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Dermatologie 10. April 2008

Evidenz-basierte Wundbehandlung

Das Praktizieren von Evidenz-basierter Medizin (EBM) beruht auf der Verbindung von individueller klinischer Expertise mit den Resultaten der Forschung. „Experience-based medicine“ hat auch im Zeitalter der EBM noch ihren Stellenwert. Die Evidenz-basierte Medizin ist jedoch ein wertvolles Hilfsmittel, unser medizinisches Handeln kritisch zu hinterfragen und die wirksamste Behandlungsmethoden herauszufinden.

Wer zu Fragestellungen im Bereich der Wundheilung Evidenz sucht, wird feststellen, dass es zu vielen Problemen nur wenige qualitativ hochwertige Studien gibt. Die meisten Publikationen sind Anwendungsbeobachtungen oder Fallserien mit zu kurzer Beobachtungsdauer, die eine geringe Aussagekraft haben. Die Gründe dafür: Chronische Wunden sind oft so komplex in ihrer Ätiologie und bisherigen Behandlung, dass es mitunter nicht einfach ist, genügend große homogene Gruppen für die Untersuchung bestimmter Fragen zusammenzubringen.
Eine Studie zum Thema Wundheilung sollte stets den vollständigen Wundverschluss als Endpunkt haben, die Verkleinerung der Wundfläche eignet sich nur als sekundärer Endpunkt. Damit dauert eine solche Untersuchung lange. Zudem werden etablierte Behandlungsmethoden von neuen Entwicklungen konkurrenziert, die klinische Forschung kann hier kaum mithalten.

Fragliche Resultate

Um ein neues Produkt registrieren zu lassen, genügt – im Gegensatz zu Arzneimitteln – häufig eine Anwendungsbeobachtung an einigen Fällen. Die Resultate von Meta-Analysen der Studien im Bereich der Wundheilung lösen bei erfahrenen Wundbehandlern zuweilen auch Erstaunen aus. So zeigte ein kürzlich erschienenes systematisches Review von Studien zu verschiedenen Wundauflagen bei venösen Ulzera keinen Vorteil eines Wundverbands gegenüber einem anderen und nicht einmal gegenüber feuchter Verbandsgaze. Damit werden zwar nicht gerade die ganzen Prinzipien der feuchten Wundbehandlung auf den Kopf gestellt – auch regelmäßig befeuchtete Gaze erfüllt diese Ansprüche – aber es ist wertvoll zu wissen, dass kein Wundverband allein die Abheilungszeit aller venösen Beingeschwüre signifikant reduzieren kann. Gerade diese Erkenntnis hilft, gewisse Dogmen und Werbebotschaften kritisch zu hinterfragen.
Die Meta-Analyse wird aber der Komplexität der Wundbehandlung für den Einzelfall kaum gerecht – in bestimmten Situationen können einzelne Verbände durchaus eine Abheilungsbeschleunigung bringen, und um diese Situationen zu erfassen, ist eben die Kombination der vorliegenden Evidenz mit der klinischen Erfahrung notwendig. Zudem dürfen viele andere Eigenschaften moderner Wundverbände nebst einer möglichen Heilungsbeschleunigung nicht vergessen werden, wie der Patientenkomfort, verringerte Schmerzen und mögliche Kosteneinsparungen.

Evidenz und klinische Erfahrung

Solche Ergebnisse zeigen uns auch die Grenzen und Nachteile der Evidenzbasierten Medizin auf. Zahlreiche publizierte Studien sind zu klein und von mangelhafter Methodik, was die Erstellung von aussagekräftigen Meta-Analysen erschwert. Nicht jede klinische Fragestellung kann mit EBM beantwortet werden. Das Fehlen eines bewiesenen Nutzens kann nicht mit dem Fehlen eines Nutzens gleichgesetzt werden. So gibt es zahlreiche althergebrachte Behandlungsmethoden, an deren Wirksamkeit niemand zweifeln würde, für die aber keine guten randomisierten Studien vorliegen.

Dr. Severin Läuchli,
Dermatologische Klinik im
Universitätsspital Zürich,
Präsident der Swiss Association for Wound Care (SAfW).

Der Originalartikel erschien in voller Länge in
WMW-Skriptum 2008; 5/3:6-7
© SpringerWienNewYork

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