zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 16. Oktober 2007

„Die Schuppen vom Körper duschen“

Wie Etanercept und Adalimumab hemmt auch Infliximab den Tumor-Nekrose-Faktor (TNF-a). Infliximab ist ein monoklonaler, chimärer Antikörper, der aus einem humanen und einem murinen Anteil besteht. TNF a – ein proinflammatorisches Zytokin –spielt im Körper eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Infektionen und Tumoren. Bei chronisch entzündlichen Erkrankungen, wie Psoriasis, wird ein Übermaß an TNF-a freigesetzt. Es kommt zu einer vermehrten Produktion weiterer proinflammatorischer Zytokine, zur Bildung neuer Blutgefäße, zur Einwanderung von Immunzellen in die Haut und letztendlich zur – für die Psoriasis typischen – vermehrten Proliferation von Keratinozyten.
In Österreich ist Infliximab für die Indikationen Plaque-Psoriasis im Erwachsenenalter, Psoriasis-Arthritis, rheumatoide Arthritis, ankylosierende Spondyltis, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und seit Juni 2007 auch für Morbus Crohn im Kindesalter (ab sechs Jahre) zugelassen.
hautnah sprach mit Prof. Dr. Elisabeth Riedl, Klinische Abteilung für Allgemeine Dermatologie, Medizinische Universität Wien, über Wirkungs- und Sicherheitsprofil.

Wie und wie schnell wirkt Infliximab?
Riedl: Infliximab bindet sowohl freies als auch membrangebundenes TNF-a. Weiters führt es zur komplententaktivierten Zerstörung von Zielzellen. Infliximab zeichnet sich durch einen raschen Wirkungseintritt aus. Es kommt individuell unterschiedlich, zuweilen schon nach der zweiten Infusion, zu einer deutlichen Besserung des Hautzustandes. Patienten, bei denen das Medikament besonders gut wirkt, erzählen, dass sie sich die Schuppen buchstäblich vom Körper duschen.

Wie ist das Therapieschema?
Riedl: Infliximab wird als Infusion verabreicht. Bei Psoriasis beginnt man mit einer Einleitungstherapie: 5 mg pro kg Körpergewicht zur Woche 0, Woche 2 und Woche 6. Anschließend folgt eine Erhaltungstherapie, die alle acht Wochen stattfindet. Die Infusion selbst dauert zwei Stunden, gefolgt von einer einstündigen Nachbeobachtung. An unserer Abteilung erfolgt die Behandlung tagesstationär. Prinzipiell kann die Infusion auch in der Ordination verabreicht werden, sofern dies durch medizinisch qualifiziertes Fachpersonal erfolgt, das im Umgang mit Infusionsreaktionen Erfahrung hat.

Trotz der schnell eintretenden Wirkung ist eine Erhaltungstherapie notwendig?
Riedl: Ja. Es gibt allerdings Studien, die den Einsatz einer Erhaltungstherapie alle acht Wochen – wie in der Zulassung vorgesehen – mit einer intermittierenden Behandlung, das bedeutet Infusion nur bei einer Verschlechterung des Hautzustandes, vergleichen. Der Vorteil einer intermittierenden Behandlung sind eventuell größere Infusionsintervalle, was Kosten und Zeit spart. Allerdings besteht das Risiko eines Wirkverlusts, ein Problem, das auch entsteht, wenn die Therapie mit Infliximab beendet und nach langer Zeit wieder begonnen wird. Dieser Wirkverlust hängt vermutlich mit der Bildung neutralisierender Antikörper gegen Infliximab zusammen. Studien haben auch gezeigt, dass bei Patienten, die Antikörper gegen Infliximab entwickeln, häufiger infusionsbedingte Reaktionen auftreten.

Kann man im Vorfeld, anhand des klinischen Bildes, schon sagen, wer wie reagieren wird?
Riedl: Nein, das ist individuell unterschiedlich. Allerdings scheint durch eine gleichzeitige immunsuppressive Therapie, z.B. mit Methotrexat (MTX) in niedriger Dosierung, die Entwicklung der Antikörper hintangehalten zu werden. Umgekehrt besteht ein höheres Risiko zur Antikörperbildung, wenn eine laufende immunsuppressive Therapie während oder vor der Behandlung mit Infliximab abgesetzt wird.

Sollte man da nicht vorsorglich gleich mit Methotrexat kombinieren?
Riedl: In der Rheumatologie wird das bei den Indikationen rheumatoide Arthritis und Psoriasis-Arthritis gemacht. Bei der Psoriasis ist Infliximab als Monotherapie zugelassen. Ich halte allerdings eine Kombination mit MTX für sinnvoll, weil man, abgesehen von der möglichen Verhinderung einer Antikörperbildung, Infliximab unter Umständen über gewisse Zeiträume niedriger dosieren kann.

Wie entscheiden Sie, welches Biologikum ein Patient bekommt?
Riedl: Ist die Indikation zur Gabe eines Biologikums gestellt, so lautet die erste Frage:Wie massiv ist der Befall? Bei sehr starker Ausprägung entscheiden wir uns dann meist für Infliximab, weil es rasch wirkt. Auch bei Patienten mit fraglicher Compliance oder bei jenen, die Schwierigkeiten mit der Selbstverabreichung haben könnten – etwa bei stark ausgeprägter Arthritis – oder Spritzenphobie, entscheiden wir uns für Infliximab.

Wie sieht das Sicherheitsprofil von Infliximab aus?
Riedl: Das Sicherheitdsrofil von Infliximab wurde in einer Reihe von Studien in den unterschiedlichen Indikationen untersucht. In der EXPRESS-Studie wurde neben der Wirksamkeit auch das Sicherheitsprofil von Infliximab bei Patienten mit Plaque-Psoriasis getestet. Es hat sich gezeigt, dass unter der Therapie mit TNF-a-Blockern das Risiko für schwere Infekte, die zum Teil untypisch verlaufen können, erhöht ist. Das Hauptaugenmerk gilt nach wie vor der Tuberkulose, da es unter der Therapie zu einer Reaktivierung einer latenten Tuberkulose kommen kann bzw. eine neu akquirierte Erkrankung sehr viel massiver verlaufen kann. Da in Österreich die Tbc-Impfung schon relativ lange nicht mehr durchgeführt wird und der Impfschutz rund 15 Jahre beträgt, ist der Anteil der geschützten Bevölkerung relativ gering. Weiters ist auf bronchopulmonale Infektionen, Hautinfektionen wie Erysipel, virale Infektionen wie Herpes zoster zu achten.

Was ist da im Vorfeld zu tun?
Riedl: Eine gute Anamneseerhebung, eine Risikoabschätzung, eine gute Aufklärung des Patienten über die geplante Therapie sind wichtig. Patienten mit bestimmten Grunderkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes mellitus, sind darüber aufzuklären, dass Harnwegsinfekte, zu denen sie aufgrund des Diabetes ohnehin neigen, unter der Therapie mit TNF-a-Blockern schwerer verlaufen können. Daher ist vor allem auch die Information des Hausarztes über die Biologika-Behandlung wichtig. Die Patienten sollten wissen, dass sie unter einer Therapie mit TNF-Blockern auch bei leichten Infekten oder Hautverletzung ihren Arzt kontaktieren sollen. Infekte sollten unter der Therapie auch forscher behandelt werden, wo man sonst vielleicht abwarten würde. Wenn man früh eingreift, sind die meisten Infektionen gut zu managen. Kommt es zu einer Infektionskrankheit, wird die Therapie unterbrochen. Auch vor Operationen und größeren zahnärztlichen Eingriffen sollte die Therapie pausiert werden.

Was sind absolute Kontraindikationen?
Riedl: Maligne Erkrankungen, bestimmte neurologische Erkrankungen wie multiple Sklerose, höhergradige Herzinsuffizienz sowie bekannte Allergien gegen Infliximab. Eine aktive oder eine latente, nicht behandelte Tbc ist ebenso eine Kontraindikation wie schwere aktive Infektionen, bestehende opportunistische Infektionen oder nicht kontrollierbare Stoffwechselerkrankungen. Weiters darf Infliximab während Schwangerschaft und Stillzeit nicht verabreicht werden. Allerdings gibt es bisher keine Berichte über unerwartete Auswirkungen auf Schwangerschaften unter Infliximab.

Das Gespräch führte Elisabeth Tschachler-Roth

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben