wenig genießen, danach steht das Schaffen von optimalen Rahmenbedingungen für ein Kind im Vordergrund. Die Erfolge der Fortpflanzungsmedizin, gerade auch für Frauen in reiferen Jahren relevant, werden von den Medien häufig als so problemlos dargestellt, dass sich viele in falscher Sicherheit wiegen.
Zwischen 1985 und 1998 stieg die Quote der ersten Kinder bei späten Müttern (35 Jahre und älter) von 3,5 Prozent auf zwölf Prozent. Die Zahl der Frauen, die zwischen 35 und 45 ein Kind bekommen, hat sich in Bayern in den letzten fünf Jahren von 8,2 Prozent auf 16,2 Prozent verdoppelt! Jedes siebte Baby wird von einer Frau über 35 Jahren geboren (Retzinger und Weissenbacher, 2002). Nach einer deutschen Statistik sind jedoch 30 Prozent der Frauen des Geburtsjahrganges 1965 kinderlos, bei den Akademikerinnen 41 Prozent. Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen, aber in der politischen Öffentlichkeit und Gesellschaft kaum wahrgenommen werden.

„Coole“ Mütter

Bedingt durch diesen Trend werden die besorgten Kommentare zur späten Mutterschaft immer seltener. Auch Ärztinnen und Ärzte sind mit ihren Warnungen vorsichtiger, zumal sich gezeigt hat, dass späte Mütter in der Regel nicht nur gesünder leben, sondern auch ihre Vorsorgeuntersuchungen genauer nehmen. Ältere Frauen zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie mit etwas weniger Stress Mutter werden. Beruflich sind sie zumeist bereits etabliert und haben so mehr Zeit und Muse, sich auf die Schwangerschaft vorzubereiten.
Neuere Untersuchungen zeigen bei späten spontanen Schwangerschaften eine deutlich höhere Lebenserwartung als Benefit, man spricht von einer biologischen Anti-Aging-Therapie. Unter hundertjährigen Frauen fand sich ein deutlich erhöhter Anteil, der noch nach dem 40. Lebensjahr spontan ein Kind bekam und Multiparae war. Dies lässt freilich den Umkehrschluss zu, dass diese Frauen biologisch so jung sind, dass sie jenseits des 40 Lebensjahres noch spontan konzipieren können. Dem gegenüber steht allerdings die Frage, inwieweit Schwangerschaften und Geburten in jungen Jahren als biologisches Stimulans dienen, wodurch erst diese Frauen in der Lage sind, bis weit über das 40. Lebensjahr hinaus schwanger zu werden. Dies ist noch nicht ganz geklärt. Vermutet wird, dass die Fähigkeit, im vierten Lebensjahrzehnt spontan Kinder zu gebären, Ausdruck eines verlangsamten Alterungsprozesses ist. Möglicherweise sind hier Zusammenhänge mit dem späten Auftreten der Menopause von Bedeutung.

Trotz Risiken gute Chancen

Neben diesen positiven Effekten sind späte Schwangerschaften aber auch mit Risiken verbunden. So kommt es bei Frauen ab dem 42. Lebensjahr zu einem deutlich erhöhten Abortusrisiko und zu mehr Frühgeburten. Desgleichen steigt das Risiko genetischer Erkrankungen beim Kind, weitere Gefahren sind erhöhte Quoten von Hypertonie, Gestose, Plazentainsuffizienz, Schwangerschaftsdiabetes und Lungenembolien. Dennoch haben heute ältere Gebärende bei optimaler medizinischer Betreuung im Vergleich zu Jüngeren eine gleich große Chance, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen.
Ob dank der modernen Reproduktionsmedizin bei erfülltem Kinderwunsch ähnliche Ergebnisse zu erzielen sind und damit die eine oder andere These untermauert wird, ist aufgrund der relativ kurzen Zeitspanne noch nicht beantwortbar. Untersuchungen über das „premature ovarian aging“ (PAO) geben jedoch Hinweise, dass der Schlüssel unter Umständen nicht allein im vorzeitigen „Alterungsprozess der Eizellen“ liegt, sondern andere Steuerungsmechanismen dafür verantwortlich sind. Tatsache ist jedoch, dass sich die Chancen, jenseits des 40. Lebensjahres schwanger zu werden, für Erstgebärende infolge dieser Methoden nicht bessern können.

Entwicklung geht weiter

Nach derzeitigem demographischen Wissensstand muss mit einer weiteren Alterszunahme der werdenden Eltern gerechnet werden. Dies bedingt neben der Entkoppelung der Sexualität von der Fortpflanzung sowie der Entkoppelung des Gebäralters vom reproduktiven Alter noch weitere Änderungen. Hierfür müssen zukünftig noch weitere reproduktionsmedizinische Techniken entwickelt werden. Auch die Entknüpfung des fetalen Wachstums vom Uterus ist vorstellbar. Auf diesem Gebiet sind die Forschungen in Tierversuchen bereits weit gediehen.
All diese zum Teil sehr tief greifenden Veränderungen werden auch von der Gesellschaft so empfunden, und es wird noch einige Zeit vergehen, bis eine entsprechende Akzeptanz im geänderten Fortpflanzungsverhalten der Menschen eintritt. Aber der Wunsch nach einem gesunden Kind ist so alt wie die Menschheit selbst, das Ziel wird daher gleich bleiben, auch wenn sich der Weg dorthin zunehmend ändert. „Im neuen Jahrtausend wird sich der Sex im Bett, die Fortpflanzung aber unter dem Mikroskop abspielen“, der Ausspruch des Chemikers und Schriftstellers Carl Djerassi, der auch als Vater der Antibabypille bekannt wurde, ist bereits Wirklichkeit geworden.

 Daten und Fakten

Prof. Dr. Franz Fischl ist an der Frauenklinik der Medizinischen Universität Wien, Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, tätig. Daneben ist er Gastprofessor an der Frauenklinik der Johannes Gutenberg Universität Mainz und Leiter des Universitäts-Kinderwunschzentrums ebendort.

Weitere Informationen
members.eunet.at/franz.fischl/

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