zur Navigation zum Inhalt
 

„Schneydung“ an lebenden Frauen (Narrenturm 135)

Einmal abgesehen von den legendären, wenig glaubhaften Schnittentbindungen der Götter, Propheten, Heiligen oder Kaiser, die „unbefleckt von urin et faeces“ auf die Welt kamen, gibt es seit dem 16. Jahrhundert immer wieder anekdotische Berichte über erfolgreiche Kaiserschnitte an lebenden Frauen.

 Schneydung
„Wie einem Schwein“ wurde den Frauen der Bauch aufgeschnitten.

Foto: Nanut/Regal

Am bekanntesten ist jene Geschichte, die der vielseitige Anatom und Botaniker Caspar Bauhin (1560–1624) berichtet: Um 1500 soll der Schweineschneider, Kastrator oder Kaponenmacher – er kastrierte Schweine, damit sie schneller fett wurden – Jacob Nufer in Siegershausen im Schweizer Kanton Thurgau den Kaiserschnitt an seiner Frau gewagt haben, nachdem es 13 Hebammen und etlichen Barbieren nicht gelungen war, sie von ihrem Kind zu entbinden. Aus der durchaus berechtigten Angst, dass seine Frau unter der Geburt stirbt, holte er die Einwilligung zunächst des Prälaten und dann seiner Frau ein und schritt dann tollkühn zur Tat. Er legte sein Weib auf den Tisch und mit „Gottes Hülff und Beystand“ schnitt er ihr – „nicht anders als einem Schwein“ – den Leib auf. Gleich der erste Schnitt ging so „wol und glücklich“, dass man das Kind „gantz und unverletzt alsobalden hat herauß nemmen“ können. Der Eingriff gelang. Mutter und Kind blieben am Leben. Angeblich gebar die Frau danach noch Zwillinge und vier weitere Kinder. Bauhin zeichnete die Geschichte aber erst etwa 80 Jahre später auf. Sie ist also mit Vorsicht zu genießen, weil höchst unwahrscheinlich.
Ein besser dokumentierter Kaiserschnitt – er gilt als der erste schriftlich belegte an einer lebenden Frau – fand 1549 in Wien statt. Allerdings war das Kind im Leib der Frau angeblich seit vier Jahren tot. Als sich unter dem Nabel der Frau eine Fistel öffnete, aus der übel riechender Eiter austrat und in der man ein Kindsteil sah, entschloss man sich am 10. November 1549 zur Operation.

Uterus bis zum Knie

Der Stadtchirurg Paul Dirlewang führte den Eingriff unter der Aufsicht des Mediziners Dr. Matthias Cornax durch. Die Patientin Margarete Wolcer überlebte. Der am besten dokumentierte Fall aus der Frühzeit der Schnittentbindung ist der Kaiserschnitt an der Patientin Ursula Opitz in Wittenberg. Er fand in Anwesenheit von drei Medizinprofessoren der Universität Wittenberg am 21. April 1610 statt. Die Operation führte der Wundarzt Jeremias Trautmann durch. Es gelang ihm bei der Patientin, die durch einen Unfall einen Bauchdeckenbruch erlitten hatte – am Ende der Schwangerschaft hing der Uterus im Bruchsack bis zum Knie der Patientin und eine normale Entbindung war damit unmöglich – ein lebendes Kind zur Welt zu bringen. Wie damals üblich wurde die Uteruswunde offen gelassen und nur die Bauchdecke darüber vernäht. Mutter und Kind schienen gerettet. Aber plötzlich, am 25. postoperativen Tag, wurde die Patientin ohnmächtig und starb innerhalb kürzester Zeit. Bei der sofort durchgeführten Sektion fand sich jedoch kein Zusammenhang mit dem Kaiserschnitt. Das Kind entwickelte sich zunächst normal, starb dann aber im Alter von neun Jahren.
„Mörder und Menschenfresser“ nannten militante Gegner des Kaiserschnittes noch im 18. Jahrhundert jene Geburtshelfer, die eine Sectio an lebenden Frauen wagten. Die häufigsten Ursachen der großen Sterblichkeit bei der Sectio – Statistiken sprechen bis Ende des 19. Jahrhunderts von 45 bis nahezu 100 Prozent – waren Blutungen und die Peritonitis. Ursache der Bauchfellentzündung war natürlich in den meisten Fällen der Uterus, der üblicherweise nicht vernäht wurde. Schuld daran war die erste Monographie über den Kaiserschnitt des französischen Arztes Francois Rousset (1535–?), die 1581 in Paris erschien.

Schädliche Naht

Nach Rousset sollte der Uterus nicht genäht werden, da seine Retraktionskraft groß genug sei und eine Naht daher nur schädlich wäre. Auch hielt er die Gefahr einer Blutung für gering, da das Kind während der Schwangerschaft den größten Teil des mütterlichen Blutes verbrauche und der Rest in Milch umgewandelt werde. Erstaunlich dabei ist, dass diese Irrlehre – der Theoretiker Rousset hat weder selbst jemals einen Kaiserschnitt durchgeführt, noch war er jemals auch nur Zuschauer dabei – 300 Jahre lang für bare Münze genommen wurde. Erst der Mailänder Gynäkologe Eduardo Porro (1842–1902) erkannte, dass die offene Gebärmutter die Hauptquelle für die Peritonitis war. Mit seiner Operationsmethode führte er 1876 den Wendepunkt in der Geschichte des Kaiserschnittes herbei. Seine Vorgangsweise war zwar grob verstümmelnd – er amputierte den Uterus nach dem Kaiserschnitt supravaginal –, verhinderte aber die Peritonitis und rettete damit vielen Müttern das Leben. Die Einsicht, dass es auch möglich war, mit einer exakten Naht die Uteruswunde zu verschließen und damit eine Primärheilung des Organs zu erreichen, kam erst später. Durch die etwa zur gleichen Zeit aufkommende Anti- und Aseptik, die Verbesserung von Operationstechniken und Narkoseverfahren konnte dem Kaiserschnitt allmählich seine Gefährlichkeit genommen werden.

Wählbare Alternative

Die Komplikationen sind heute mit denen einer normalen Entbindung vergleichbar und die Sectio aus nicht medizinischen Gründen wird vielfach bereits als wählbare Alternative zur Spontangeburt gesehen. Die Angst vor dem Kaiserschnitt – im Volksglauben lange Zeit eine der schwierigsten und größten Operationen, da das Leben zweier Menschen auf dem Spiel stand – ist heute verschwunden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 12/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben