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Dermatologie 20. Mai 2008

Höheres Risiko für Frauen

Eine von der Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) in Auftrag gegebene Untersuchung sollte das Ausmaß der sonnenlichtbedingten Haut- und Augenschäden bei aktiv tätigen Bäuerinnen und Bauern dokumentieren. hautnah sprach mit Prof. Dr. Harald Maier, Universitätsklink für Dermatologie, Wien, der mit der Gesamtleitung der Studie betraut war.

Der Endbericht über die UV-Belastung in der österreichischen Landwirtschaft wird bald vorliegen. Gibt es neue Erkenntnisse?
Maier: Man kann sagen, dass die im Auftrag der Sozialversicherungsanstalt der Bauern durchgeführte Untersuchung ein voller Erfolg war. Alle Studienziele konnten erreicht werden und wir können aufgrund der enorm großen Datenmenge ein sehr detailliertes Bild von der berufsbedingten UV-Belastung bei österreichischen Landwirten zeichnen. An der epidemiologischen Untersuchung, im Rahmen derer eine komplette haut- und augenärztliche Untersuchung stattfand und ein ausführlicher Fragebogen ausgefüllt werden musste, nahmen 386 Landwirte und 107 Kontrollpersonen teil. Dazu kommt noch die dosimetrische Felduntersuchung bei 12 Probanden über einen Zeitraum von sechs Monaten mit insgesamt 1.427 vollständigen Tagesprotokollen. Von diesen Tagen liegen sowohl eine Messung der UV-Belastung als auch ein vollständig ausgefülltes digitales Tagebuchblatt vor.

Was waren nun konkret die Studienziele?
Maier: Wir wollten eine realitätstreue Aufnahme von der aktuellen Arbeitssituation bei den unterschiedlichen landwirtschaftlichen Betriebstypen machen und diese mit einer Kontrollgruppe aus reinen Innenarbeitern (bei unserer Studie waren es Angestellte der Sozialversicherung) vergleichen. Unter „aktueller Arbeitssituation“ verstehen wir die derzeit geübte landwirtschaftliche Praxis. Dies erreichten wir dadurch, dass nur Betriebsführer und -führerinnen (Vollerwerbsbauern) im Alter von 35 bis 55 Jahren eingeschlossen wurden. Damit fielen die älteren Jahrgänge heraus, die aufgrund der langen Latenzzeit von UV-bedingten Hautschäden – insbesondere der nicht melanozytären Hauttumore (Basaliom, Plattenepithelkarzinom) – zwar eine höhere Tumor„ausbeute“ erwarten ließen, allerdings in ihrem Berufsleben einen wesentlich größeren Anteil an manueller Arbeit hatten leisten müssen. Während der manuellen Arbeit findet bekanntlich die stärkste UV-Belastung statt. Konkret wollten wir das Wissen der Bauern zu den Themen Sonnenschaden/Sonnenschutz abfragen, uns ein genaues Bild vom Ausmaß der UV-induzierten Haut- und Augenschäden im Vergleich zur Kontrollgruppe machen und über einen Zeitraum von sechs Monaten mittels eines elektronischen Personendosimeters die gesamte UV-Belastung bei der Arbeit aufzeichnen. Die Messungen korrelieren wir mit den Eintragungen in ein digitales Tagebuch, welche die Teilnehmer an dem Feldversuch am Ende eines Arbeitstages vornahmen. Der SVB ging es auch um die Beantwortung der Frage nach der Berufskrankheitenwertigkeit von UV-induzierten Hauttumore. Darüber hinaus sollten die Daten helfen, ein gezieltes Präventivprogramm zu erstellen.

Diese altersmäßige Beschränkung auf die jüngeren Jahrgänge gibt ja immer wieder Anlass zu Diskussionen ...
Maier: Das ist richtig. Wir waren uns dieser Problematik bei der Planung der Untersuchung bewusst. Es ist aber geplant, die beiden Gruppen nach fünf beziehungsweise zehn Jahren noch einmal zu untersuchen. Dann haben auch unsere Probanden das kritische Alter erreicht, in dem die meisten Hauttumore auftreten. Eine solche prospektive Untersuchung würde unsere umfassende Untersuchung noch weiter aufwerten.

Wie groß war die Zahl der bösartigen Neubildungen?
Maier: Die geringe Zahl hat uns allerdings etwas überrascht: So fanden wir drei nicht invasive Plattenepithelkarzinome (aktinische Keratosen) und ein Basaliom in der Gruppe der Landwirte, jedoch ein oberflächlich spreitendes Melanom am Unterschenkel einer Büroangestellten. Obwohl der Unterschied statistisch nicht signifikant war, ist das Bild „stimmig“, da ja bekannt ist, dass es eher die Innenarbeiter sind, die aufgrund der plötzlichen, hohen UV-Belastung auf unvorbereitete Haut ein entsprechend hohes Melanomrisiko haben. Bei den Parametern der Hautalterung schnitt natürlich die landwirtschaftliche Gruppe signifikant schlechter ab als die Innenarbeiter.

Sie haben sich ja auch mit der Augengesundheit bei den beiden Gruppen auseinander gesetzt. Wie waren da die Ergebnisse?
Maier: Die Einbindung einer augenärztlichen Untersuchung wertet die SVB-UV-Studie noch weiter auf; das Auge ist ja neben der Haut das zweite Erfolgsorgan der UV-Strahlung. Die meisten UV-induzierten Augenschäden waren bei den Landwirten häufiger anzutreffen, allerdings gab es auch hier keine statistisch signifikanten Unterschiede. Besonders stark betroffen waren die Obstbauern, die in der Regel ohne Sonnenbrille ihre Kultivierungs- und Erntearbeiten im Obstgarten durchführen. Dabei blicken sie immer wieder direkt in die Sonne.

Wie sieht es generell mit den von Ihnen angesprochenen Risikosituationen aus?
Maier: Die im Feldversuch gemessenen Dosen waren sehr stark gestreut. Der wichtigste Risikofaktor ist nach wie vor „manuelle Arbeit“. Betriebe mit einem hohen Anteil an händischer Arbeit hatten daher auch die höchsten kumulierten Dosen zu verzeichnen. Bei der maschinellen Arbeit sind die Personen in der Regel durch die Fahrerkabine weitgehend UV-geschützt. Es gibt aber gar nicht so wenige Arbeitsmaschinen, vor allem für Arbeiten im extremen Gelände, die nur mit Überrollbügeln ausgestattet sind. Die Lenker dieser Maschinen bekommen während ihrer Tätigkeit daher extrem hohe Dosen ab. Ein ganz interessanter Unterschied ergab sich bei der Auswertung nach dem Geschlecht. Frauen tragen im landwirtschaftlichen Beruf eindeutig das höhere UV-Risiko. Auch dies findet seine plausible Erklärung in der vermehrten manuellen Tätigkeit von Bäuerinnen am Betrieb.

Konnten Sie aus den Daten Anknüpfungspunkte für das Präventivprogramm ableiten?
Maier: Nehmen wir als Beispiel einen weiteren Risikofaktor, die „Betriebslogistik“. Vielfach wird die UV-Belastung von den Landwirten als etwas Unvermeidliches angesehen. Bei der Analyse der Aufzeichnungen unserer Obstbauern sahen wir, dass es durch vorausschauende Planung möglich ist, bestimmte Arbeitsschritte unter Dach zu verlegen und damit die UV-Belastung dramatisch zu senken. Ein großer Nachholbedarf besteht allerdings bei den Sonnenschutzmaßnahmen. Die Bauern halten zwar Sonnenschutzmaßnahmen für sinnvoll und wichtig, sind aber skeptisch über deren Anwendbarkeit im beruflichen Alltag. Hier muss sicher das Präventivprogramm ansetzen, denn unsere Studie hat auch gezeigt, dass die Bauern sich weniger gut informiert fühlen als die Kontrollpersonen.

Wird Ihre Arbeitsgruppe an der Entwicklung des Präventivprogramms mitwirken?
Maier: Ich hoffe sehr, und es gibt auch positive Signale von der SVB dazu. Eine erfeuliche Erkenntnis, die wir aus dem Fragebogen ziehen konnten, war das große Vertrauen, welches wir Ärzte sowohl bei den Bauern als auch bei den Büroangestellten genießen, wenn es um die Frage Gesundheitsvorsorge geht. Jüngst publizierte Studien konnten auch zeigen, dass ein Präventivprogramm nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn es punktgenau auf die Zielgruppe zugeschnitten ist. Die vorliegenden Daten geben uns die notwendigen Voraussetzungen dazu.
Noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Wir sind gerade dabei, die Größe der Auflage des Endberichts, der im Eigenverlag der Sozialversicherungsanstalt der Bauern erscheinen wird, abzuschätzen.
Wer an einem Exemplar Interesse hat, möge sich bitte per E-Mail an mich wenden – .

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 2/2008

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