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Ambulante Geburt: Risiko oder Erholung?

Pro

Wenn Mutter und Kind nach Einschätzung von Hebammen und Gynäkologen nach der Geburt vollkommen gesund sind – dann nichts wie ab nach Hause in die familiäre Geborgenheit.

Sollten Väter zum Thema Geburt etwas sagen? Meiner Meinung nach eigentlich nicht, denn ihr Beitrag dazu ist ein mehr als geringer – selbst wenn die Mutter ein wenig davon profitiert haben mag, dass der Partner bei der Geburt anwesend war. Weshalb ich mich trotzdem zu Wort melde? Weil es auf Anregung der Ärzte Woche dieser Stelle speziell um die Vor- und Nachteile der ambulanten Geburt geht. Ich denke, diese ist für Väter von besonders großem Nutzen.
Auch darauf bin ich nicht von selbst gekommen, sondern weil unsere Wahlhebamme Martina Klasz uns rechtzeitig auf diese Vorteile hingewiesen hat. Konkret geht es bekanntlich darum, dass die Niederkunft selbst im sicheren Umfeld eines Krankenhauses stattfindet, wo alles zur Verfügung steht, falls Komplikationen drohen. Wenn dem nicht so ist und Mutter sowie Kind nach der Geburt gesund sind, weshalb sollte der neue Erdenbürger oder Erdenbürgerin dann die erste Lebenszeit nicht gleich im Schoße und der Geborgenheit der Familie verbringen?

Rasch auf dem Heimweg

Wir beschlossen damals, umgehend den Heimweg anzutreten, falls obige Voraussetzungen nach der Geburt zutreffen und dies der Wunsch meiner Partnerin sein sollte. Das war dann vor gut einem Jahr so, verlief die Niederkunft doch rasch und komplikationslos. Wir packten unser Töchterlein und traten die Heimreise an.
Zurück zu den Vorteilen des ambulanten Gebärens gegenüber einem vier- bis fünftägigen Aufenthalt im Krankenhaus, der wohl nie dasselbe bieten kann – trotz des modernen Rooming-In, bei dem die Kinder im Spital meist oder ständig bei den Müttern sind. Denn zuhause herrscht nach der großen Freude über die Geburt eines Kindes eine Atmosphäre der Ruhe und des stillen Glücks, die so tief und umfassend wohl nur in dieser Zeit erlebt werden kann. Unsere Wahlhebamme hatte dies schon im Voraus trefflich beschrieben: Wer das Neugeborene zuhause hat, lebt während der ersten Tage in einer eigenen kleinen Welt voll Harmonie und Frieden.
Natürlich ist die Geburt für die Mutter sehr anstrengend und schmerzhaft. Deshalb ist es günstig, Verwandte und Freunde um Verständnis zu bitten und darum, dass sie zunächst nicht auf Besuche drängen. Freilich machen sich vor der Niederkunft auch Sorgen breit, ob zuhause alles klappen wird und wie man mit dem Neugeborenen zurechtkommt. Vor allem wenn es das erste ist, so wie bei uns. Doch in den euphorischen Tagen nach der Geburt spielt das alles plötzlich keine Rolle mehr und es gibt wohl kaum Schöneres, als wenn das Kleine dann schon in der ersten Nacht friedlich im Bett zwischen Mama und Papa schlummert. Wer eine Wahlhebamme hat, wird zudem in den ersten Tagen täglich von ihr besucht. Es ist sehr beruhigend, wenn jemand vom Fach zur Verfügung steht, der nach dem Rechten sieht, das ist jeden dafür aufgewendeten Euro mehrfach wert.

Eltern-Sein ist eine Lernaufgabe

Natürlich haben Väter auch mehr Aufwand, wenn Mutter und Kind gleich nach der Geburt zuhause sind. Es sollte sich von selbst verstehen, dass sie während dieser Zeit die gesamte Hausarbeit erledigen. Ein Grund, weshalb die ambulante Geburt für Väter ganz besonders vorteilhaft ist: Das steht im Zusammenhang, ob diese einen engen Kontakt mit dem Kind aufbauen oder lieber möglichst viel der Mutter überlassen wollen.
Falls Ersteres zutrifft, sehen sie nämlich während dieser ersten Tage zuhause, dass auch die Mutter nicht exklusiv die einzige Expertin für das Wohlergehen des Kindes ist. Wie der Vater muss auch sie sich erst einmal an den neuen kleinen Menschen und dessen individuelle Bedürfnisse gewöhnen. Das kann für mehr oder weniger engagierte Papas in diesen Tagen und den späteren Wochen sehr hilfreich sein. Auch wenn die Mama natürlich stets die Mama ist.

Mag. Dietmar Schobel

Contra

Hausgeburten machen in Österreich seit vielen Jahren unverändert nur zwei Prozent aller Niederkünfte aus. Das heißt, die Frauen setzen bewusst auf die Sicherheit des Krankenhauses. Warum also die vertrauensvollen Räume so rasch wie möglich wieder verlassen? Man weiß schließlich nie, wann ein Arzt gebraucht wird.

Freilich, zuhause ist es gemütlicher, aber kann dort postpartalen Schwierigkeiten ebenso effektiv begegnet werden? Und – für den Fall des Falles –, steht die gesamte Spitalsinfrastruktur zur Verfügung, vom operierenden Gynäkologen bis hin zum Neonatologen, der das Neugeborene in Empfang nimmt und sofort optimal versorgt. Das gibt Sicherheit. Und die steht bei werdenden Müttern ganz oben auf der Liste jener Dinge, die sie sich für die Geburt und die Zeit danach wünschen.
Die werdenden Eltern können sich schon Monate vor dem Geburtstermin mit „ihrem“ Entbindungsspital vertraut machen. (Fast) jede Geburtsstation verfügt mittlerweile über verschiedene Möglichkeiten der Entbindung. Die Integration der werdenden Väter in das Geburtsgeschehen gehört da ebenso dazu wie die Einrichtung bequemer Familienzimmer, in denen Platz für die ganze Familie vorhanden ist. Dies sind vertrauenserweckende Maßnahmen, um sich auch nach der Geburt im Krankenhaus nicht fremd zu fühlen.
Eine Mutter kann sich heute aussuchen, wo sie entbinden will. Dementsprechend bieten die Krankenhäuser entsprechenden Komfort für die Gebärende. Etwa das Rooming-In, das heißt, die Mutter kann das Kind bei sich im Zimmer behalten, es jederzeit stillen, selbst wickeln und dabei das Neugeborene und seine Bedürfnisse kennen lernen. Dabei wird sie von Hebammen und Säuglingspersonal unterstützt.

Ein paar Tage Erholung

Und das ist auch ein weiterer wichtiger Grund für die Spitalsgeburt. Schließlich will Mutter-Sein auch gelernt sein. Besonders wichtig ist eine kompetente Stillberatung in den ersten Tagen, bis die Milchproduktion in Gang kommt.
Nicht zuletzt ist der Baby Blues kein unwichtiges Thema: Rund 60 bis 80 Prozent der Frauen sind nach einer Geburt davon betroffen. Sie fühlen sich traurig, weinen viel und haben ein schlechtes Gewissen, weil sie keine Glücksgefühle empfinden. Schließlich ist das große Abenteuer doch geschafft und das Baby auf der Welt. Der Baby Blues ist aber ganz normal. Vermutlich ist die rasante Hormonumstellung nach der Geburt dafür verantwortlich, und zumeist fühlen sich die Frauen nach wenigen Tagen wieder wohl. Im Spital ist die frischgebackene Mutter auch damit nicht allein, kann sich Hilfe holen und sich bestätigen lassen: Alles ganz normal. Das kann schon sehr beruhigend sein.

Stress lass nach

Schließlich kann der Krankenhausaufenthalt für junge Mütter schlicht und einfach auch der Erholung dienen. Die Geburt ist eine anstrengende Sache, die Zeit danach – gestandene Eltern rechnen dafür einen Zeitraum von etwa 20 Jahren ein – wird auch nicht gerade ein Honigschlecken. Was spricht also gegen einige erholsame Tage im Spital, bis Mutter und Kind sich von der Geburtsarbeit erholt und sich aneinander gewöhnt haben? Natürlich ist ein Krankenhaus kein Hotel und ja, es kann störend sein, in den Tagesablauf eines Spitals integriert zu werden. Aber trotzdem ermöglichen die Tage im Spital der jungen Familie ein bisschen Entspannung und Erholung vor dem Alltag mit dem Neugeborenen. Denn die Zeit, die folgt, ist sicherlich stressig genug.

Sabine Fisch

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