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Dermatologie 22. Februar 2008

Die Rolle der Psyche bei Allergien

Von Dr. Renate Simma, Vöcklabruck/Linz

Aus klinischer Erfahrung ist bekannt, dass das Ausmaß allergischer Reaktionen durch psychische Einflüsse mitbestimmt wird. So reagieren disponierte Personen bei oraler Provokation auch mit Placebo mit Haut- und Schleimhautreaktionen. Patienten mit Allergie gegen Chrysanthemen erleiden Asthmaanfälle auch beim Anblick von Papierchrysanthemen usw.
Bei Erhebung der üblichen allergologischen Anamnese wird die „biologische Disposition“ des Individuums berücksichtigt. Es werden IgE-Bestimmungen vorgenommen, und der geschulte klinische Blick ordnet den Patienten der Gruppe der Menschen mit atopischer Diathese zu – oder auch nicht. Aber: Wie kommt es, dass auch Menschen mit erhöhtem IgE-Wert keine allergischen Reaktionen zeigen? Wie erklären wir uns, dass Allergien kommen und gehen? … dass allergische Schübe in unterschiedlicher Intensität verlaufen? … dass Substanzen, obwohl immer gut vertragen, jetzt nicht mehr toleriert werden? Welche Erklärungen haben wir denn für so viele sich spontan zurückbildende allergische Dermatitiden?
Birkenpollen (Nickelionen, Salbengrundlagen …) sind, wie der Großteil der Bevölkerung beweist, an sich kein Problem, sondern eben Birkenpollen und Nickelionen. Was aber macht sie zu einem Problem? – Es liegt wohl am Individuum selber (bzw. im Erleben des Individuums), dass diese Substanzen als Problem, als Allergen erlebt werden.
Was mag in einem Körper vorgehen, der Stoffe, die für andere Individuen völlig harmlos sind, als so bedrohlich empfindet, dass er mit einer ganzen Armada von Abwehrsubstanzen auf sie losgeht?
Es gibt Studien, die ein hohes Vorkommen von leichten bis mittelschweren psychischen Störungen bei 50 von 100 Patienten mit IgE-vermittelter Allergie feststellen.1 Diese Allergiepatienten zeigten ein erhöhtes Risiko, an einer behandlungsbedürfti-gen Panikstörung zu erkranken. Die eigentlichen Ursache und Wirkungszusammenhänge werden hypothetisch diskutiert (mit Konzentration auf vasomotorische Prozesse, Anaphylaxie, Stress und Lernprinzipien – Konditionierung als Prinzip der allergischen Sensibilisierung?).

Beispiel aus der hypnotherapeutischen Arbeit

Ein Mann, der an saisonaler Pollinose lei-det, gibt in der Trancearbeit an, er erlebe im allergischen Zustand die Umwelt als sehr bedrohlich. Es wird ihm ganz eng! Bei der Einladung, die Pollen zu visualisieren, beschreibt er diese wie Geschosse, sehr viele und groß wie Tennisbälle. Der Körper erlebt sich unter Beschuss. So wird auch die überschießende Abwehr als Ausdruck von Angst verständlich: Enge und Angst haben sprachlich ähnliche Wurzeln.
In der Therapie wird in diesem Fall die Einführung eines sicheren Platzes, umgeben von einer Schutzhülle, als sehr hilfreich erlebt. Dadurch wird Raum für den Patienten geschaffen, sein Platz (Atopia: griechisch Ortlosigkeit). Dies geht mit einer spürbaren Erleichterung einher, die Atmung wird ruhiger, der Brustkorb weitet sich – er fühlt sich wohl.
Erweitert man die „klassische“ allergologische Anamnese um die Frage nach psychosozialen Kofaktoren, zeigt sich, dass allergische Reaktionen häufig unter Stresssituationen auftreten. Oft sind sie Ausdruck eines scheinbar nicht lösbaren Dilemmas zwischen Anteilen in mir, die Unterschiedliches wollen und wo (noch) keine andere Lösung gefunden werden kann: Ich will etwas, was nicht geht. Ein Teil ist häufig jener, der für die Pflichterfüllung, die Loyalität gegenüber der (oft Herkunfts-)Familie zuständig ist oder auch für die Seite, die beliebt und angepasst sein will. Die andere jedoch hätte gerne mehr Freiraum, mehr Regression, mehr Bedürfnisbefriedigung, mehr Leichtigkeit und Genuss. Durch den Kampf dieser beiden Seiten kommt es zur inneren Anspannung und Unruhe. Das Immunsystem beginnt zu reagieren.

Fallbeschreibungen aus der dermatologischen Alltagspraxis

Dazu einige Beispiele aus der dermatologischen Alltagspraxis unter (der für mich unverzichtbaren) Miteinbeziehung der psychosozialen Aspekte:
Ein 45-jähriger Mann, der bisher keinerlei Allergien hatte, wird bei einem Segeltörn von einer Biene gestochen und reagiert mit einer anaphylaktischen Schock. Vier Wochen später erleidet er zu Hause wiederum einen Bienenstich – diesmal mit nur geringer Schwellung. An Bord war es sehr konfliktreich – die Spannungen waren beinahe unerträglich. Er konnte sich nirgendwohin zurückziehen, was sonst seine übliche Konfliktlösung ist.

Ein 16-jähriger Junge leidet unter einer plötzlich aufgetretenen Urticaria ohne erklärbare Ursache. Die Eltern haben sich vor kurzem getrennt. Er sieht die Mutter leiden und fühlt sich verpflichtet, sich um sie zu kümmern – er nimmt die Partnerrolle ein. Er verzichtet deswegen auf den sonst so geschätzten Kontakt mit seinen Peers, insbesondere auch auf das heiß geliebte Fußballspielen. Ein gemeinsames Gespräch mit der Mutter bringt Klärung und Entlastung für den Jungen. Die Urticaria verschwindet.

Eine 38-jährige Frau kommt in die Praxis mit einem allergischen Handekzem. Der Epicutantest ergibt eine Typ-IV-Reaktion auf Bestandteile die Pflegesalbe, mit der sie mehrmals täglich das Decubitalulcus der bettlägerigen Mutter behandelt. Die Beziehung zur Mutter ist und war früher schon sehr schwierig – auch jetzt gibt es viele Konflikte. Die Patientin hat drei kleine Kinder, die ebenfalls viel Zeit in Anspruch nehmen.
Die Mutter will nicht, dass fremde Pflegepersonen ins Haus kommen. Da die Hände die weitere Pflege nicht erlauben, muss eine Krankenschwester vom ambulanten Dienst in die Betreuung mit eingebunden werden. Das Handekzem verschwindet prompt und kommt auch nicht wieder, als die Patientin diese Salbe später gelegentlich verwendet. Die Mutter hat die Pflegerin akzeptiert – freut sich inzwischen sogar, wenn diese kommt.

Was sind die (therapeutischen) Konsequenzen?

Oft bringt im Zuge der Anamnese die einfache Frage, welche Erklärung der Patient denn selber habe, dass der Körper so reagiert, wichtige Informationen. Auch finden sich gar manche Patienten in der Frage: „Fällt Ihnen etwas ein zu: Ich will etwas, was nicht geht?“ wieder und schildern ihre schwierige Situation. Ergeben sich in der psychosozialen Anamnese Hinweise auf psychische Belastungen, bei denen kein Ende abzusehen ist, kann die Empfehlung zur Psychotherapie sinnvoll sein.
Eindrücklich werden Erfolge in der psychologischen Behandlung von Allergien im Hildesheimer Gesundheitstraining gezeigt. Darin wurden Patienten mit Birkenpollenallergien entweder durch Hören von Entspannungskassetten allein (was sehr gute Ergebnisse brachte) behandelt beziehungsweise mit Methoden aus der Verhaltenstherapie und dem NLP. Die Ergebnisse gegenüber Kontrollgruppen waren signifikant.
Wichtig scheint mir auch in Anbetracht des Zusammenhanges zwischen Allergien und dem Thema Angst, dass diesem Aspekt so gut wie möglich Rechnung getragen wird. Sicherheitsbildende Maßnahmen wie ein verlässlicher, vertrauenswürdiger Arzt als konstanter Ansprechpartner, werden das Risiko auf allergische Zwischenfälle in sämtlichen Bereichen der Medizin, insbesondere aber in der Allergologie, reduzieren.

1 Schmidt-Traub et al. 1995

Kontakt: Dr. Renate Simma, Fachärztin für
Dermatologie, Ärztin für psychosomatische und
psychotherapeutische Medizin, Vöcklabruck/Linz
E-Mail:

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