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Vom Kindesmord zur Verhütung

Verhütung ist – zumindest in der westlichen Welt – etwas Normales und hat längst nichts Anrüchiges mehr an sich. Das weltweit einzige Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch am Wiener Mariahilfer Gürtel zeichnet den Weg nach, der zur Kontrolle der Fortpflanzung führte – und der war durchaus steinig.

 Arbeitsplatz einer
Ein im Museum dargestellter Arbeitsplatz einer „Engelmacherin“.

Foto: Nanut/Regal

Trotz aller Bemühungen ist – abgesehen von Europa und den USA – noch kein dauerhaft erfolgreiches Familienplanungsprogramm entwickelt worden. Oft wird übersehen, dass es deren Aufgabe nicht nur ist, Geburten zu verhindern, sondern ebenso der Wohlfahrt zu dienen, indem die Geburtszahl vermindert und der Abstand der Kinder gesteuert wird. Auch sollten die sexuellen Beziehungen vom Aspekt unerwünschter Schwangerschaften gelöst und in der Folge eine unkontrollierte Bevölkerungszunahme eingedämmt werden. Die Senkung der Müttersterblichkeit ist dabei ebenfalls ein großes Anliegen.
Die Motivation des Einzelnen gegenüber Familienplanungsprogrammen und sein Interesse an empfängnisverhütenden Methoden hängen nicht nur von der sozioökonomischen Schicht, Religionsgemeinschaft oder politischen Konstellation ab, sondern vor allem auch von der Erziehung, Information und den individuellen Bedürfnissen.

Urinstinkt ging verloren

Hier hakt das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch ein. „Die Urkraft der Fortpflanzung ist für die Menschen heute kaum noch richtig fühlbar“, sagt Dr. Christian Fiala, Gynäkologe und Protagonist des Museums. Viele Jahrtausende lang hat sich die Menschheit bemüht, Fortpflanzung zu kontrollieren. Seit 40 Jahren ist das zumindest im Westen gelungen – und schon scheint das Wissen über die Natur der Fortpflanzung weithin verloren gegangen zu sein, bedauert Fiala.
Vergessen wurde scheinbar ebenso, wie angstbesetzt die Verhütung vor der Entwicklung der Pille war. Auch die Kämpfe um die sogenannten Fristenlösungen gehören weitgehend der Vergangenheit an. Welche Verhütungsmethoden sind sicher, welche natürlich? Das Museum dokumentiert dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte eindrucksvoll, und die Objekte werden in aufwendigen Schaukästen präsentiert. Dort, wo es komplizierter wird, helfen Touchscreens. Dazu kommen Interviews mit Ärzten und Wissenschaftlern, Hebammen, „Engelmacherinnen“ und Betroffenen.
An die Autorin des 1911 erschienenen Intimen Buchs der Frau, ein Führer durch das Eheleben für denkende Frauen wandten sich nach ihren Vorträgen über „Ehe-Hygiene“ Tausende um Rat, wie eine „schädliche Empfängnis“ verhütet werden könne. Diese Ratschläge durfte sie allerdings nicht veröffentlichen, damals stand dies unter Strafe.

Österreichisch-japanischer Entdeckergeist

Schließlich entdeckten 1934 zeitgleich Hermann Knaus in Österreich und Kyasaku Ogino in Japan die Temperaturmethode. Dies war die erste einigermaßen sichere Möglichkeit, „gefährliche“ von „ungefährlichen“ Tagen zu unterscheiden. Mit einem Pearl-Index von 14 bis 35 aber immerhin ein deutlicher Fortschritt. Ohne Kontrazeption liegt der Pearl-Index bei 60 bis 80. Der Pearl-Index beschreibt ja die Zahl der Schwangerschaften per 100 Frauenjahre.
Die ungewollte Schwangerschaft war auch im Dritten Reich ein Thema: Die Reichsärztekammer gab „Richtlinien für die Schwangerschaftsunterbrechung und Unfruchtbarmachung aus gesundheitlichen Gründen“ heraus. Dieser Weg endete jedoch für viele in der Zwangssterilisierung oder im totgeschwiegenen Euthanasieprogramm. Viele Ärzte machten sich damals mitschuldig. Die Prozesse ließen bis zu 50 Jahre auf sich warten. Diese österreichische Art der Geschichtsaufarbeitung mag die Widerstände bei der Einführung der Fristenlösung zum Teil erklären. Andererseits nimmt die katholische Kirche bis heute nicht eindeutig Stellung zum Thema Empfängnisverhütung. Aufgeklärte Katholiken behelfen sich deswegen mit der Bibelstelle Genesis 38, Vers 8-10. Dort wird der Coitus interruptus als Kontrazeptionsmöglichkeit beschrieben. Immerhin wird dafür ein Pearl-Index von 10 bis 38 angegeben.

Verhütungspapyrus statt Verhütungskoffer

Auch der Papyrus Ebers, ein Kompendium medizinischer Praktiken aus dem Jahr 1550 v. Chr., enthält Beschreibungen von Kontrazeptiva. So sollte ein Tampon „bei der Frau eine Empfängnis für ein, zwei oder drei Jahre verhindern, wobei Baumwolle mit einer Mischung aus Granatäpfeln, Datteln und Honig in die Vulva eingeführt wird“. Heute ist bekannt, dass Granatapfel ein natürliches Östrogen enthält. Vor 3.000 Jahren wurde Elefanten- und Krokodil-Dung in Indien als Vaginalsuppositorien vor dem Geschlechtsverkehr eingeführt. Wahrscheinlich wurde der Kot von Tieren mit mystischen Eigenschaften gewählt. Womöglich könnte der Dung selbst als primitive Blockersubstanz gedient haben und seine starke Azidität spermizid wirken.
Das Kondom oder die Idee, den Penis einzuhüllen, um eine Konzeption oder Krankheitsübertragung zu verhindern, kann bis auf das Jahr 1600 rückdatiert werden. Damals wurden Kondome aus Tierdärmen, wie etwa dem Blinddarm des Schafes, erzeugt. Dieser Darmteil entsprach am besten sowohl in Größe, Flexibilität und Dicke. Das Wort Kondom soll auf einen Dr. Condom (oder Conton) zurückgehen. Diesem Arzt wird zugeschrieben, das Kondom während der Regentschaft von König Charles II. (1660-1685) in England eingeführt zu haben. Die Massenproduktion begann aber erst nach dem Jahr 1844. In diesem Jahr patentierte Charles Goodyear die Gummi-Vulkanisation. Seit damals wurden sowohl männliche als auch weibliche Kondome weiterentwickelt: vom Gummi zum Latex, bis zu den modernen Polymeren. Die Franzosen nannten sie „englischer Mantel“, die Engländer „französischer Brief“. Kein Land wollte damals so recht die Urheberschaft des Kondoms für sich beanspruchen.
Daneben gab es noch Pessare. So empfahl Giacomo Casanova um 1650, eine halbe Zitrone, deren Fruchtfleisch entfernt wurde, auf die Portio zu legen. Immerhin der mechanische Verschluss durch die Zitrone (oder die Zitronensäure) könnte effektiv gewesen sein.

Erwünschter Kindersegen

Schering bringt 1961 schließlich die erste Antibabypille auf den Markt. Im Nachkriegseuropa stieß die Pille jedoch auf Hürden. Junge Frauen sollten schließlich keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe haben, demzufolge war auch Verhütung unsinnig und bei den Ehefrauen war Kindersegen erwünscht. Generell wurde die öffentliche Diskussion und Aufklärung nicht gefördert. Schering führte demzufolge die Pille als „Mittel zur Beherrschung von Menstruationsstörungen“ ein. Erst die Studentenbewegung der 60-er Jahre brachte den Durchbruch. Unter dem Motto der sexuellen Revolution förderte sie die Enttabuisierung der Sexualität und damit die freie Verfügbarkeit der Pille für alle Frauen, zumindest in den westlichen Ländern.

 Kasten

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 18/2008

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