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Die Domäne der weisen Frauen (Narrenturm 140)

Auf mittelalterlichen Geburtsdarstellungen sucht man sie vergeblich, die Männer. Geburtshilfe war Frauensache und Gebärende wurden üblicherweise nur von Hebammen betreut. Ärzte – so sie überhaupt zur Verfügung standen –, Bader oder Priester waren von der Geburt ausgeschlossen. Nur wenn die Mutter während der Geburt starb, wurde, wenn die Hebamme es nicht selbst machen wollte, ein Arzt oder Bader gerufen, um den Kaiserschnitt an der Toten durchzuführen. Es musste auf alle Fälle versucht werden, durch die Taufe die Seele des Neugeborenen vor dem Beelzebub zu retten.

 Nabelschere
Der Hebammenberuf wechselte einst von einer reinen Frauen- zur reinen Männerdomäne.

Foto: Nanut/Regal

In ältester Zeit waren es wohl Ver-wandte und Nachbarinnen, die Gebärende unterstützten und ihnen bei der Geburt halfen. Aus dieser Nachbarschaftshilfe entwickelte sich vermutlich der Hebammenberuf. Hinweise auf berufsmäßige Hebammen finden sich bereits auf ägyptischen Papyrusrollen. Im alten Rom leiteten „feminae sagae“, „obstetrices“ oder „feminae medicinae“ die Geburten. Geburtshilfe war Kunst, keine Wissenschaft und Hebamme Jahrhunderte lang ein ehrbarer, hoch geachteter Beruf.

Das Mittelalter – problematische Zeit für Hebammen

Problematisch wurde die Sache erst im Mittelalter. Männer waren vom Geburtsvorgang weitgehend ausgeschlossen. Ärzte wussten praktisch nichts über den Geburtsvorgang und vor allem Geistliche konnten die Hebammen während der Geburt nicht überwachen. Diese besondere Stellung machte sie höchst verdächtig – im deutschen Sprachraum waren Hebammen ja verpflichtet, das Neugeborene im Notfall zu taufen und durften sogar in allerhöchster Not die Beichte abnehmen – und ihr „geheimes Wissen“ über Fruchtbarkeit, Zeugung und Geburt tat das Übrige.
Ihre Kenntnisse über schmerzstillende, die Empfängnis fördernde, aber wohl auch verhütende und vermutlich auch abtreibende Mittel waren für die Obrigkeit nicht unproblematisch. Dies und die mangelnde männliche Kontrolle waren jedenfalls ein guter Nährboden für bösartige und damit auch höchst bedrohliche Gerüchte. Die Vorwürfe reichten von absichtlicher Vertauschung von Neugeborenen und diversen dämonischen Praktiken wie etwa der Herstellung von Salben aus Neugeborenen bis zur Kindstötung und grausamen Opferung von Kindern an den Satan. Wenn auch die lange verbreitete Ansicht, dass die Inquisition die „weisen Frauen“ systematisch auszurotten versuchte, heute weitgehend widerlegt ist, fielen doch zahlreiche Hebammen, „Kräuterweiber“ und andere heilkundige Frauen dem Hexen- und Ketzereiwahn zum Opfer und landeten bevorzugt auf dem Scheiterhaufen.
Mit der ersten Hebammenordnung im Jahr 1452 in Regensburg begann jedenfalls die berufliche Reglementierung des freizügigen Hebammenwesens. Nach und nach übernahmen Ärzte und Geistliche die Aufsicht über Ausbildung, Zulassung und „Gottesfürchtigkeit“ der Hebammen. Ob die damals bereits vorhandenen Hebammenlehrbücher – meist verfasst von schreibkundigen Ärzten, die sich das Wissen um die praktische Geburtshilfe von Hebammen diktieren ließen und die Bücher dann großartig unter ihrem eigenen Namen veröffentlichten – zur Verbreitung von Wissen unter den Hebammen beitrugen, ist äußerst zweifelhaft.
Viele Hebammen konnten ja weder lesen noch schreiben. Ihr Wissen gaben sie üblicherweise mündlich weiter. Ärzte und Bader hatten damals nicht die geringste praktische Erfahrung über den Geburtsvorgang. Erst durch die Einführung der Gebärhäuser im 18. Jahrhundert konnten Ärzte erstmals Geburten „life“ beobachten und auch lernen, eine Geburt selbst zu leiten. Dies ist der Wendepunkt in der Geschichte der Geburtshilfe. Hier ist der Übergang von der traditionellen, an der Beobachtung und dem Tastsinn geschulten Hebammenkunst zur ärztlichen, „wissenschaftlichen“, leider manchmal aber auch nur technisch-instrumentellen Geburtshilfe.

Vierjährige Lehrzeit mit Prüfung

In Wien fällt der Beginn der von Männern dominierten Geburtshilfe auf das Jahr 1748. Hebammenschülerinnen waren zwar an der medizinischen Fakultät inskribiert, absolvierten aber eine Lehre bei einer der 15 dienstältesten Hebammen der Stadt. Die Lehrhebamme übernahm gleichsam die Garantie für die gute Ausbildung ihrer Schülerin. Nach vierjähriger Lehrzeit traten die Schülerinnen dann an der medizinischen Fakultät in Wien zur Prüfung an. Das Verhältnis der Wiener Fakultät zu den Hebammen war offensichtlich recht gut. Auf Anordnung Maria Theresias – möglicherweise, weil sie selbst 1748 ein Kind durch eine Lageanomalie verloren hatte – wurde im selben Jahr für junge Hebammen der Besuch eines geburtshilfli-chen Unterrichts beim kaiserlichen Chirurgen Joseph Molinari verpflichtend. Nach Absolvierung der Ausbildung wurden sie dann vom Dekan der medizinischen Fakultät und vom Studiendirektor van Swie-ten geprüft.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Geburtshilfe nach und nach vollkommen maskulin. Durch die Verlagerung der Geburt in die Klinik etablierte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine sehr technisch orientierte Geburts-medizin. Durch sie veränderte sich die Hebammentätigkeit innerhalb kürzester Zeit gravierender als in den Jahrhunderten davor. Zurzeit schlägt das Pendel bei einer bestimmten Klientel wieder in die andere Richtung. Zum Glück ist heute – bei entsprechendem finanziellen Hintergrund – praktisch alles möglich: von der Klinikgeburt zu Hause mit Hebamme, Geburtshelfer und technischer Überwachung bis zur Hausgeburt in der Klinik bei Kerzenschein und sanfter Musik.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 17/2008

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