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Frauenheilkunde braucht Rechtssicherheit

Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe im Interview über HPV, Hormonersatztherapie sowie die ethischen und moralischen Grundsätze in der Gynäkologie.

Gerade die Gynäkologie und Geburtshilfe muss, jenseits der medizinischen Aspekte, auch das psychosoziale Umfeld der Patientinnen mit einbeziehen. Aufgrund zunehmender Spezialisierung betritt diese Fachdisziplin jedoch auch Bereiche, die in einem ethischen und rechtlichen Graubereich angesiedelt sind. Die Ärzte Woche sprach mit dem amtierenden Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) Doz. Dr. Walter Neunteufel, Leiter der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus Dornbirn, über aktuelle Entwicklungen im Bereich der Frauenheilkunde und damit verbundenen Problemen.

Sie sind seit einem halben Jahr als Präsident der OEGGG tätig. Welche Aufgaben erwarten Sie in Ihrer Amtsperiode?
NEUNTEUFEL: Ein Kernanliegen unserer Gesellschaft ist die Ausbildung unserer jungen Kollegen. Unter der Leitung unseres Pastpräsidenten Prim. Dr. Wolfgang Stummvoll gründen wir die OEGGG-Akademie. Sie begleitet Ärzte und Ärztinnen bei der Ausbildung zum Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Seminaren, auch in Hinblick auf die Facharztprüfung. Mit kommendem Herbst werden die ersten Veranstaltungen angeboten, zunächst in Linz, später auch bundesweit.

Ihr Vorgänger hat sich sehr für das Qualitätsmanagement in der Frauenheilkunde eingesetzt. Wird dieser Kurs fortgesetzt?
NEUNTEUFEL: Im Bereich des Qualitätsmanagements konnte die OEGGG eine Menge erreichen. Vor allem in der gynäkologischen Onkologie und in der Geburtshilfe, etwa über das Geburtenregister, konnten wir Qualitätssteigerung unterstützen. Wir arbeiten in unserem Fachgebiet diesbezüglich auf einem sehr hohen Level. Natürlich sind Verbesserungen immer möglich, schließlich versteht sich Qualitätssicherung nicht als Ziel, sondern als Reise, die ein ganzes Arbeitsleben lange andauert.

Sie führen zurzeit die letzten Vorbereitungen für die Jahrestagung durch …
NEUNTEUFEL: Dies ist ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt in der Arbeit der OEGGG: Die Planung und Durchführung unserer Jahrestagung, die diesmal in Dornbirn stattfindet. Heuer werden besonders viele interaktive Veranstaltungen, Seminare und Expertensitzungen für niedergelassene Frauenärzte und Assistenten angeboten. Es wird ein didaktisch sehr anspruchsvolles Programm. Wissenschaftliche Schwerpunktthemen sind neben der „Frühgeburt“ z.B. auch jene Aspekte, die sich für unser Fach aus der Migration ergeben.
Im Jahr 2009 ist die gemeinsame Jahrestagung der Bayerischen und Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wien geplant.

Der Festvortrag der diesjährigen Tagung in Dornbirn trägt den Titel „Migration: Europa steht vor der Wahl“. Warum wurde das Thema gewählt?
NEUNTEUFEL: Wir konnten den bekannten Journalisten Dr. Paul Schulmeister für diesen Festvortrag gewinnen. Migration ist ein Thema, das Österreich derzeit stark beschäftigt, und das wird wohl auch in den kommenden 20 Jahren so bleiben. Vor allem die Geburtshilfe ist den Menschen ganz nahe und damit auch nahe an den Migrantinnen. Die Betreuung dieser Frauen erfordert besonderes Einfühlungsvermögen und Fachwissen. Auch im Rahmen des wissenschaftlichen Programms der Jahrestagung werden die speziellen geburtshilflichen Herausforderungen, die daraus resultieren, beleuchtet: Es geht um Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen für Frauen aus nicht-europäischen Ländern, Migrationshintergründe und nicht zuletzt um die Genitalverstümmelung, die bei Frauen aus dem afrikanischen Raum eine große Thematik darstellt. Die Universitätsfrauenklinik Innsbruck präsentiert dieses Gebiet in Dornbirn.

Wird aufgrund der wachsenden Anforderungen eine Trennung von Gynäkologie und Geburtshilfe thematisiert?
NEUNTEUFEL: Das Gesamtfach Frauenheilkunde ist ein erfolgsträchtiges Konzept für die Zukunft. Gynäkologie und Geburtshilfe richten sich naturgemäß an die Zielgruppe Frauen und sind untrennbar miteinander verbunden. Es ist zwar aufgrund der medizinischen Fortschritte und der Qualitätssicherung notwendig, Subspezialisierungen wie die „gynäkologische Onkologie“ oder die „Reproduktionsmedizin“ zu etablieren – alles jedoch innerhalb des Gesamtfaches. Auch die Schwerpunktbildung ist ein wichtiger Trend: Landesweit strukturell verankerte Spezialabteilungen, wie etwa Perinatalzentren, bieten die Möglichkeit, auch seltene Erkrankungen auf hohem Niveau zu diagnostizieren und zu behandeln. Gerade in der Perinatalmedizin konnte die Morbidität und Mortalität von kranken Neugeborenen und Frühgeborenen durch die zunehmende Spezialisierung gesenkt werden. Die Zusammenarbeit zwischen Geburtshelfern und Kinderärzten der Neugeborenenintensivstationen funktioniert dabei bestens.

Die Pränataldiagnostik wirft jedoch auch rechtliche Probleme für die Fachärzte auf …
NEUNTEUFEL: Hier hat sich die Frauenheilkunde auf ein Gebiet begeben, in dem die ethische Grundeinstellung der Gesellschaft eine große Rolle spielt. Und leider sind Gesetzgeber und Gesundheitspolitik hier seit Jahren säumig, es besteht dringender Handlungsbedarf. Es kann nicht sein, dass wir Frauenärzte in Rechtsunsicherheit agieren und deshalb jederzeit mit Klagen rechnen müssen. Jüngste Urteile aus dem Bereich der Pränataldiagnostik des Obersten Gerichtshofes sollten so nicht passieren! Auch Ärzte haben einen Anspruch auf ein Arbeiten im rechtssicheren Raum. Nicht die Rechtssprechung, sondern die Gesetzgebung sollte die Rahmenbedingungen für ärztliches Handeln schaffen.

Ein ähnlich heißes Thema stellt die HPV-Impfung dar. Wie lautet die offizielle Empfehlung der ÖGGG?
NEUNTEUFEL: Es gibt bis heute nicht den geringsten Hinweis darauf, dass beobachtete Krankheits- und Todesfälle in einem medizinisch gesicherten Zusammenhang mit der Immunisierung stehen. Aus Sicht der OEGGG ist diese Impfung nach wie vor als empfehlenswert einzustufen. Zum Thema Prävention wird es bei der Jahrestagung eine, so meine ich, spannende wissenschaftliche Sitzung geben.

Die Urologen bemängeln – oft als Männerärzte abgestempelt –, zu wenig Mitspracherecht bei den weiblichen Patienten zu besitzen.
NEUNTEUFEL: In der Praxis gibt es tatsächlich eine Reihe von Berührungspunkten der beiden Fachgebiete, sodass nicht immer klar scheint, in wessen „Zuständigkeitsbereich“ eine bestimmte Erkrankung fällt. Ich selbst empfinde die Kooperation mit den urologischen Kollegen als sehr fruchtbringend und zielführend. Jenseits der Fachgrenzen ist hier jene Disziplin gefragt, die für die Frau die beste Versorgung bietet.

Welche senologischen Aspekte werden beim Kongress in Dornbirn beleuchtet?
NEUNTEUFEL: Eine wichtige Hauptsitzung, gestaltet von der Wiener Universitätsfrauenklinik, widmet sich der Behandlung von Brustkrebs bei jungen Frauen, und die Grazer Frauenklinik präsentiert „familiär gehäuftes Mammakarzinom“. Als nach wie vor häufigste bösartige gynäkologische Erkrankung stellt die Behandlung des Mammakarzinoms eine besondere Herausforderung für uns dar: Schonende Operationsmethoden, Chemotherapie und Hormontherapie im Rahmen von zielgerichteten, individuellen Behandlungskonzepten. Und auch hier kommt der Qualitätssicherung in Form von Brustgesundheitszentren und affilierten Zentren eine wesentliche Bedeutung zu, um den Frauen die beste zur Verfügung stehende Therapie zukommen zu lassen. Aber auch die Allgemeinmediziner spielen dabei eine tragende Rolle, vor allem in der Früherkennung und Nachbetreuung.

Hinsichtlich der Prävention des Mammakarzinoms empfehlen Sie die Ausweitung des Screenings in Österreich?
NEUNTEUFEL: Von meiner Seite gibt es ein klares Bekenntnis zum Brustkrebsscreening durch Mammographie. Es könnte jedoch ein noch größerer Benefit erzielt werden, da das derzeit praktizierte opportunistische Screening eigentlich nicht ausreichend ist. Ich persönlich erachte organisiertes Mammakarzinomscreening als Weg der Zukunft.

Wie ist der derzeitige Stand bei der Hormonersatztherapie (HRT)?
NEUNTEUFEL: Die HRT ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine voreilige Fixierung auf einige wenige Studien Schaden anzurichten vermag. Nach all den Wirren der vergangenen Jahre kann man sagen, dass die Hormonersatztherapie für einige Frauen mit schweren Wechselbeschwerden sehr wichtig ist und eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt. Eine kritiklose Anwendung sollte freilich vermieden werden, klug eingesetzt ist die HRT von Nutzen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 38/2002

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