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Dermatologie 22. Februar 2008

Der Leidensdruck kann vermindert werden

Urtikaria-Erkrankungen gehören zu den 20 häufigsten dermatologischen Erkrankungen1; etwa 20 bis 25 Prozent der Menschen machen eine akute Urtikaria-Episode im Leben durch2. Im Zentrum der Pathophysiologie steht die Aktivierung von kutanen Mastzellen mit Degranulation und Freisetzung von Mediatoren. Die typische urtikarielle Hautreaktion ist durch Quaddeln mit Reflexerythem, Pruritus und durch rasches Entstehen der Quaddeln sowie Flüchtigkeit durch rasche Resorption des Ödems der oberen Kutis charakterisiert.
Im hautnah-Interview berichtet Prof. Dr. Torsten Zuberbier, Leiter der Abteilung für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, über die Gefahren der abendlichen Einnahme von alten, sedierenden Antihistaminika, vor allem bei Kindern, und spricht Empfehlungen für die moderne Behandlung der Urtikaria aus.

Kurz zusammengefasst: Was ist die Urtikaria und welche Formen gibt es?
Zuberbier: Urtikaria (Nesselfieber) ist ein Überbegriff für eine Gruppe von Erkrankungen die entsprechend den aktuellen Ga2len*-, EAACI**- und EDF***-Leitlinien in drei verschiedene Unterformen unterteilt werden kann: Die spontan auftretenden Quaddelformen ohne äußere Reize, etwa physikalischer Natur (sie wiederum werden in die akute und chronische Urtikaria unterteilt), die physikalische Urtikaria und andere Formen (siehe Tabelle). Die akute Urtikaria ist die häufigste Form und dauert etwa sechs Wochen an. Verschwinden die Symptome nach sechs Wochen nicht, liegt eine chronische Urtikaria vor. Die physikalische Urtikaria wird nach der Natur der Auslöser definiert.

Wie hoch sind die Prävalenzen?
Zuberbier: Die Lebenszeitprävalenz der akuten Urtikaria liegt sicherlich über 20 Prozent, jene der chronischen Urtikaria, die einen großen Leidensdruck hervorruft, liegt zwischen ein und zwei Prozent. Andere Urtikaria-Formen, wie etwa die cholinergische Urtikaria, haben eine hohe Prävalenz in niedriger Ausprägung, insbesondere bei jüngeren Erwachsenen um das 26. Lebensjahr – hier beträgt die Prävalenz etwa 20 Prozent.

Gibt es neue Erkenntnisse über die Ursachen der Urtikaria?
Zuberbier: Die Ursachen der Urtikaria sind sehr heterogen. Bei der akuten Urtikaria sind es am häufigsten Infekte der oberen Atemwege. Gemäß den Leitlinien muss hier keine weitere Diagnostik durchgeführt werden, es sei denn, es gibt einen starken anamnestischen Hinweis. Bei der chronischen Urtikaria kommen neben Infektionen, die als Triggerfaktoren gelten können, pseudoallergische Reaktionen auf Nahrungsmittel und in einem Drittel der Fälle autoimmune Phänomene, die vorübergehender Natur sind, infrage. Grundsätzlich ist die Urtikaria keine lebenslange Erkrankung, sondern hält im Durchschnitt sieben Jahre an.

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?
Zuberbier: Es stehen uns sehr gute therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung. Die Hauptbehandlung besteht aus der Gabe von neuen, nicht sedierenden Antihistaminika. Vorzugsweise sollen jene Antiallergika verwendet werden, die keine Wechselwirkungen mit Arznei- oder Nahrungsmitteln aufweisen, da die aktiven Metabolite etwa von Cetirizin (Levocetirizin), Loratadin (Desloratadin) und Terfenadin (Fexofenadin) in der Leber nicht verstoffwechselt werden. Diese Präparate können daher auch in bis zu vierfacher Dosierung eingesetzt werden, allerdings muss bei Levocetirizin auf eine dosisabhängige Sedierung hingewiesen werden. Weiters sind sie erheblich nebenwirkungsärmer und effektiver als alternative therapeutische Medikamente, wie Cyclo-sporin A oder interne Kortikosteroide.
Zu den Antihistaminika ist noch hinzuzufügen, dass in der Vergangenheit oft sedierende Antihistaminika am Abend verordnet wurden – eine sehr gefährliche Maßnahme. Die Wirkung der sedierenden alten Antihistaminika hält etwa vier bis sechs Stunden an, der sedierende Effekt jedoch bleibt über zwölf Stunden erhalten, wodurch das Reflexvermögen stark vermindert und damit die Verkehrstüchtigkeit eingeschränkt wird. Weiters können sedierende Antihistaminika das Lernvermögen von Kindern durch eine Unterdrückung der REM-Schlafphase, in der das unterbewusste Lernen stattfindet, einschränken. Um den Juckreiz bei kleinen Kindern zu lindern, sind daher moderne Präparate wie Desloratadin, auch durchaus in hohen Dosierungen, zu empfehlen.

Schildern Sie bitte ein kurzes Fallbeispiel einer akuten Urtikaria.
Zuberbier: Das klassische Beispiel im Rahmen eines akuten viralen Infekts der oberen Atemwege ist das Auftreten von Quaddeln vier bis fünf Tage nach Beginn des Infekts, also wenn dieser schon besser wird. Das liegt daran, dass die Antikörperproduktion gegen die Viren gerade in Gang gekommen ist und die Haut durch das überaktive Immunsystem mitreagiert. Ohne Therapie persistieren die Quaddeln im Schnitt sieben bis acht Tage, unter der kurzfristigen Gabe von Antihistaminika oder Kortikosteroiden kann man den Verlauf deutlich verkürzen.

An der Charité läuft derzeit ein breites Studienprogramm. Welche neuen Erkenntnisse erwarten Sie sich?
Zuberbier: Wir führen regelmäßig Studien zu den verschiedenen Unterformen der Urtikaria durch, um die Effekte von Medikamenten, etwa eine Höherdosierung, zu ergründen, die Pathomechanismen zu klären und die Diagnostik zu verbessern. Mit einem vor Kurzem an der Charité entwickelten Testgerät etwa lässt sich nicht nur feststellen, ob eine Kälteurtikaria vorliegt, sondern es lässt sich auch die genaue Schwellentemperatur ermitteln.

 Tabelle

Literatur:
1 Schäfer T et al. Epidemiology of Urticaria.
In: Epidemiology of Clinical Allergy. Monogr. Allergy, Basel, 1993, 31:49–60.
2 Braun-Falco et al. Dermatologie und Venerologie. Springer 2005, 5. Auflage, 323–340.
* Global Allergy and Asthma European Network
** European Academy of Allergology and Clinical Immunology
*** European Center for Allergy Research Foundation

Emanuel Munkhambwa, hautnah 1/2008

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