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Dermatologie 20. Mai 2008

Die Pandemie des Hautkrebses

Jährlich werden 25.000 Neuerkrankungen an Hautmalignomen in Österreich festgestellt, die Inzidenz mit vier Prozent ist steigend. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch noch höher sein. „Derzeit sind wir nur auf Schätzungen angewiesen, im Rahmen eines Projektes der ÖGDV sollen nun genaue, epidemiologische Daten erhoben werden“, kündigt Prof. Dr. Beatrix Volc-Platzer, SMZ Ost, Wien an. Sie führte, zusammen mit MR Dr. Wilhelm Brenner, den Vorsitz des Symposiums „Neues aus der Dermato-Onkologie, Relevanz für die Praxis“, das im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV) 2007 in Wien stattfand. Volc-Platzer fasste auch die wichtigsten Ergebnisse dieses Schwerpunktthemas zusammen.

Epidemiologie

Die jährliche Zuwachsrate ist für das maligne Melanom am höchsten: 2.000 bis 2.500 Neuerkrankungen. Das ist die höchste Zuwachsrate aller malignen Tumoren. Es muss damit gerechnet werden, dass von zehn Patienten einer stirbt. Das Haupterkrankungsalter liegt zwischen 40 und 50 Jahren. 8.000 bis 14.000 Menschen erkranken jährlich an Basalzellkarzinomen, die selten metastasieren und bei Früherkennung gute Heilungschancen haben.
Die häufigste Präkanzerose ist die aktinische Keratose. Sie wird heute als Plattenepithelkarzinom in situ bezeichnet und stellt in etwa zehn Prozent die Vorstufe des invasiven Karzinoms dar. Prädilektionsstellen sind im Gesicht in deutlicher Abhängigkeit der Lichtexposition. Beim Plattenepithelkarzinom werden 2.000 bis 3.000 Neuerkrankungen verzeichnet. Risikofaktoren sind neben intensiver UV-Exposition die Anzahl der Muttermale und atypische Nävi, chronische Wunden und Narben, Röntgenbestrahlung und Immunsuppressiva.
UV-induzierte Hauttumoren nehmen in den letzten Jahren in einem derartigen Ausmaß zu, dass man bereits, vor allem in Australien, von einer Pandemie sprechen kann. Deshalb wird die Frage des Screenings immer häufiger diskutiert. Da bei der Karzinogenese auch genetische Faktoren eine Rolle spielen, könnte vor allem bei familiär belasteten Personen frühzeitig eine unregelmäßige Pigmentveränderung festgestellt und wenn nötig, eine frühe Behandlung eingeleitet werden.
„Da keine andere Krebsart im Frühstadium so einfach zu diagnostizieren und therapieren ist wie pigmentierte und nicht pigmentierte Hauttumoren, ist das konsequente Screening unabdingbar“, betonte Prof. Dr. Michael Binder, Universitätshautklinik Wien. In Deutschland sei das Hautscreening einmal jährlich seit 1. Jänner 2008 als Kassenleistung bereits anerkannt.

Individuelle Therapie

Nävuszellnävi (NZN) gehören zu den häufigsten Läsionen der Haut und sind deshalb von großer Bedeutung, weil ihre Unterscheidung vom Melanom schwierig sein kann. Im Prinzip sind NZN potenzielle Vorläuferläsionen des Melanoms, der Übergang ist jedoch, genmessen an ihrer Häufigkeit, sehr selten. Sie können in großer Vielfalt auftreten, sind meist kreisrund, klein, nicht gänzlich scharf begrenzt. Daraus ergibt sich auch die Frage: melanozytäre Nävi beobachten oder exzidieren? „Das lässt sich mit Entweder-Oder nicht beantworten“, betonte Prof. Dr. Harald Kittler, Universitätshautklinik Wien. Die EDV-unterstützte Auflichtmikroskopie stelle zusätzlich zur makroskopischen Beobachtung und der ABCD-Regel eine wichtige Hilfe für die Beurteilung und Verlaufsbeobachtung kleiner Läsionen, multipler melanozytärer Nävi oder dysplastischer Nävus-Syndrome dar. Gerade bei den letzteren Fällen wird es allerdings nicht möglich sein, alle suspekten Läsionen zu exzidieren. Generell müssen NZN nicht entfernt werden, es ist jedoch immer indiziert, wenn der Verdacht auf eine Umwandlung in ein Melanom besteht. „Es gibt keine allgemeine Regel, die Entscheidung muss immer individuell getroffen werden“, fasst Kittler zusammen (siehe auch "Kinder brauchen Sonnenschutz" ).
Das Spektrum an Möglichkeiten für die Behandlung von pigmentierten und nicht pigmentierten Hauttumoren hat sich in letzter Zeit zunehmend erweitert. „Während das operative Vorgehen für die meisten Hauttumoren nach wie vor als Goldstandard gilt, stehen heute topische Chemotherapeutika zur Verfügung“, berichtete Prof. Dr. Eggert Stockfleth, Universitätsklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergie, Charité Berlin. Dazu zählen 5-Fluoruracil, Diclofenac und „biological immune-response modifiers“ wie Imiquimod, die insbesondere für oberflächliche Tumoren geeignet sind. Grundsätzlich bestimmen aber nach wie vor Tumortyp, Lokalisation, Größe, Histologie und der individuelle Fall die Therapie.
Ein ähnliches Vorgehen fordert auch Prim. Prof. Dr. Franz Trautinger, Landesklinikum St. Pölten. Die Therapie müsse nach dem einzelnen Fall ausgerichtet sein, das treffe auch für kutane Lymphome zu. Sie sind eine heterogene Gruppe lymphatischer Neoplasien und stellen nach den gastrointestinalen Lymphomen die zweithäufigste Manifestation des Non-Hodgkin-Lymphoms dar. Von den 85 Prozent kutanen T-Zell-Lymphomen sind die Fälle von Mycosis fungoides mit 65 Prozent am häufigsten. Ein umfassendes Staging sollte in jedem Fall durchgeführt werden, einschließlich der Untersuchung des T-Zell-Rezeptor-Rearrangements aus peripherem Blut und einer Hautläsion.
Die Therapie der ersten Wahl in den frühen Stadien sind topische Steroide, UVB-Schmalbandbestrahlung oder PUVA-Therapie, gegebenenfalls Retinoide per os. Die geringe Anzahl kutaner Lymphome erschwert jedoch die Erhebung epidemiologischer Daten und die Durchführung von therapeutischen Studien (siehe auch "Gefährliche Rötungen").

Ambulante Versorgung im Trend

Dr. Gerda Topar, Universitätshautklinik Innsbruck, sieht einen Trend in Richtung der ambulanten oder tagesklinischen Durchführung operativer Eingriffe. Sie zeigte überzeugende Resultate operativer Behandlungsmethoden im internationalen Vergleich. Auch in Österreich könnten ihrer Meinung nach mehr ambulante Eingriffe vorgenommen werden. Der stationäre Aufenthalt wird dann in erster Linie Patienten mit mehreren histologisch zu kontrollierenden Operationen von Tumoren in Problemlokalisationen vorbehalten sein. Auch für Patienten im höheren Lebensalter und mit erhöhter Morbidität sowie mit Lymphknotenexstirpationen wird die stationäre Aufnahme für die OP notwendig sein.

Niebauer, hautnah 2/2008

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