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Dermatologie 22. Februar 2008

Allergie durch Arzneien

Prof. Dr. Werner Aberer ist Leiter der Klinischen Abteilung für Umweltdermatologie und Venerologie der Medizinischen Universität Graz und war langjähriger Sekretär der Interest Group on Drug Allergy der European Academy of Allergology and Clinical Immunology. Im folgenden hautnah-Interview beantwortet der Experte zentrale Fragen zum Thema Arzneimittelunverträglichkeit.

Welche Formen von allergischen Reaktionen auf Arzneimittel gibt es?
Aberer: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen umfassen ein weites klinisches Spektrum von systemischen Reaktionen, aber vor allem auch Hautveränderungen. Es gibt viele Dermatosen, die auch durch eine Immunreaktion gegen ein Medikament ausgelöst sein könnten, wobei sowohl Sofort- als auch Spätreaktionen möglich sind. Dementsprechend ist auch die Befunderstellung ein diagnostisches Spezialgebiet, das einige Erfahrung in diesem Bereich voraussetzt.
Andrerseits gibt es bekanntlich auch einige Hautkrankheiten, die sehr häufig in Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten stehen wie etwa Urtikaria, Angio-Ödeme und makulapapu-löse Exantheme. Generell sollte aber bei fast jeder Dermatose diagnostisch auch die Frage abgeklärt werden, ob diese nicht vielleicht auch durch ein Arzneimittel ausgelöst oder aggraviert wurde. Dabei ist zu beachten, dass dasselbe Medikament bei verschiedenen Patienten völlig unterschiedliche Arzneimittelreaktionen auslösen kann. So können zum Beispiel bei Spätreaktionen medikamentenspezifische T-Zellen aktiviert werden. Dies können je nach Patient beispielsweise T-Helfer- oder zytotoxische T-Zellen sein.

 Fixe Arzneimittelexantheme

Was ist bei der Diagnose generell zu beachten?
Aberer: Wie bei allen allergischen Reaktionen ist auch bei Arzneimittelunverträglichkeiten die Anamnese von größter Bedeutung. Aus ihr kann sich etwa ergeben, dass die Hautveränderungen zeitlich mit der Einnahme eines neuen Medikamentes in Zusammenhang stehen. Sehr häufig ist es aber nicht einfach, den Verdacht auf eine Arzneimittelallergie zu bestätigen, beispielsweise wenn wir es mit Patienten mittleren oder höheren Alters zu tun haben, die fünf oder zehn verschiedene Medikamente einnehmen.
Zu den Grundlagen der Diagnose zählen neben einer umfassenden Erhebung der Krankengeschichte jeweils auch die bekannten Zusammenhänge zwischen bestimmten klinischen Bildern und bestimmten Wirkstoffen – wie etwa zwischen Urtikaria und Penicillin, um wiederum einen häufigen Fall anzuführen. Weiters kann es dann ratsam sein, abzuklären, ob bestimmte Wirkstoffe durch andere mit ähnlicher Wirkung ersetzt werden dürfen – also zum Beispiel Penicillin durch Cephalosporine.

Wie häufig sind allergische Reaktionen auf Arzneimittel?
Aberer: Allgemein betrachtet ist die Häufigkeit unerwünschter Arzneimittelwirkungen an der Haut schwer abzuschätzen. Denn bei zahlreichen Patienten sind die unerwünschten Arzneimittelwirkungen so geringfügig, dass sie dem behandelnden Arzt nicht mitgeteilt werden. Portugiesische Forscher haben 2004 eine Arbeit publiziert, derzufolge 7,8 Prozent einer Zufallsstichprobe der Bevölkerung irgendeine Form einer selbst berichteten „Medikamentenallergie“ angeben.
Harte Daten gibt es für stationäre Patienten. Laut einer klinischen Studie an 15.000 hospitalisierten Patienten beträgt die Häufigkeit von unerwünschten Arzneimittelwirkungen an der Haut während des Aufenthalts 2,2 Prozent. Das umfasst allerdings auch nichtallergische Reaktionen auf Arzneimittel, die pharmakologisch erklärt werden können.
Diese sogenannten Typ-A-Reaktionen machen übrigens mehr als 80 Prozent aller unerwünschten Arzneimittelwirkungen aus und sind im Arzneimittelkodex vermerkt. Allergische oder Typ-B-Reaktionen machen hingegen nur etwa 13 Prozent aller unerwünschten Arzneimittelwirkungen aus. Nicht zuletzt ist auch bekannt, dass unerwünschte Arzneimittelwirkungen insge-samt die Hauptverursacher von Spitalsaufnahmen wegen Anaphylaxie sind.

Welche schweren unerwünschten Arzneimittelwirkungen gibt es?
Aberer: Hier ist vor allem das Hypersensitivitätssyndrom oder auch DRESS (Drug Rash with Eosinophilia and Systemic Symptoms) zu nennen, das Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) und die toxische epidermale Nekrolyse (TEN), früher auch als Lyell-Syndrom bezeichnet. Französische Dermatologen haben 2002 über Mortalitätswerte von zehn Prozent bei DRESS, 5 bis 15 Prozent bei SJS und 30 bis 35 Prozent bei TEN berichtet. Auch hier besteht die Therapie im Wesentlichen darin, den Auslöser zu identifizieren und abzusetzen. Die restliche Behandlung erfolgt so wie bei schweren Verbrennungen symptomatisch.
Natürlich ist es von größter Bedeutung, diese Erkrankungen so rasch wie möglich zu erkennen und die Patienten im Bedarfsfall in eine Klinik einzuliefern. Hautveränderungen sollten also nicht bagatellisiert werden. Beispielsweise beginnt auch die toxische epidermale Nekrolyse gewissermaßen schleichend mit Flecken am Körper und eventuell Blasen an den Schleimhäuten.

Welche Arzneistoffe führen besonders häufig zu allergischen Reaktionen?
Aberer: In diesem Zusammenhang sind vor allem Antibiotika, nichtsteroidale Antiphlogistika, Antiepileptika und Röntgenkontrastmittel zu nennen. Weiters gibt es auch etliche HIV-Präparate, die zu Medikamentenunverträglichkeiten führen können. Ein interessantes Detail wurde aktuell bei bestimmten Krebstherapien mit neuen Biologika festgestellt. Es scheint so zu sein, dass hier bestimmte Formen von Arzneimittelunverträglichkeit, insbesondere akneiforme Hautveränderungen, auf eine bessere Prognose schließen lassen.

Was sollte aus Sicht des Klinikers bei der Zuweisung berücksichtigt werden?
Aberer: Eine möglichst gute Dokumentation ist für uns hilfreich und notwendig. Im Einzelnen sollte das zunächst vor allem die genaue Bezeichnung des verdächtigten Medikamentes umfassen, seit wann, in welcher Dosierung und in welcher Applikationsform es verabreicht wird. Weiters ist es natürlich wichtig, dass die Art der Reaktion möglichst exakt beschrieben wird und dass möglichst alle Medikamente angegeben werden, die der Patient einnimmt.

Mag. Dietmar Schobel, hautnah 1/2008

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