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Römisches Roulette (Narrenturm 139)

Obwohl die Methode der Empfängnisverhütung nach „Knaus-Ogino“, das Tagezählen, zwar die billigste, leider aber auch die unsicherste Verhütungsmethode ist, ermöglichte diese bahnbrechende Entdeckung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage erst, den weiblichen Zyklus zu verstehen. Damit war der Grundstein für die modernen Methoden der Verhütung und Familienplanung gelegt. Nach der Definition der WHO gehört die Kalendermethode heute jedoch wegen ihrer Unzuverlässigkeit nicht mehr zur natürlichen Familienplanung.

 Rechenschieber
Ein Rechenschieber aus der Sammlung von Zyklus-Kalendern, mit der zeugungswillige oder -unwillige Paare die gewünschten Tage leicht berechnen können, erinnert in der Schausammlung des Narrenturm an den weltberühmten österreichischen Frauenarzt und die wegen ihrer Unzuverlässigkeit berüchtigte „Knaus-Ogino“-Methode.

Foto: Regal/Nanut

Im Mai 1928 beobachtete der Grazer Gynäkologe Hermann Knaus (1892–1970) bei der Durchleuchtung am Röntgenschirm zeitweise kräftige Bewegungen der menschlichen Gebärmutter und zu anderen Zeiten wiederum nur eine entspannte, schlaffe Muskulatur. Ein Jahr vorher hatte er bereits Grundlegendes entdeckt: „An diesem Tag beobachtete ich zum ersten Male an der Gebärmutter des schwangeren Kaninchens eine damals noch unbekannte Funktion des Gelben Körpers, nämlich seine Aufgabe, die Pituitrin-Empfindlichkeit der Gebärmuttermuskulatur auszuschalten und damit diese für eine ungestörte Entwicklung des Eies ruhigzustellen.“
Durch seine Versuche am Kaninchen kam Knaus zu der Erkenntnis, dass der Eisprung zu festgesetzten Terminen erfolgte und diese Reaktion der Gebärmuttermuskulatur bei Kaninchen genau 22 Stunden nach dem Eisprung auftrat. Durch die graphische Registrierung der menschlichen Uterusbewegungen erkannte er später, dass der Gelb­körper auch beim Menschen – beginnend zwölf Tage vor der nächsten Menstruation – einen Einfluss auf die Muskulatur der Gebärmutter hat.
Durch exakte Aufzeichnungen seiner Patientinnen über ihre Menstruation konnte er folgern, dass zwischen dem Wirksamwerden des Gelbkörpers und dem Eisprung maximal 48 Stunden liegen. Da der Zyklus des Gelbkörpers sehr regelmäßig abläuft, mussten nach seinen Berechnungen zwischen dem Eisprung und der nächsten Menstruation „exakt“ 14 Tage liegen. Heute weiß man allerdings, dass die Schwankungsbreite viel größer ist.

Verblüffte Fachwelt

Seine neuen Erkenntnisse stellte der damals noch unbekannte Gynäkologe aus Graz 1929 auf einem Gynäkologenkongress in Leipzig vor. Er verblüffte damit die Fachwelt und wurde mit einem Schlag weltberühmt. Sein Buch Die Periodische Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Weibes – Der Weg zur natürlichen Geburtenregelung erschien 1934 im Verlag von Wilhelm Maudrich in Wien. Etwa zeitgleich und völlig unabhängig von Knaus publizierte der japanische Gynäkologe Kyusaku Ogino (1882–1975) eine Berechnungsmethode, mit der er fast zu denselben Ergebnissen wie Knaus kam. Ihre Berechnungen führten beide zu einer Theorie über die Periode der Fruchtbarkeit der Frau und bildeten die Grundlage für die berühmt-berüchtigte Verhütungsmethode nach „Knaus-Ogino“. Drei wesentliche Erkenntnisse verdankt die Welt dem österreichischen Gynäkologen: Weibliche Eizellen sind nicht permanent empfängnisbereit, zwischen Eisprung und folgender Menstruation liegt ein konstanter Zeitabschnitt und männliche Samenzellen sind nur etwa fünf Tage befruchtungsfähig.
Paare hatten somit erstmals die Möglichkeit, durch eine vermeintlich sichere Methode ganz ohne mechanische oder chemische Hilfsmittel eine Schwangerschaft zu verhüten. Jedoch nicht nur moralische Bedenken sprachen damals gegen die Kalendermethode. Die Nationalsozialisten verboten 1934 Knaus‘ Buch, das Thema Verhütung war unerwünscht. Die deutsche Frau sollte ja die heldenhafte Mutter sein. Allerdings nur so lange, bis die Machthaber bemerkten, das man die neuen Erkenntnisse auch umgekehrt anwenden konnte und Soldaten die Aufforderung erhielten, ihren Heimaturlaub an den empfängnisbereiten Tagen ihrer Frauen zu planen.

So unzuverlässig wie Koitus interruptus

Eine „todsichere Art der Empfängnisverhütung“, wie Knaus gerne behauptete, ist seine Methode jedoch keineswegs. Die Versagensquote liegt bei etwa 40 Prozent. Ähnlich unzuverlässig ist nur noch der Koitus interruptus. Die Methode nach „Knaus-Ogino“ hat deswegen den Spitznamen „Römisches Roulette“ bekommen. Erstens ob ihrer Unsicherheit und zweitens, weil sie am 29. Oktober 1951 von Papst Pius XII. in einer Rede vor dem katholischen italienischen Hebammenverein neben der Enthaltsamkeit zur einzig tolerablen Methode der Empfängnisverhütung erklärt wurde. Das war für den gläubigen Katholiken Hermann Knaus sicher seine größte Auszeichnung.

Wenig Anerkennung in Österreich

Die Pille – für ihn ein „das unbeherrschte Sexualleben freigebendes Instrument“ – lehnte Knaus aus medizinischen und moralischen Gründen ab, und es besteht „kein Zweifel“, dass er durch eine von ihm abgegebene Expertise für den Vatikan „maßgeblich an der Ablehnung der Pille“ durch die katholische Kirche 1968 beteiligt war. Knaus erhielt zwar 1962 die Ehrenmedaille der Stadt Wien – er war 1950 bis 1960 Ordinarius der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung des Krankenhauses der Stadt Wien Lainz –, sonst war die Anerkennung in Österreich aber nicht vergleichbar mit jener, die er international genoss.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 16/2008

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