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Kinderwunsch und Wunschkinder

1982 gelang drei Gynäkologen etwas in Österreich bis dahin Einmaliges: Das erste österreichische Retortenbaby ward geboren. Künstliche Fortpflanzungstechnologien und damit auch pränatale Diagnosetechniken wurden entwickelt, um vielen Frauen ihr Wunschkind zu ermöglichen. Zusehends verfeinerten sich die Techniken und bieten nun eine Möglichkeit, in die Qualität des Menschen einzugreifen. Dies wird mittlerweile auf medizinischer, juristischer und gesellschaftspolitischer Ebene kontroversiell diskutiert.

Eine Analyse der Medizingeschichte belegt, dass der Wunsch nach einem Eingriff in die Qualität des Menschen der eigentliche Motor der Entwicklung der künstlichen Fortpflanzungstechnologien war: Im August 1939 fand der 7. Internationale Genetikerkongress im schottischen Edinburgh statt. Ehe der Kongress durch den bevorstehenden Kriegsbeginn vorzeitig abgebrochen wurde, erreichte eine Anfrage einer wissenschaftlichen Nachrichtenagentur aus den USA die Delegationsteilnehmer: Wie könne die Weltbevölkerung genetisch am wirksamsten verbessert werden? Der Genetiker Hermann Joseph Muller aus den USA organisiert die Beantwortung dieser Frage, als deren Ergebnis die Edinburgh Charta der genetischen Menschenrechte (auch Genetiker Manifest genannt) präsentiert wird. Die Verfasser des Manifestes betonen, dass die Genetik in der Lage sei, die aus dem Lot geratene Weltordnung wieder in den Griff zu bekommen. Es wäre jedes Menschen Geburtsrecht, ein Genie zu sein. Allerdings hätte die zukünftige Gesellschaft nicht nur genetische Rechte, sondern auch genetische Pflichten! Zusammengefasst proklamiert das Manifest einige Punkte (siehe Fakten).

Die Praxis – wer darf, und wer darf nicht?

Viele reproduktionstechnologische Ideen des Genetiker Manifestes wurden mittlerweile verwirklicht, aber soziale und ökonomische Chancengleichheit aller Menschen sind nach wie vor Utopie. So gehen die künstlichen Reproduktionstechnologien heute den sozialen Veränderungen voran, oder anders gesagt: die soziale Entwicklung hinkt der technologischen hinterher. In diesem Rahmen sind noch viele Fragen offen: Wer darf die Techniken anwenden, wer darf sie in Anspruch nehmen? Soll an Embryonen geforscht werden und wie lange? Wie viele Eizellen dürfen künstlich befruchtet werden und wie viele müssen in den Körper der Frau transferiert werden? Wem soll Pränataldiagnostik empfohlen werden? Wer darf die Ergebnisse genetischer Untersuchungen wissen? Wie lange dürfen Frauen – künstlich oder natürlich – schwanger werden? Und – wer soll/darf all diese Punkte überhaupt beantworten? Internationale oder nationale Ethikkommission versuchen den Spagat zwischen dem individuellen Selbstbestimmungsrecht und den gesellschaftlichen Interessen zu vollziehen. Es stellt sich jedoch auch die Frage, ob Ethikkommissionen eine technologische Entwicklung zu überblicken versuchen und rechtzeitig Regelungen für die Praxis entwickeln oder ob die gesellschaftspolitischen Diskussionen an der technologischen Praxis vorbeizielen. Dies kann anhand der vielen Möglichkeiten vorgeburtlicher Untersuchungen aufgezeigt werden.

Nur sehr wenige Behinderungen sind genetisch bedingt

Neben einer Expansion pränataler Diagnostikmethoden ist auch eine Ausweitung der Klientel festzustellen. Immer mehr und vor allem immer jüngere Frauen beanspruchen die Diagnoseverfahren und scheinen dabei den sich ständig erweiternden Indikationen Rechnung zu tragen. Während vor ca. 20 Jahren für über 40-jährige Frauen eine Schwangerschaft als riskant eingestuft wurde, gilt dies heute bereits für Frauen ab 30. Auch die zunehmende Umweltverschmutzung als mögliches Risiko für das Erbgut legitimiert die Notwendigkeit vorgeburtlicher Untersuchungen. Nun sollen die Rolle des Alters und der Umwelteinflüsse hinsichtlich einer Schwangerschaft nicht beiseite geschoben werden, die Frage ist aber, inwieweit durch Pränataldiagnostik die Gesundheit des zukünftigen Kindes gewährleistet werden kann.

Nur sehr wenige Behinderungen sind genetisch bedingt

Nur 4,3 Prozent der Behinderungen sind genetisch bedingt, der Rest kann während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder im Laufe des Lebens eintreten. Eine Münchner Untersuchung ergab, dass 50 Prozent der Frauen, die eine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen ließen, keinen Zweifel mehr an der Gesundheit ihres Kindes hegten. Verwunderlich, denn pränatale Diagnostik kann keineswegs alle Krankheiten erkennen. Paradox ist auch, dass manche vorgeburtlichen Untersuchungsmethoden selbst eine Gefahr für das Kind bergen.
Trotzdem werden pränatale Untersuchungen als Rechte eingefordert, als Rechte, welche die schwangere Frau, aber auch der Embryo(!) in Anspruch nehmen können. Ärzte und Ärztinnen lassen sich bestätigen, schwangere Frauen auf die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik aufmerksam gemacht zu haben, mussten sich doch schon einige vor Gericht verantworten, weil sie nicht nachdrücklich genug darauf hingewiesen hatten. Sofern Letzteres der Fall ist, laufen Gynäkologinnen und Gynäkologen Gefahr, zumindest Mitverantwortung für ein krankes oder behindertes Kind zu tragen und eventuell Alimentationszahlungen leisten zu müssen.

Bereits Fälle in den USA und Deutschland

Schon 1989 wurde in Deutschland eine Ärztin zu lebenslangen Unterhaltszahlungen für ein behindertes Kind verurteilt, weil sie die Mutter nicht eindringlich genug auf die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Untersuchungen hingewiesen hatte. Das Oberste Gericht in Washington D.C., USA, verkündete bereits 1983, dass Ärzte die Pflicht haben, ihre Patientinnen über die Wahrscheinlichkeit genetisch defekter Kinder aufzuklären. Die Richter begründeten dies mit dem gesellschaftlichen Interesse und dem Ziel, die genetische Beratung und die pränatalen Diagnostik zu verbreiten. Doch das Pendel schlägt zurück: Auch werdende Mütter müssen sich längst Vorwürfe über einen für ihr ungeborenes Kind ungesunden Lebenswandel gefallen lassen. Gerichtliche Verurteilungen als Folge eines für den Embryo schädlichen Lebensstils sowie präventive Anstaltsverwahrung von Schwangeren zum Schutz des Ungeborenen oder Entmündigung von Frauen, die sich gegen einen operativen Eingriff an ihrem Embryo wehren, sind Praxis. Zu den rechtlichen Aspekten gesellt sich noch ein finanzieller Gesichtspunkt: 1990 geisterte der Fall der Lucy Barnes aus den USA durch die Medien. Das Mädchen war an Zystischer Fibrose erkrankt. Im Rahmen dieser Erkrankung kann bereits ein einfacher Schnupfen eine tödliche Lungenentzündung hervorrufen. Im Falle eines zweiten Kindes mit derselben Krankheit drohte die Versicherung der Familie Barnes, keine Kosten mehr zu übernehmen. Die einzig sichere Garantie einer Versicherungsleistung war somit eine vorgeburtliche Untersuchung zur Feststellung einer etwaigen Erkrankung sowie gegebenenfalls eine darauf folgende Abtreibung gewesen.

Fragen und keine Antworten

Die Rechte von Frauen, von Embryonen und schließlich auch jene von Versicherungsgesellschaften geraten somit zwangsläufig in Konflikt. Wessen Rechte haben Vorrang? Kliniken, die Pränataldiagnostik anbieten, klagen über mangelnde Beratung der Klientinnen und sehen sich überfordert, mit diesen die Folgen der Untersuchungen abzuklären. Manche Anstalten teilen das Geschlecht des Kindes erst nach Ablauf der gesetzlichen Abtreibungsfrist mit. Aber mit welchem Recht wird zukünftigen Eltern die Information über das Geschlecht des Ungeborenen vorenthalten, sind derartige Informationsbedürfnisse nicht der Preis einer ständig zunehmenden Angebotspalette von pränatalen Diagnoseverfahren? Wie kann dieselbe Wissenschaft an einem Tag euphorische Erfolgsmeldungen über die gelungene Suche nach einem bestimmten Gen verbreiten und danach den moralischen Zeigefinger erheben?
Begeben wir uns, in Erinnerung an das Genetiker Manifest, wieder 70 Jahre zurück, in dem die bewusste Steuerung einer selektiven Fortpflanzung gefordert wurde. Schauen wir außerdem auch 20 Jahre zurück: HUGO, kein Vorname, sondern die Abkürzung für Human Genome Organization, das menschliche Genomprojekt, das Jahrtausendvorhaben, in dessen Rahmen weltweit Projekte um die Entschlüsselung des menschlichen Genoms wetteifern, legte seine Ziele dar: Die menschliche Fortpflanzung verursache – ohne Zuhilfenahme genetischer Daten über die Risiken einer Krankheitsübertragung – eine hohe Sterblichkeit und hohe medizinische Kosten. Eine Alternative: Die Aufklärung und Ermutigung von Trägerinnen und Trägern potenziell schädlicher Gene, sich entweder mit Nichtträgern zu paaren oder andere reproduktive Strategien, beispielsweise künstliche Befruchtung, als Mittel der Fortpflanzung zu benutzen.

 Fakten

Mehr zum Thema unter
www.aurelia-weikert.at

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