zur Navigation zum Inhalt
 

Der Kayserliche Schnitt (Narrenturm 134)

Jahrhunderte lang endete ein Kaiserschnitt letal für die Mutter. Heute sind die Komplikationen für Mutter und Kind bei der geplanten Schnittentbindung möglicherweise sogar geringer als bei einer normalen Geburt. Die medizinisch nicht indizierten Schnittentbindungen, sogenannte „Wunschsectiones“, nehmen heute stark zu (die Ärzte Woche berichtete): In den Industriestaaten kommt bereits jedes vierte Kind per Kaiserschnitt zur Welt.

Der Legende nach soll Julius Caesar (100–44 v. Chr.) aus dem Bauch seiner Mutter geschnitten worden und so zum Namensgeber für diese elitäre geburtshilfliche Operation geworden sein. Wie viele Legenden ist auch dieser Mythos ganz einfach falsch. Caesars Mutter Aurelia starb erst 54. v. Chr., damit hätte sie die Sectio überlebt, was medizinhistorisch für diese Zeit absolut nicht zu belegen ist. Wahrscheinlicher klingt die Variante, dass der Begriff auf das lateinische Wort caedere – schneiden – zurückgeht. Möglicherweise aber auch auf das römische Gesetz „lex regis“, das später „lex caesarae“ bezeichnet wurde. Nach diesem Gesetz durfte eine schwangere Frau nach ihrem Tod nicht beerdigt werden, ehe ihr die Leibesfrucht herausgeschnitten wurde.

Ohne Nabelschnur

Zweifellos ist die „Unbefleckte Geburt“ in Mythen und Sagen ein Fingerzeig für göttliche Abstammung und eine bedeutende Zukunft. Für Götter, Helden, Heilige, Propheten und Herrscher war es anscheinend nicht ziemlich, auf normalem Weg durch den dunklen engen Geburtskanal – „inter faeces et urinas“ – geboren zu werden. Nicht nur Caesar kam angeblich „unbefleckt“ zur Welt. Auch Indra, der oberste vedische Gott der Inder, wollte „quer zur Seite herausgehen“, und auch Buddha kam rein und unbefleckt aus der rechten Seite seiner Mutter Mâyâ. In der griechischen Mythologie erblickten etwa Dionysos und Asklepios auf diese Weise das Licht der Welt und im persischen Nationalepos wird der Held Rustem durch eine Schnittentbindung geboren. Aber auch der „Sohn des Bösen“, der Antichrist des neuen Testaments, wurde praktisch schon als kleiner Erwachsener durch einen Kaiserschnitt entbunden.
Zahlreiche Miniaturen in illuminierten Handschriften „belegen“ diese Geburten, bei denen die meist schon recht reifen Kinder unblutig und sauber aus der rechten oder linken Flanke der Mutter entwickelt werden. Amüsanterweise ist bei keiner einzigen dieser Geburten eine Nabelschnur zu sehen, was stark dafür spricht, dass kein Zeichner eine normale Geburt, geschweige denn eine Sectio, je gesehen hat.
Erst unter dem Einfluss des Christentums und mit der Lehre, dass der Foetus schon bei seiner Zeugung beseelt sei – im alten Rom wurde das Ungeborene bei Rechtsstreitigkeiten nicht als Mensch, sondern als Teil der Mutter angesehen –, kam es zu Verordnungen, dass beim Tod einer Schwangeren ihr Leib zu öffnen und das Kind, um ihm das ewige Seelenheil zu sichern, zu taufen sei. Problematisch dabei war, dass die Ärzte aus Angst, versehentlich einen Kaiserschnitt an einer Lebenden durchzuführen, nach dem Tod der Mutter normalerweise viel zu lange auf eindeutige Todeszeichen warteten. Die kindliche Mortalität lag bei der Sectio an einer Toten daher bei etwa 99 Prozent.

Wie ein Parasit

Geburtshelfer nahmen damals auch an, dass der Foetus nach dem Tod der Mutter noch eine Zeitlang schmarotzend wie ein Parasit weiterleben würde. Berühmte Chirurgen empfahlen in ihren Schriften nicht nur die Schnittführung bei der Sectio, sondern auch das Offenhalten des Gebärmuttermundes, damit das Kind genügend Luft bekäme. Später empfahlen gelehrte Bücher auch das Offenhalten des Mundes der toten Mutter. Vielleicht durch einen Schreibfehler – aus dem „Muttermund“ wurde möglicherweise in einer Übersetzung der „Mund der Mutter“ – oder aber durch die seit Hippokrates verbreitete Vorstellung, dass es eine direkte Verbindung zwischen Uterus und dem Mund gibt. Da aber auch geburtshilfliche Autoritäten phantastischen Berichten glaubten, nach denen Kinder noch nach Tagen, ja sogar nach Wochen lebend aus der toten Mutter zur Welt gebracht werden konnten, änderte sich an der kindlichen Mortalität lange Zeit nichts. Noch 1839 glaubten Geburtshelfer, dass auch 24 Stunden nach dem Tod der Mutter noch Hoffnung auf ein lebendes Kind bestehe.
Da das Leben der Mutter immer Vorrang gegenüber dem des Kindes hatte, war für die meisten Geburtshelfer und Chirurgen die Sectio an einer lebenden Frau – die Ursachen für die katastrophal hohe Sterblichkeit des Kaiserschnitts waren die Blutung und, da man den Uterus nicht vernähte, die Peritonitis – bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Wagnis, das man nur im äußersten Notfall einging. Von der Ultima Ratio zum Kaiserschnitt auf Wunsch war noch ein langer und – vor allem für die Mütter – leidvoller Weg zurückzulegen. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 11/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben