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Dermatologie 22. Februar 2008

Differenzierte Sichtweise

Knapp ein Jahr ist es her, dass ein Team aus Innsbrucker Dermatologen und Humangenetikern um Prof. Dr. Matthias Schmuth in Zusammenarbeit mit Forschern aus Schottland an der Entschlüsselung der Pathogenese der atopischen Dermatitis beteiligt war.1 Die Forschergruppe hatte gezeigt, dass nahezu die Hälfte der Patienten eine Mutation in einem bestimmten Gen aufweisen, die zu einer Verminderung von Filaggrin – einem Protein in den verhornenden Zellen der Epidermis – führt. Ein solcher genetisch bedingter Filaggrinmangel war zuvor bereits bei Patienten mit Ichthyosis vulgaris festgestellt worden. hautnah sprach mit dem Innsbrucker Dermatologen, der sich derzeit zu Forschungszwecken an der University of California San Francisco Medical School aufhält.

Was bedeutet die Entdeckung der Mutation im Filaggrin-Gen?
Schmuth: Es war schon länger bekannt, dass bei der atopischen Dermatitis eine Schwäche der Barrierefunktion auf Basis eines Lipidmangels vorliegt. Allerdings wurde dieser Barrieredefekt früher als sekundäres Merkmal gesehen, als Folge der Krankheit. Neu ist, dass der Filaggrinmangel vererblich ist. Damit ist klar geworden, dass die Barriereschwäche auch ein Primärfaktor sein kann. Unbestritten ist aber, dass auch eine deutliche Veränderung des Immunsystems vorliegt. Man muss die Auffassung der Krankheitsentstehung der atopischen Dermatitis also nicht grundlegend revidieren, aber man ist doch zu einer differenzierteren Sichtweise gekommen, da erkannt wurde, dass zumindest in einer Subgruppe der Patienten das primäre Problem vermutlich in einem Defekt der Hautbarriere liegt.

Heißt das, es gibt verschiedene Arten von atopischer Dermatitis?
Schmuth: Nach den Daten, die wir haben, sieht es so aus, dass – je nach geografischer Region – 15 bis 45 Prozent der Patienten einen genetischen Fillagrinmangel haben. Deshalb ist davon auszugehen, dass das Krankheitsbild „atopische Dermatitis“ auf mehreren Wegen zustande kommt und dass wir deshalb tatsächlich auch von verschiedenen Arten sprechen und diese in Zukunft identifizieren können. Die Identifikation kann über diverse klinische Marker stattfinden, das bedeutet, dass der Arzt in Zukunft schon frühzeitig sagen kann, um welche Art der Krankheit es sich handelt – das hat auch Auswirkungen auf die Behandlung.

Welche?
Schmuth: Hat man anhand der Marker festgestellt, um welche Art der atopischen Dermatitis es sich handelt, kann man in der Therapie den Immundefekt oder den Barrieredefekt stärker betonen. Ideal ist aus meiner Sicht freilich eine Therapie, die bei mehreren Ursachen ansetzt, also sozusagen mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: zum Beispiel eine Salbe, die die Barrierefunktion stärkt und zugleich eine antiinflammatorische Wirkung hat.

Wie könnte sich die Prävention verändern oder weiterentwickeln?
Schmuth: Ich denke, dass es möglich sein wird, den gefährdeten Patientengruppen gezielt Präventionsmaßnahmen zu empfehlen, die ganz ähnlich aussehen wie die Therapie, von der wir gerade gesprochen haben. Das Ziel wäre, dem Ausbruch der Krankheit vorzubeugen, wenn man weiß, dass ein Filaggrinmangel vorliegt, und frühzeitig die richtigen Maßnahmen setzt. Wir wissen, dass sich der Barrieredefekt so auswirkt, dass ein Wechsel der Luftfeuchtigkeit schlecht vertragen wird. Es scheint so, dass trockene Luft generell ungünsti-ger ist, aber auch Patienten, die von trockener in feuchtere Luft kommen, müssen mit einem Krankheitsschub rechnen. Das ist ein Beispiel für Umweltfaktoren, die mit den Erbfaktoren zusammenspielen und modifizierbar sind. Durch gezielte prophylaktische Maßnahmen kann möglicherweise auch Allergien vorgebeugt werden.

Die atopische Dermatitis ist unter Kindern deutlich häufiger als unter Erwachsenen. Wenn bei bis zur Hälfte der Betroffenen eine Genmutation vorliegt, wie kann es sein, dass sich die Krankheit später nicht manifestiert?
Schmuth: Ich kann mir dafür zwei Erklärungsmodelle vorstellen. Die Barrierefunktion könnte im Lauf der Kindheit einen Reifungsprozess durchmachen, wodurch es mit fortschreitendem Alter zu einer Kom-pensation des Defekts kommt. Anderer-seits könnte es auch sein, dass das Immunsystem mit der Zeit eine Toleranz entwickelt und sich dadurch die Symptome mildern.

Ihre Empfehlung an die Kollegen?
Schmuth: Wir haben von klinischen Mar-kern für eine Barriereschwäche gesprochen, die wir etablieren müssen. Schon jetzt ist klar, dass es einige klinische Zeichen gibt, die man in der Praxis bereits verwenden kann. Das eine ist die Schuppung, die trockene Haut. Das zweite ist die sogenannte Hyperlinearität der Handflächen, also wenn die Handlinien besonders akzentuiert und zahlreich sind, so ist das auch ein Hinweis dafür, dass ein Barrieredefekt besteht. Das dritte ist die Keratosis pilaris, das ist die verstärkte Verhornung von Haarfollikeln, besonders an den Streckseiten der Extremitäten, vor allem der Oberarme. Wenn das vorliegt, sollte dringend empfohlen werden, rückfettende und feuchtigkeitsspendende Externa zu verwenden – in der Zukunft werden hoffentlich noch gezieltere Maßnahmen verfügbar werden.

1 Nat Genet. 2007;39(5):650–654

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 1/2008

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