zur Navigation zum Inhalt
 

Der Gynäkologe, ein Weltmann

Der Gynäkologe, er muss vor allem ein Mann von Welt sein und das Französische beherrschen. Das empfahl zumindest Anfang des 19. Jahrhunderts Elias von Siebold, ordentlicher Professor der Medicin und Entbindungskunde auf der Universität zu Würzburg.

„Der Körper des Weibes ist durchaus mehr gerundet, seine Formen sind milder und sanfter, der Umriss seiner Erhöhungen und Ausbeugungen mehr hervortretend und schöner; die Züge feiner, seine Stellungen und Bewegungen haben mehr geschmeidige Leichtigkeit…“ So enthusiasmiert und poetisch hat einmal ein deutscher Gynäkologe über seine Klientel gesprochen, der Großherzogliche Medizinalrath Elias von Siebold, und zwar in seinem berühmten Handbuch zur Erkenntnis und Heilung der Frauenzimmerkrankheiten, 1811 erschienen.
Und nicht nur über seine Frauenzimmer hat sich Siebold ausgelassen, sondern auch über seine Berufskollegen. Der Gynäkologe hat seiner Ansicht nach eine Reihe von Eigenschaften an den Tag zu legen. So soll er beispielsweise von angenehmem Äußeren sein. Gilt es doch, „dem „feineren Geschmacke, dem höheren Grad von Empfindung, dem ausgezeichneten Sinn für das Schöne und Regelmäßige“ der Frauen gerecht zu werden. Daher auch unerlässlich: eine gewisse Delicatesse und Souveränität im Auftreten.
Der Arzt von Welt
Nur der Polyglotte, so Siebold, nur der Weltmann, der sein tumbes Deutsch zu verfremden verstehe, sei befugt, sich Gynäkologe zu nennen: „Bei gebildeten deutschen Frauenzimmern vom Stande empfiehlt sich übrigens den Arzt sehr die Fertigkeit in einer ausländischen Sprache, vorzüglich in der französischen, so werden sie bei Erkundigung nach gewissen Dingen, wodurch man der weiblichen Schamhaftigkeit zu nahe kommt, weit weniger erröthen und Zurückhaltung zeigen, wenn man die Frage ganz in französischer Sprache stellt.“ Gynäkologen hatten also weltläufige Herren zu sein, Explorationen, kundig nach Stand, Alter und Nation der Klientel modifiziert (wobei auch die „verworfensten Freudenmädchen“ Anspruch auf Achtung und Dezenz hätten!), glichen offenbar Causerien, in denen das Wichtigste von beiden Seiten im geheimen Wechselspiel eher zu erraten als mittels plumper Diagnostik formuliert werden sollte.
Was, ließ Siebold wissen, könne es für einen Frauenarzt Schöneres geben als eine Patientin von Geist und Charakter: „Bei anstrengender häufiger Praxis wiederholt man solche Besuche umso lieber, als sie nach vieler Ermüdung wirklich Erholung gewähren.“
Kurzum: Ein Gynäkologe zu Beginn des 19. Jahrhunderts war alles in einem: medizinischer Fachmann, maître grandparleur und Sachkenner in psychologicis. „Diese Eigenschaften“, so Siebolds Fazit, „in Verbindung mit einer gefälligen angenehmen Sprache, einer edlen und bescheidenen Dreistigkeit, schonender Discretion, gefälliger Willfahrung vorgelegter Bitten, so bald diese nicht schadet, ein gewisses Entgegenkommen, ein empfehlendes Äußeres mit genehmen Manieren, werden den Frauenzimmerarzt umso leichter zum Zweck führen und haben diesem schon so oft grenzenlose Hochachtung, innige Freundschaft und Liebe der Kranken erworben.“

Quelle: Walter Jens: „Damenmänner. Von Siebold bis Rummschüttel – ein literarischer Blick zurück in jene Zeit, als die Frauenheilkunde noch Männersache war.“ Die Zeit Nr. 50/1990

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 38/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben