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Dermatologie 9. Oktober 2007

Weit verzweigte Familie

Noch bis vor kurzem waren Genitalwarzen ein Problem im Geheimen, eins, das zwar rund ein Prozent der Erwachsenen plagt, von dem aber kaum einer sprach. Ähnliches galt für das Gebärmutterhalskarzinom. Seit gut einem Jahr gibt es die erste Impfung gegen einige Typen des humanen Papillomvirus HPV, des Verursachers der hartnäckigen Condylomata acuminata und von 70 Prozent der Zervixkarzinome. Seither ist das Bewusstsein für HPV-Erkrankungen gestiegen.

Mehr als 100 verschiedene Genotypen umfasst die weit verzweigte Familie der HPV. Über 30 Typen können zu Infektionen im Genitoanalbereich führen, die sich entweder gar nicht oder manchmal auch erst viele Jahre nach der Infektion klinisch manifestieren. Weit gefährlicher als die Ansteckung mit den Niedrigrisikotypen HPV 6 und HPV 11, die Genitalwarzen verursachen, ist die Infektion mit den Typen 16, 18, 31, 33, 35 u.a.m. Sie gelten als High-risk-Erreger, da sie regelmäßig in Vorstadien des Zervixkarzinoms und in mehr als 99 Prozent der invasiven Karzinome der Cervix uteri sowie auch in Analkarzinomen und intraepithelialen Neoplasien des äußeren Genitales nachgewiesen werden. Der derzeit auf dem Markt befindliche Impfstoff ist gegen die Typen 16 und 18 sowie 6 und 11 wirksam.
Prof. Dr. Reinhard Kirnbauer von der Klinischen Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten an der Med­Uni Wien beschäftigt sich seit 17 Jahren mit dem Virus und ist Mitentwickler der Vakzine. Im Gespräch mit der Ärzte Woche erläutert er, welche Erkenntnisse im letzten Jahr gewonnen wurden, warum eine Testung auf HPV nicht empfohlen wird und warum es 30 Jahre dauert, bis sich der volle volksgesundheitliche Benefit der Impfung zeigt.

Dass eine Impfung der zwölfjährigen Mädchen sinnvoll ist, darüber herrscht breiter Konsens. Doch bis zu welchem Alter profitieren junge Frauen von einer Immunisierung?
KIRNBAUER: Eine Impfung gegen HPV hat prinzipiell nur so lange Sinn, als die Frau noch nicht mit den in der Vakzine enthaltenen Virustypen infiziert ist. Sie ist also rein prophylaktisch, nicht therapeutisch wirksam. Da die Übertragung auf sexuellem Weg stattfindet, bedeutet das, dass der volle Impfschutz nur bei Frauen bzw. Mädchen wirksam wird, die sexuell noch nicht aktiv sind. Das ist nicht nur individuell unterschiedlich, sondern hängt auch von den verschiedenen Kulturen ab. In Schweden sind beispielsweise
92 Prozent der 18-jährigen Frauen sexuell aktiv, in Portugal 25 Prozent. Die Daten aus Österreich dazu sind eher spärlich.

Könnte man nicht testen lassen, ob man bereits mit HPV infiziert ist?
KIRNBAUER: Es gibt zwar die Möglichkeit einer zervikalen Tes­tung. Jedoch würde ein negatives Ergebnis nicht notwendigerweise bedeuten, dass noch kein Kontakt mit HPV erfolgt ist. Es könnte unter anderem eine Infektion bereits vom Immunsystem erfolgreich beseitigt worden sein.

Wenn es dem Immunsystem gelungen ist, einen Virusstamm – nehmen wir an, den krebserregenden Typ HPV 16 – niederzuringen, besteht dann lebenslange typenspezifische Immunität?
KIRNBAUER: Das ist sehr wahrscheinlich. Und wenn es doch zu einer Reinfektion kommt, dann ist sie vermutlich nicht persistierend. Es ist nicht erwiesen, dass man mit der Impfung das Immunsystem in solchen Fällen boosten soll, damit es mit einer Reinfektion besser fertig wird.

Wann wird sich, vom Standpunkt der Volksgesundheit aus, zeigen, welchen Benefit die Impfung in Bezug auf Verhinderung von Gebärmutterhalskrebs tatsächlich hat?
KIRNBAUER: Der volle Nutzen zeigt sich in 20 bis 30 Jahren. So lange dauert es, bis die heute 12-Jährigen in dem Alter sind, in dem Gebärmutterhalskrebs sich für gewöhnlich manifestiert. Durch „Catch-up“-Vakzinierung (z.B. der 13- bis 18-jährigen Mädchen) kann dieser Zeitpunkt vorverlegt werden. Allerdings entwickeln sich mittelgradige Dysplasien, also Krebsvorstufen, bedeutend schneller, nämlich innerhalb von drei bis vier Jahren nach Infektion. Das hat man in Studien im Vergleich mit den Probandinnen, die Placebo bekamen, gesehen. Bei den Frauen der Verum-Gruppe konnten solche Dysplasien zu einem hohen Prozentsatz verhindert werden. Das verringert die Kosten für Kolposkopien, Konisationen und deren Folgen Zervix­insuffizienz und Frühgeburtlichkeit.

Das Gespräch führte Elisabeth Tschachler-Roth

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