zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 21. Mai 2007

Die Haut als Spiegel endokriner Erkrankungen

Von Prof. Dr. Anton Luger, Wien

Nahezu alle endokrinen Erkrankungen sind mit Manifestationen an der Haut vergesellschaftet. In vielen Fällen stellen diese das Leitsymptom dar, das schließlich zur Diagnose führt.

Cushing-Syndrom

Glukokortikoid-Überschuss ist mit zahlreichen Veränderungen der Haut und ihrer Anhangsgebilde verbunden. Diese treten unabhängig davon auf, ob der Erkrankung ein Adenom der Hypophyse zugrunde liegt, welches ACTH produziert, ein Adenom oder Karzinom der Nebennieren, welches Cortisol sezerniert, oder ein Karzinom (meist kleinzelliges Bronchuskarzinom oder Pankreaskarzinom), das eine ektope Quelle für eine ACTH-Überproduktion darstellt (siehe Abbildung 1).
Schließlich kann auch eine Glukokortikoid-Therapie in pharmakologischer Dosierung zu typischen Veränderungen im Sinne eines Cushing-Syndroms führen. Die Cortisol-Produktion eines gesunden Menschen beträgt acht bis 25 mg/Tag. Glukokortikoid-Äquivalenz-Dosen sind in Kasten 1 dargestellt, wobei festzuhalten ist, dass ­diese nur Annäherungswerte darstellen, für die Praxis jedoch sinnvoll anwendbar sind. Äquivalenz-Dosen, die kleinere Unterschiede zwischen Glukokortikoiden abbilden, stellen jeweils nur die Ergebnisse von In-vitro-Versuchen für das jeweilige Testsystem dar und sind für die Praxis von keiner großen Bedeutung.
Als Cushing-Schwellendosis wird eine Prednisolon-Dosis von 7,5 mg angegeben, wobei es auch hier wichtig ist festzuhalten, dass sehr große interindividuelle Unterschiede bestehen. Bei manchen Personen treten Cushing-Symptome schon bei wesentlich niedrigeren Dosen auf, umgekehrt führen auch deutlich höhere Dosen manchmal nicht zu Cushing-Stigmata. Die Cushing-Schwellendosis von 7,5 mg Prednisolon bzw. eines Äquivalents eines anderen Glukokortikoids ist insofern auch gut nachvollziehbar, als 7,5 mg Prednisolon 50 Prozent über dem oberen Grenzwert der Cortisol-Tagesproduktion von Gesunden liegen.
Allgemeinsymptome des Vollbilds des ­Cushing-Syndroms sind Stammfettsucht, ­ Vollmondgesicht, Hypertonie, Büffelnacken, Kopfschmerzen, geschwächte Immunabwehr und Ulcus ventriculi. An Muskeln und Skelett äußert sich das Cushing-Syndrom mit Osteopenie/Osteoporose, Muskelschwäche und Muskelatrophie. Metabolisch kommt es zu gestörter Glucosetoleranz, Diabetes mellitus und Hyperlipidämie; psychiatrisch zu Depressionen und Psychosen. Überdies treten Regelanomalien, Impotenz bzw. verminderte Libido auf. An der Haut schließlich zeigen sich:
• Hautatrophie
• Plethora
• Hirsutismus
• Striae
• Suffusionen.
Erwähnenswert ist aber, dass bereits bei wesentlich niedrigeren Dosen mit dem Auftreten von Osteopenie und Osteoporose und in der Folge einem erhöhten Frakturrisiko zu rechnen ist. Es sind daher bei jeder längeren Glukokortikoid-Therapie 800 E Vitamin D3 und 1.500 mg Kalzium zu verordnen. Ist eine Therapiedauer von mehr als drei Monaten und eine Prednisolon-Dosis von 5 mg oder mehr (respektive die Äquivalenz-Dosis eines anderen Glukokortikoids) anzunehmen, ist zusätzlich zu Vitamin D3 und Kalzium auch ein Bisphosphonat – Alendronat oder Risedronat – zu verschreiben.
Die topische Anwendung von Glukokortikoiden kann ebenfalls zu Cushing-Stigmata führen (siehe Abbildung 3).
Bei inhalativen Glukokortikoiden, wie sie bei der Therapie des Asthma bronchiale zur Anwendung kommen, ist dies jedoch nicht der Fall. Bei der topischen Applikation von Glukokortikoiden auf die Haut ist neben der galenischen Form und der Wirkstärke auch der Resorptionsindex zu berücksichtigen (Unterarm 1, Bein 0,5, Stamm 2,5, Kopf 5, Genitale 40).

Morbus Addison

Die Nebennierenrinden-Insuffizienz ist ebenfalls mit sehr deutlichen Hautsymptomen verbunden (siehe Abbildung 4). Durch die fehlende Feedbackhemmung von Cortisol auf dessen hypothalamische und hypophysäre Releasing-Hormone Corticotropin Releasing Hormon und Adrenocorticotropin (ACTH) kommt es zu einer gesteigerten Produktion des vom Precursor-Hormon Proopiomlanocortin (POMC) abgeleiteten Alpha-Melanozytenstimulierenden Hormons, welches zu Hyperpigmentierung führt. Diese Hyperpigmentierung ist im Bereich der Haut über Gelenken, Mamillen, Narben, Handlinien und der Mundschleimhaut am deutlichsten zu sehen.
Erwähnenswert ist weiters, dass bei sekundärer (also hypothalamischhypophysär verursachter) Nebenniereninsuffizienz diese Hyperpigmentierung fehlt, da verminderte POMC-Produktion ja die Ursache des Glukokortikoid-Mangels darstellt.
Die primäre Nebennierenrinden-Insuffizienz ist sehr häufig mit anderen Autoimmunerkrankungen verbunden, so auch mit Vitiligo (siehe Abbildung 5 und Kasten 2). Die Erstbeschreibung der Nebenniereninsuffizienz durch den Dermatologen Thomas Addison Mitte des 19. Jahrhunderts war schließlich auch ein Nebenprodukt, da dieser primär an der Vitiligo interessiert war und dabei zufällig die Atrophie der Nebennieren entdeckte.
Die akute Nebenniereninsuffizienz stellt jedenfalls eine akut lebensbedrohliche Situation dar, die raschen Handelns bedarf: Flüssigkeitssubstitution mit zwei bis vier Litern 0,9-prozentiger Kochsalzlösung sowie Substitution von Hydrokortison anfangs in einer Dosierung von 100 mg und bei Bedarf Wiederholung nach acht Stunden. In weiterer Folge kann dann auf eine orale Substitutionstherapie mit zehn bis 30 mg Hydrokortison übergegangen werden, wobei in Nachahmung des physiologischen Tagesrhythmus zwei Drittel der Dosis morgens und ein Drittel der Dosis nachmittags verabreicht werden sollten.

Neuroendokrine Tumore

Karzinoid: Auch das Karzinoid kann mit sehr eindrucksvollen Veränderungen der Haut verbunden sein. Diese Flush-Symptomatik (siehe Abbildung 6) wird durch Freisetzung von Serotonin und auch anderer vasoaktiver Substanzen wie Kininen, Kallikrein und Prostaglandinen verursacht. Das Karzinoid ist der häufigste neuroendokrine Tumor. Die Hauptlokalisation findet sich im oberen Gastrointestinaltrakt, aber auch Rektum und Colon können befallen sein. 30 Prozent der Karzinoide sind außerhalb des Gastrointestinaltraktes lokalisiert, hier vorwiegend im Bereich der Lunge und des Bronchialsystems.
Glukagonom: Hier finden sich ganz charakteristische periorale, perianale bzw. perigenitale Hautveränderungen: das nekrolytische Erythema migrans (siehe Abbildung 7), das häufig zur Diagnose führt.
Phäochromocytom: Im Gegensatz zur Flush-Symptomatik kann bei Vorliegen eines Katecholamin-produzierenden Tumors im Bereich der Nebennieren, selten auch extraadrenal, neben den typischen Symptomen wie Schwitzen, Tachykardie, Palpitationen auch Blässe auftreten. Das Phäochromocytom kann auch im Rahmen eines endokrinen Syndroms (multiple endokrine Neoplasie Typ 2) auftreten und ist hier mit dem medullären Schilddrüsenkarzinom und häufig auch mit einem primären Hyperparathyreoidismus verbunden. Schließlich kann ein Phäochromocytom auch mit der Neurofibromatose Typ 1 vergesellschaftet sein; dabei können Café-au-lait-Flecken nachweisbar sein.

Schilddrüsenfunktionsstörungen

Sowohl Unter- als auch Überfunktion der Schilddrüse kann mit Hautveränderungen vergesellschaftet sein. Bei der Hypothyreose finden sich neben trockener, schuppender Haut spröde Fingernägel und gelegentlich Ausfall des lateralen Drittels der Augenbrauen, bei der Hyperthyreose warme feuchte Haut. Weiters ist im Rahmen einer Hypothyreose gelegentlich die Einlagerung von Glykosaminglykanen mit Ausbildung des typischen Myxödems zu sehen.

Diabetes mellitus

Sowohl Diabetes mellitus Typ 1 als auch Typ 2 kann mit einer Vielzahl von Hautveränderungen verbunden sein:
• Infektionen
• Xanthome
• Diabetische Dermopathie
• Erythem
• Scleroedema adultorum
• Necrobiosis lipoidica diabeticorum
• Granuloma annulare
• Vitiligo
• Acanthosis nigricans
Die diabetische periphere Neuropathie mit gestörter oder fehlender Temperaturwahrnehmung kann zu schweren Verletzungen der Haut führen, die wiederum aufgrund der häufig gleichzeitig bestehenden Makro- und Mikroangiopathie einen dramatischen Verlauf mit Verlust von Extremitäten nehmen können (siehe Abbildung 8).

Kontakt: Univ.-Prof. Dr. Anton Luger, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Klinische Abteilung für Endokrinologie & Stoffwechsel, Medizinische Universität Wien und Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien.
E-Mail:

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben